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Menschen, die Jogging-Routen auf Facebook posten, haben ein psychisches Problem

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JOGGING SELFIE
gpointstudio via Getty Images
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Es gibt diese Arten von Menschen in den Sozialen Medien, die die Nerven gelegentlich etwas überstrapazieren. Vermutlich kennt ihr sie auch:

Nutzer, die jeden Tag stolz ihr Bio-veganes #healthylifestyle Mittagessen posten, zum Beispiel. Oder Leute, die jeden Fortschritt ihres Pärchen-Lebens für die Nachwelt dokumentieren müssen (Status: "Schatz und ich in/auf/beim...->hier bitte beliebigen Ort einfügen).

Ein bestimmter Schlag von Facebook-Nutzern übertrifft diesen Nervfaktor der schon genannten Gruppen aber noch: Die Fitness-Gurus.

Die Schlimmsten ihrer Gattung: Die Jogging-Poser. Psychologen sind sogar der Meinung, dass diese Leute eine psychische Störung haben.

Erst laufen, dann ins Büro. YEAH!

Den Jogging-Posern reicht es nicht, einfach nur joggen zu gehen. Sie gieren nach Anerkennung für ihre sportliche Leistung, in der Währung der sozialen Medien: Likes. Herzchen lassen sie auch noch gelten.

Um 7 Uhr morgens, noch im Bett liegend, bleibt man gelegentlich an einem dieser Status-Updates hängen:

"Hans Wurst ist hier: Stadtpark. Heute endlich wieder die 3-km-Marke geknackt. YEAH. Krasser Scheiß. Jetzt auf ins Büro. Läuft hart bei mir - feeling fantastic"

Man scrollt weiter und ja, natürlich, auch der Kollege von Hans war schon laufen und postet stolz seine rekordverdächtige Leistung über die "Freeletics"-App. Schließlich sollen alle Facebook-Nutzer zurückverfolgen können, dass Peter einen Kilometer in nur acht Minuten im Kreis durch den Wald gerannt ist.

Im Instagram-Feed folgt das nächste Grauen: Turnschuhe auf bunten Herbstblättern leuchten einem entgegen. Klar, dass die Nachbarin auch schon laufen war.

"Morgen-Routine: 2 km Laufen zum Aufwärmen! Bald wieder Marathon! VORFREUDE!!! #feelsgood #running #marathon #healthy #instahealth #sportaddicted #lovemylife"

Fast bekommt man ein schlechtes Gewissen. Fast.

Man selbst will sich gerade schon fast ein bisschen schämen und brav den Like-Button klicken. Ist ja nicht so, als würde man gar keinen Frühsport betreiben. Das morgendliche zum Bus oder zur S-Bahn rennen wird allgemein unterschätzt. Für einen Facebook-Status mit Bizeps-Emoji ist es dann aber doch ein bisschen zu peinlich.

Aber: Moment mal.

Wieso glänzen die Turnschuhe auf dem hübsch drapierten Laub auf Instagram eigentlich so verräterisch sauber und neu? Nach täglichem Joggen dürften die doch eigentlich nicht mehr so aussehen? Mysteriös.

Und einen Kilometer in acht Minuten zurückzulegen ist bei genauerer Überlegung vielleicht für ein Kleinkind auf einem Bobbycar schnell. Aber nicht für jemanden, der angeblich extrem sportlich ist oder gerade für einen Marathon trainiert.

Schnell stellt sich heraus: So sportlich wie die Fitness-Gurus auf Facebook und Co. wirken wollen, sind sie in der Realität gar nicht. Dennoch haben viele, auch nicht überdurchschnittlich sportliche Menschen, das Bedürfnis, ihre (Nicht)-Erfolge mit ihren Freunden und Bekannten zu teilen.

Die Psychologin Tara Marshall überrascht das überhaupt nicht. Für sie ist klar: Menschen, die ihre sportlichen mehr oder weniger beeindruckenden Leistungen auf Facebook posten, haben eine psychische Störung. Sie sind Narzissten. Menschen, die sich nur um sich selbst drehen.

"Narzissten brauchen die Aufmerksamkeit und vor allem die Anerkennung ihrer Freunde. Sie glauben, dass ihre Freunde sie dafür bewundern, wenn sie mit ihrer Fitness angeben", sagte Marshall der Huffington Post.

Das hat die Psychologin sogar wissenschaftlich erwiesen. Zusammen mit einem Forscherteam hat sie an der Brunel University in London eine Studie zur Selbstdarstellung auf Facebook durchgeführt.

Mehr zum Thema: Leute, die gym-Selfies posten, haben ein Problem

Dazu sammelten die Psychologen die Daten von 555 Facebook-Nutzern. Diese mussten verschiedene Fragebögen zu ihrem Selbstbild und zu ihrer Motivation, Status-Updates zu posten, ausfüllen.

Danach zeigte sich: Die Personen, die das Bedürfnis hatten, besonders viele sportliche Erfolge zu posten, zeigten deutliche narzisstische Tendenzen.

Die größten Selbstdarsteller fühlen sich eigentlich wertlos

Es könnte also sein, dass einige der Jogging-Poser unter euren Facebook-Freunden tatsächlich hauptsächlich für ihr Status-Update laufen gehen - und weniger für sich selbst.

Oft beschleicht einen auf Facebook das Gefühl, dass derartige Menschen sich selbst ganz besonders toll finden. Aber, erklärt der Psychiater Daniel Wagner, genau das Gegenteil ist der Fall.

"Narzissten haben eigentlich die Wahrnehmung, wertlos zu sein", sagte Wagner der Huffington Post. "Nach außen wirkt es vielleicht so, als ob Leute, die beispielsweise sportliche Erfolge auf Facebook posten, enorm viel drauf haben und sehr selbstsicher sind. Tatsächlich machen das diese Menschen aber, weil sie ihre erlebte Wertlosigkeit damit kompensieren wollen.

Das können zum Beispiel Menschen sein, denen früher dauernd von ihren Eltern gesagt wurde: 'Du kriegst ja gar nichts auf die Reihe!' und die seitdem das Gefühl haben, nicht zu genügen. Diese Wahrnehmung kann sie ihr ganzes Leben lang begleiten.

Das Problem: Kommen Sie mit ihren Postings nicht gut an, haben sie das Bedürfnis, sich noch weiter zu verbessern. Sie werden also noch mehr posten und merken womöglich nicht, dass sie andere Menschen damit eventuell nerven. So beginnt ein Teufelskreislauf."

Die schlechte Nachricht: Wir sind fast alle Narzissten

Angesichts dieser Tatsachen wäre es vielleicht sogar besser, die Postings der Jogger und Pseudo-Marathonläufer einfach kommentarlos zu liken - immerhin hebt man damit ihr Selbstwertgefühl.

Aber der Sozialwissenschaftler und Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier spricht die grausame Wahrheit aus: In Wahrheit sind wir fast alle Narzissten.

"Wir leben in einer Zeit des Narzissmus. Wer keine Laufstrecken postet, postet vielleicht stattdessen Selfies von sich", sagte er der Huffington Post. "Die größte Angst der meisten Menschen ist heutzutage der Ich-Verlust, die Angst davor, nicht mehr bemerkt zu werden."

Den Grund dafür sieht er auch in der immer höheren Wichtigkeit, die die Sozialen Medien für uns einnehmen. "Die Sozialen Medien sind die perfekten Plattformen für die Selbstinszenierung der Menschen."

Was nun?

Alle, die sich beim Lesen etwas ertappt gefühlt haben, können jetzt also aufatmen: Euer Geltungsdrang ist vollkommen normal - zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Alle befragten Psychologen waren sich einig: Hat jemand ständig das Bedürfnis, seine sportlichen Erfolge auf Facebook zu posten, hat man es in diesem Fall vermutlich mit einem Narzissten zu tun.

"Gerade Sport ist etwas, das als sehr heroisch gilt - damit können sich Narzissten bestens profilieren", meint Heinzlmaier.

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(pb)