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Warum es zwangsläufig zu einem Zerwürfnis zwischen Trump und Putin kommen wird

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(Ein Putin-Berater hat angedeutet, dass Russland Trump zum Wahlsieg verholfen hat – mehr dazu im Video oben.)

Wer in den vergangenen Wochen und Monaten in Russland fernsah und Zeitungen las, musste zu dem Schluss kommen, dass es eine Inkarnation des Bösen gibt auf unserem Planeten: Hillary Clinton.

Kaum ein Vorwurf war den Kreml-Propagandisten, die sich hartnäckig als Journalisten ausgeben, zu absurd, wenn es um die Demokratin ging: Dass sie bei der Gründung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Pate gestanden habe, war nur die Spitze des Rufmord-Eisbergs.

Nicht nur an der inländischen Propaganda-Front mischte sich Moskau massiv in den US-Wahlkampf ein. Nach Ansicht Washingtons hat Moskau auch in den USA selbst versucht, Einfluss zu nehmen – etwa durch Hacker-Angriffe auf die Computersysteme der Demokraten.

Sehr mediengerecht, Häppchen für Häppchen, wurden so schlechte Nachrichten über und für die Demokraten in die Welt gesetzt. Und weil so eine Einmischung außerhalb unserer Vorstellungswelt liegt, wurde sie nur unzureichend wahrgenommen und thematisiert.

Putin hat Eimischung in die USA sogar zugegeben

Dabei würde es sich keinesfalls um eine Innovation handeln: Schon Katerina die Große, die Deutsche auf dem Zarenthron, wies ihre Getreuen im 18. Jahrhundert an, Wahlen im benachbarten Schweden zu beeinflussen, auch wenn die Ausgaben den Staatshaushalt massiv belasteten: Russland, so ihr Schluss, käme es teurer zu stehen, auf die Wahlen keinen Einfluss zu nehmen.

Wladimir Putin hat auf mit dem ihm eigenen, spöttischen Zynismus diese Einmischung in den USA sogar zugegeben: “Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass Russland die Wahl des amerikanischen Volkes beeinflussen kann? Ist Amerika etwa eine Bananenrepublik?”, fragte der Kreml-Chef Ende Oktober auf dem Waldai-Forum.

Die Vereinigten Staaten seien doch eine Großmacht. “Putin hat seine Worte geschickt gewählt. Sie waren ein Bekenntnis, in ein Dementi verpackt, verbunden mit einer kaum verhüllten Demütigung des Gegners”, schrieb Markus Wehner in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”: “Spätestens seit den Hackerangriffen auf die Rechner der amerikanischen Demokratischen Partei im Juli ist Russland Teil des amerikanischen Wahlkampfs.”

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Hillary Clinton ging im Wahlkampf so weit, Trump als “Marionette Putins” zur bezeichnen. In den Medien kursierte gar das Gerücht, Putin habe Trump mit kompromittierenden Videoaufzeichnungen von Sex-Orgien bei dessen Moskau-Besuch im Griff und könne ihn erpressen.

Putin reagierte überraschend zurückhaltend auf Trumps Sieg

Ernsthafte Belege für solche Behauptungen außer Aussagen von “Geheimdienst-Insidern” gibt es nicht – völlig auszuschließen sind sie aber auch nicht, da sie ganz den Traditionen des KGB stehen, dessen Arbeitsmethoden unter Putin und den anderen KGB-Männern in seiner Führungsriege zum alltäglichen Handwerkszeug in Moskaus Politikbetrieb gehören.

Die Reaktion von Putin und seinen gesteuerten Medien über den Trump-Triumph viel aus dieser Warte betrachtet überraschend nüchtern aus – obwohl die russische Opposition massive Hoffnungen mit einem Sieg Clintons verbunden hatte und schon hoffte, Putins werde bald aus dem Kreml ausziehen müssen, nachdem sie ins Weiße Haus einzieht.

Obwohl Clinton tatsächlich persönliche Rechnungen mit Putin offen hat, war so eine Prognose gewagt. Putin und seine Analysten betrachten ihre wirklichen Perspektiven unter einem Präsidenten Trump offenbar weniger blauäugig - und so ist ihre Zurückhaltung zu erklären.

Zum einen scheint Trump nur in einem Punkt zuverlässig: Er ist extrem unzuverlässig und wechselt seine Positionen ebenso überraschend und regelmäßig wie Wladimir Putin seine Posen für die Fotografen.

Die Frage ist nur, wann es zu dem Zerwürfnis kommen wird

Trump ist als Präsident auf den Rückhalt seiner Partei angewiesen – und die Republikaner sind weitaus putinkritischer als die Demokraten. Zwar könnte es Putin durchaus gelingen, womit er bei Obama abgeblitzt ist: Die Weltkarte abzustecken in Einflusszonen.

Kurzfristig scheint einer Annäherung zwischen Moskau und Washington nichts mehr im Wege zu stehen.

Langfristig gibt es jedoch ein Problem: Wladimir Putin hat bislang bewiesen, dass er nicht vertragsfähig ist und Abmachungen mit ihm fast ebenso werthaltig sind wie Treueversprechen von Heiratsschwindlern.

Für Trump als gelernten Geschäftsmann sind Zusagen und Handschläge aber von besonderer Bedeutung – und insofern könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der Kriegsherr im Kreml und der verhaltensauffällige Milliardär im Weißen Haus überwerfen.

Und dann spricht viel dafür, dass Trump andere Saiten aufzieht als Barack Obama, der mehr wie ein Sozialpädagoge agierte denn als Oberhaupt einer Großmacht.

Die große Frage ist weniger, ob es zum Zerwürfnis zwischen Putin und Trump kommt. Eher wann.

Wie viel Schaden wird die Nato nehmen?

Und, ganz entscheidend: Wie viel Schaden werden die Nato und die westliche Wertegemeinschaft nehmen, bevor es zum wahrscheinlichen Zerwürfnis zwischen Putin und Trump kommt? Und wie groß ist die Gefahr einer “Trumpisierung” Europas?

Etwa eines Wahlsieges von Le Pen in Frankreich? Eines großen Erfolges der AfD in Deutschland?

Der Wahlsieg des Populisten in Amerika ist auch eine Warnung an uns: Die Entfremdung zwischen Politik und Medien auf der einen Seite und großen Teilen der Bevölkerung war entscheidend für Trumps Triumph. In Deutschland haben wir eine ähnliche Entwicklung. Die Tabuisierung von Ängsten und Sorgen sowie das Schönreden und Verdrängen von Problem führt zu Doppelzüngigkeit und treibt viele Menschen in die Arme der Radikalen und Populisten – sowie letztlich zur anonymen Rache an der Wahlurne.

Wenn die Devise jetzt heißt “weiter so”, droht uns am Morgen nach der Bundestagswahl 2017 ein Erwachen mit ähnlichem Gruselfaktor wie heute.

Doch nicht nur innenpolitisch stellt uns die Wahl in den USA vor völlig neue Herausforderungen. “Nach dieser Wahlnacht ist Angela Merkel die Anführerin der freien Welt”, mahnt der Publizist Jan-Philipp Hein: “Dummerweise kann Deutschland aber als Nicht-Atommacht nichts tun, wenn es drauf ankommt, etwa im Baltikum.”

Deutschland kann sich nicht mehr auf den "großen Bruder" USA verlassen

Bislang konnten sich Deutschland und Europa auf den “großen Bruder” USA verlassen, wenn es um ihre Sicherheit ging. Diese Zeiten sind seit heute vorbei.

Deutschland kann sich seine Pipi-Langstrumpf-Mentalität nicht mehr länger leisten – auch wenn diese Erkenntnis weh tut. Trump zwingt uns, erwachsen zu werden.

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(lk)