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"Der Lügen-Faktor": Darum lagen die Meinungsforscher bei der US-Wahl wieder daneben

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TRUMP
Meinungsforscher sahen Trumps Sieg nicht voraus. | dpa
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Es klingt unglaublich: Bereits vor 16 Jahren sagten die Macher der US-Zeichentrickserie "Die Simpsons" in einer Folge voraus, Donald Trump werde eines Tages US-Präsident werden. Die Satiriker hatten damit ein Szenario skizziert, das noch vor einigen Wochen die meisten US-Demoskopen für undenkbar hielten.

Fast alle US-Meinungsforschungsinstitute hatten Hillary Clinton als Wahlsiegerin prophezeit: Es gab in den letzten Umfragen am Morgen vor der Wahl unter 17 Instituten nur ein einziges, das einen Sieg von Trump prognostizierte - mit zwei Prozentpunkten Vorsprung vor der Demokratin.

"Die Meinungsforscher können einpacken!"

"Fox News"-Moderatorin Megyn Kelly pöbelte bereits in der Wahlnacht vor laufender Kamera: "Die Meinungsforscher können einpacken!" Deren Voraussagen seien das Papier nicht wert, auf dem sie stünden.

Tatsächlich lagen weltweit Demoskopen, wenn es um die Wählergunst von Nationalisten ging, zuletzt falsch. Der Aufstieg des Front National in Frankreich wurde von ihnen unterschätzt und fast alle deutschen Meinungsforschungsinstitute rechneten das AfD-Potential bei den Wählern bei den deutschen Landtagswahlen in diesem Frühjahr beinahe systematisch herunter. Lediglich Insa lag bei der Einschätzung der Wahlergebnisse der rechten Partei öfter richtig, musste sich jedoch in der Vergangenheit als AfD-nah beschimpfen lassen.

Doch es war vor allem das Brexit-Votum, das bei nicht wenigen Menschen weltweit den Eindruck entstehen ließ, dass die Meinungsforscher nicht der Wahrheit, sondern dem Mainstream verpflichtet seien. Sie sehen die Forscher als Teil einer Front aus Medien, Politik und Wirtschaft, die alles dafür tue, ihre Macht zu erhalten.

Angst vor sozialer Ausgrenzung

Dass Meinungsforscher gezielt bestimmte Parteien, Personen und Positionen in ihren Umfragen schönrechnen, dürfte aber zumindest bei den großen Marktforschungsinstituten ins Leere gehen. Das Problem ist ein anderes: Viele Menschen machten zuletzt offenbar bei den meist telefonisch durchgeführten Umfragen zu Wahlen oder Volksentscheiden in Europa oder Übersee schlicht falsche Angaben über ihr beabsichtigtes Wahlverhalten. Bei der US-Wahl gaben sie, als die Mitarbeiter der Meinungsforschungsinstitute anriefen, nicht zu, dass sie das politisch unkorrekte Kreuz setzen wollen.

Der Passauer Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter spricht hier von „einem Lügen-Faktor“. Wenn befragte Wähler Angst hätten, ihre Meinung widerspreche vermeintlich dem Mainstream und sie könnten sich damit sozial isolieren, würden sie lieber die Unwahrheit sagen. „Menschen, die glauben, dass sie die öffentliche Meinung gegen sich haben, geben nicht zu, wie sie wählen. Das merkten wir gerade bei der AfD“, sagt der Professor der Huffington Post.

Das Phänomen sei jedoch schon länger bekannt. Oberreuter sagt: „Das gab es schon bei der NDP.“

Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen wurden zuletzt auch hierzulande Warnungen laut, man dürfe das große Potential rechter Parteien in Deutschland bei Wahlen nicht unterschätzen. Oberreuter geht davon aus, dass die Wähler in Deutschland auch künftig nicht immer vorab offenbaren werden, dass sie eine rechte Partei wählen.

Doch mit der Wahl Trumps scheint die Demoskopie einen Tiefpunkt erreicht zu haben. Und das, obwohl in den USA ein viel besseres Datenmaterial vorliegt als in Großbritannien oder bei den jüngsten Wahlen hierzulande. Von 67 Umfragen in den vergangenen Tagen hatten dennoch nur vier Trump vorne gesehen.

Trump konnte Nicht-Wähler ansprechen

Die jetzt gescholtenen Meinungsforschungsinstitute rechtfertigen sich: Die Wähler hätten den Meinungsforschern gegenüber nicht zugegeben, wen sie wählen wollten. Ein zweiter Effekt: Die Forscher unterschätzten die Zahl der Wähler, die 2012 nicht zur Wahl gegangen waren, es aber mit Donald Trump wieder lohnend fanden.

Immerhin: Es gab während des US-Wahlkampfes vereinzelt auch Umfragen, die Trump vorne sahen: Hervorzuheben ist die Umfrage der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der „Los Angeles Times“. Die Meinungsforscher aus Kalifornien sahen praktisch durchgehend Trump als Sieger.

Ihr Erfolg stützt die These vom „Shy Trump Effekt“. Denn die Umfrage der „LA Times“ wurde im Internet durchgeführt, war also anonym. Möglicherweise waren die Befragten hier ehrlicher. „Es liegt der Verdacht nahe, dass Clinton-Anhänger mit einer höheren Wahrscheinlichkeit das auch so sagen, Trump-Anhänger weniger“, sagte Arie Kapteyn, Leiter der Studie.

Auch IBD/TIPP hatte den Trump-Sieg vorausgesehen - die Studie, die auch 2012 sehr präzise gewesen war. Niemand wollte sie ernst nehmen.

Steckt die Zunft der Meinungsforscher in einer Krise?

Klar ist: Es scheint zumindest schwerer geworden zu sein, politische Ereignisse einigermaßen korrekt vorherzusagen. Das liegt einerseits an technischen Veränderungen. Alte Telefonumfragen per Festnetz funktionieren nicht mehr, anonyme Online-Umfragen haben ihre eigenen Tücken, auch die über Mobiltelefone.

Die Stichprobenerhebung wird schwieriger, die Gewichtung der Ergebnisse noch mehr. “Ich habe 30 Jahre lang an die Kraft der Daten in der Politik geglaubt“, sagt der konservative Politik-Analyst Mike Murphy. „Heute Abend sind die Daten gestorben.“
Doch gibt es eine Alternative zur Meinungsumfrage? Möglicherweise ja.

Immer mehr kommen Projektionsmodelle in Mode - sie errechnen Wahrscheinlichkeiten und stellen diese grafisch dar. Letztlich basieren jedoch auch diese Modelle auf Umfragen.

Einen ganz anderen Weg geht etwa der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York. Er hat die These aufgestellt: Wenn ein Kandidat im Vorwahlkampf lange kämpfen muss, ist er im Nachteil. Zudem: Selten schafft es eine Partei, ihren Kandidaten durchzubringen, wenn ein Amtsinhaber derselben Partei acht Jahre im Amt war. Daraus hatte Norpoth eine 67- bis 88-prozentige Chance für einen Sieg Trumps errechnet.

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