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Ihr wundert euch, warum Donald Trump so erfolgreich ist? Es hat viel mit dem Versagen westlicher Medien zu tun

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DONALD TRUMP
Ihr wundert Euch, warum Donald Trump so erfolgreich ist? Es hat viel mit dem Versagen westlicher Medien zu tun | Christopher Aluka Berry / Reuters
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Es war ein Wahlkampf, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Und wie ihn kaum jemand noch einmal erleben möchte, der live dabei war.

Das Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wird als die wohl größte Schlammschlacht in die Geschichte westlicher Demokratien eingehen. Und noch ist kaum absehbar, welche Folgen diese Auseinandersetzung für das politische System in Amerika haben wird.

Ein Verlierer steht jedoch bereits jetzt schon fest – es ist jener Teil der Medien, der sich viel zu lange einer Auseinandersetzung um die tatsächlichen Ursachen des Erfolgs von Donald Trump gedrückt hat.

Die Berichterstattung über den Aufstieg des Multimillionärs, seinen Erfolg bei den Wählern und seinen letztlich sehr erfolgreichen, von rassistischen und sexistischen Motiven dominierten Wahlkampf wird Spuren hinterlassen – und könnte dazu beitragen, einmal mehr die Glaubwürdigkeit von Journalisten auf der ganzen Welt zu erschüttern.

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Und zwar in einem Maße, wie einst die oft wohlmeinenden Berichte über den amerikanischen Einmarsch in den Irak dem Ruf der Medien geschadet haben.

Journalisten sind in diesem Wahlkampf auf gleich mehreren Ebenen gescheitert: Sie haben das Phänomen Trump nicht deuten können, sie haben sich viel zu lang auf altgewohnte Deutungsmuster verlassen und sie haben auf falsche Weise Partei ergriffen. Das Drama spielte sich über anderthalb Jahre verteilt in mehreren Akten ab.

1. Journalisten weigerten sich viel zu lange, Donald Trump für voll zu nehmen

Zugegeben – so einen Kandidaten hatte es wohl noch nie gegeben. Donald Trump: Ein Mann, der laufend Tabus brach, der sich um die Gepflogenheiten in der demokratischen Auseinandersetzung einen feuchten Kehricht scherte und der es bis zum Ende des Wahlkampf auf eine stattliche Liste von Personen brachte, die er persönlich beleidigt hat.

Als er im September 2015 zum ersten Mal in einen Skandal um sexuelle Beleidigungen verwickelt war, schrieb "Spiegel Online" bereits einen Abgesang auf Trump. Der Republikaner wurde darin als "Möchtegernkandidat" tituliert.

Fazit des Autors: "So könnte Trumps ungehobelter Umgang mit Frauen zum entscheidenden Schwachpunkt seiner Kampagne werden. Denn auch den wütendsten, robustesten Konservativen dürfte klar sein, dass man mit so offener Misogynie kein gutes Bild abgibt." Das Muster wiederholte sich bei verschiedenen weiteren Gelegenheiten.

Und selbst, als Donald Trump in den Umfragen schon längst an die Spitze der republikanischen Präsidentschaftskandidaten strebte, veröffentlichte der "Tagesspiegel" noch einen Kommentar darüber, warum Donald Trump die Vorwahlen verlieren dürfte.

Zitat: "Der Rückfall auf Platz zwei in den Umfragen für Iowa bedeutet nicht das Aus für Trumps Aussichten auf die Nominierung. Aber es ist ein weiteres Indiz, dass seine Chancen schlechter stehen, als viele deutsche Medien dies unter Verweis auf die nationalen Umfragen darstellen."

Der Text ist ein klassisches Beispiel für einen Journalismus, der aus dem System heraus argumentiert – und die Dynamik der Trump-Bewegung (man muss sie so nennen) nicht wahrhaben will, weil vermeintlich einflussreiche Analysten im Washingtoner Politbetrieb das Gegenteil behaupten.

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2. Viele Journalisten warteten auf den Moment, in dem sich Trump "selbst erledigt"

Ja, Donald Trump ist ein Kandidat, den man mit einem einigermaßen humanistisch geschulten Menschenbild nur sehr schwer sympathisch finden kann.

Er degradierte im Laufe seines Wahlkampfs Frauen zu Objekten, schürte den Hass gegen den Islam, hetzte gegen illegale Einwanderer und war sich nicht zu schade, einen toten Irak-Veteranen zu beleidigen, weil der muslimischen Glaubens war.

In allen anderen Wahlkämpfen der Vergangenheit hätte ein einziger dieser Ausfälle schon ausgereicht, um einen Kandidaten unrettbar zu beschädigen. Dieses Mal war das nicht der Fall. Und das hat Gründe.

Rund um den Multimilliardär hatte sich von Beginn an eine elitenkritische Bewegung formiert, die alle Normen des politischen Systems ablehnte. Innerhalb dieser Bewegung fanden Menschen verschiedenster sozialer, intellektueller und ethnischer Herkünfte eine politische Heimat.

Der Paypal-Gründer Peter Thiel unterstützt Trump, ebenso wie der ehemalige politische Middle-Class-Held Chris Christie und die Tea-Party-Ikone Sarah Palin.

Mehr zum Thema: Die aktuellen Nachrichten zur US-Wahl findet ihr im HuffPost-News-Blog

Der Philosoph Zlavoj Zizek sagte kürzlich, dass er für Trump stimmen würde, wenn er Amerikaner wäre – weil er auf eine Erschütterung des Systems hofft. Anhänger des Sozialisten Bernie Sanders wollen Trump wählen, weil sie gegen den Washingtoner Politklüngel sind. Auch bei Frauen hat Trump trotz aller Ausfälle immer noch erstaunlich viel Zuspruch.

Und dann wäre da noch die Gruppe, auf die westliche Medien gern die Unterstützerschar von Trump reduzieren wollen: "wirtschaftlich abgehängte" weiße Männer. Das Deutungsmuster dahinter ist klar – nur männliche Modernisierungsverlierer stimmen für Trump. Aber so einfach ist es nicht.

Folgt man diesem Deutungsmuster bleibt beispielsweise völlig unklar, warum Trump etwa seine Sexismus-Skandale beinahe unbeschadet überstanden hat. Weiße Männer machen derzeit schließlich nur noch knapp 30 Prozent der US-Bevölkerung aus – und die stimmen bei weitem nicht alle für Trump.

Durchaus denkbar ist Folgendes: Trump hat seine Skandale auch deswegen überlebt, weil die Medien ihn als "erledigt" abgestempelt haben. Denn die "Mainstream-Medien" sind Teil eben jener Elite, denen viele Bürger bei der aktuellen Präsidentenwahl einen Denkzettel verpassen wollen.

3. In der Endphase des Wahlkampfs tappten viele Medien im Dunklen

Spätestens ab August 2016 war klar, dass Donald Trump eine ernsthafte Chance auf einen Wahlsieg hatte.

Viele amerikanische (aber auch deutsche) Medien reagierten auf die kurzfristigen Vorsprung Trumps im Spätsommer mit Entsetzen. Dafür war die Berichterstattung über Trumps Skandale nachher umso intensiver.

Trotz einiger positiver Beispiele – zu nennen wäre etwa die gute, weil hintergründige Berichterstattung auf "vox.com" oder auf dem Statistik-Blog "538" – blieb viel zu oft unklar, was die anhaltende Popularität von Trump wirklich ausgemacht hat.

Stattdessen präsentierten besonders deutsche Medien oftmals Stereotype, wie etwa das oben schon erwähnte Vorurteil, dass nur weiße, unzufriedene Männer für Trump stimmen würden. Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass Trump in bestimmten Regionen auch bei wohlhabenden Bürgern Vorteile hat. Im Oktober lag der Republikaner – trotz seiner frauenfeindlichen Ausfälle – auch in zwölf Bundesstaaten bei den weiblichen Wählern vorn.

Am Montag zeigte das ZDF in der Talksendung von Markus Lanz, wie es anders hätte laufen können: Da analysierte die in Amerika arbeitende Linguistin Elisabeth Wehling, mit welchen rhetorischen Mitteln Trump Menschen für sich gewinnt – und dass es bei der US-Wahl eben häufig nicht um die großen Sachfragen geht, wie in Deutschland oft suggeriert wird, sondern um die Zustimmung für einen Kandidaten und dessen Haltung.

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Ähnliches kann man übrigens auch in Deutschland bei der sich elitenkritisch gebenden AfD beobachten: Viele Wähler aus wirtschaftlich schwachen Milieus wählen die Partei von Frauke Petry, weil sie diese als Gegenmodell zu den so genannten "Altparteien“ sehen – und nicht wegen des in weiten Teilen wirtschaftsliberalen Programms. Das zu verstehen ist zentral für die Wahlen im kommenden Jahr in Deutschland.

Eine andere unrühmliche Rolle spielte das junge Genre des "Datenjournalismus". Die "New York Times" etwa "rechnete" zwei Wochen vor der Wahl aus, dass Clinton eine "92-prozentige" Siegeschance habe. Zugrunde lagen Wahlumfragen in den einzelnen Staaten. Was aber, wenn die Umfrageinstitute noch einmal so irren, wie bereits im Vorwahlkampf, als die viele Siege von Trump nicht prognostizieren konnten?

Auf diese Weise relativiert sich das Spiel mit der Vorhersage von Zukunft. Und womöglich wäre es klüger gewesen, nicht allzu sehr in die Treffsicherheit von "Daten" zu hoffen.

Deutsche Medien müssen künftig den Fokus öffnen und besser verstehen lernen, was elitenkritische Bewegungen treibt und wie sie ihre Wähler mobilisieren. Nur so kann es gelingen, tatsächlich darzustellen, was so viele Menschen in der westlichen Welt dazu treibt, ihre Stimme für Kandidaten abzugeben, die sich bewusst über demokratische Werte hinwegsetzen.

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(lk)