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Jemen ist nur ein hoffnungsloser Ort, solange die Welt wegschaut

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  • Während die Welt ihren Blick auf die USA und die dort bevorstehende Präsidentschaftswahl richtet, geht ein Land unter: Jemen
  • Seit mehr als eineinhalb Jahren tobt der Krieg zwischen schiitischen Houthi-Rebellen und sunnitischen Regierungstruppen
  • Maia Baldauf, eine Helferin der humanitären Organisation “Merc Corps” berichtet von den katastrophalen Umständen im Krisen-Land

"Bitte lasst uns nicht zurück. Glaubt an uns und unterstützt uns."

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Ein Mann schnürt seine Monatsration der Hilfsorganisation "Mercy Corps" auf seinen Packesel.

Sanaa, Jemen – “Ich habe letzte Nacht kaum geschlafen”, höre ich meine Kollegen sagen, als wir Kaffee in der Küche unseres Außenquartiers im Jemen kochen. “Meine Kinder haben jede Nacht solche Angst”, merkt ein anderer Kollege an.

Ich arbeite für “Mercy Corps“, eine globale Entwicklungshilfsorganisation. Und jeder in Sanaa, Jemens Hauptstadt, kann sich an das halbe Dutzend Luftangriffe letzte Nacht erinnern, die die Erde zum Beben und Fensterscheiben zum Zittern brachten. Seit Monaten ist das ein gewohntes Szenario bei unserem Haus im Süden der Stadt. Obwohl die jüngste Waffenruhe, zumindest in dieser Stadt, eine willkommene Atempause für 72 Stunden war, ist Sanaa wieder zu seinem tödlichen Status quo zurückgekehrt – und das ohne ein Anzeichen auf eine wirkliche Lösung in diesem Konflikt.

"Die Welt muss verstehen, dass wir vor einer der größten humanitären Krisen in der Welt stehen."

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass der Krieg hier ausbrach und der Bedarf an humanitärer Hilfe ist massiv. Über 14 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung - wissen derzeit nicht, wie sie an Nahrung kommen sollen.

Mehr als 19 Millionen Menschen fehlt der Zugang zu sauberem Wasser. Rund drei Millionen Kleinkinder sowie schwangere und stillende Frauen sind akut unterernährt oder benötigen dringend Hilfeleistungen, um die Gefahr durch akute Unterernährung aufzuhalten. Ich rufe mir diese Statistiken jetzt in Erinnerung, weil wir versuchen, die Öffentlichkeit rund um den Jemen darauf aufmerksam zu machen. Die Welt muss verstehen, dass wir vor einer der größten humanitären Krisen in der Welt stehen.

Doch Zahlen können das Leid nicht einfangen. Unser lokaler Ernährungsberater zeigt mir Handyfotos eines abgemagerten und erschöpft dreinschauenden Kindes, das aufgrund seiner Unterernährung in einer unserer mobilen Kliniken im Regierungsbezirk Taiz behandelt wird. Trainiertes medizinisches Personal ergreift Maßnahmen, doch selbst ich, der ich kein geschulter Klinikarzt bin, kann sehen, dass sich dieses Kind, das für sein Alter viel zu klein ist, in einem erschreckenden Zustand befindet.

Essen oder Schulbildung? Beides ist oft nicht zu vereinbaren

Unsere Teams im Außeneinsatz berichten, dass Eltern Mahlzeiten auslassen, um mit ihren hungernden Kindern Essen zu teilen. Durchfall tritt häufig auf und das medizinische Personal spricht davon, dass Cholera im Land ausgebrochen sei. Noch dazu lassen die heftigen Überschwemmungen vor wenigen Monaten, eine Wirtschaft, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, und die mehreren fehlgeschlagene Friedensgespräch die Situation im Jemen ausweglos erscheinen.

Seitdem wir 2010 unser Programm in dem Land gestartet haben, hat unser Team bei “Mercy Corps“ hart daran gearbeitet, so viele Notstände wie möglich zu beheben. Seit Anbeginn des Konflikts haben wir Essensgutscheine, Küchenutensilien, Hygienepakete, Decken und Matratzen an Zehntausende von Menschen verteilt.

Wir haben sowohl dabei geholfen, sanitäre Anlagen in Schulen und Gesundheitszentren zu sanieren, als auch Wasser in städtische Gebiete zu transportieren, die von der regulären Wasserversorgung abgeschnitten sind. Wir haben mehr als einer Millionen Menschen, die unter diesem Krieg leiden, geholfen.

Es reicht einfach nicht. Das Ausmaß des Konfliktes ist nicht abschätzbar.

Und doch gab es in dieser verheerenden Krise Lichtblicke, die uns das Beste der Menschheit vor Augen geführt haben. Einen dieser Momente haben wir kürzlich in einem kleinen Dorf nahe der Berge von Sanaas mächtigem Hochland erlebt.

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Die Familienoberhäupter erhalten monatlich ihre Essensgutscheine in Haymah Dakhliyah, Sanaa.

Flucht vor Krieg, dafür neue Konflikte

Der Stadtteil von Haymah Dakhilyah ist eine vierstündige Autofahrt von unserem Büro entfernt. Seine Landschaft zeichnet sich durch majestätische alte Gebäude aus, die sieben Stockwerke und mehr hoch sind. Stark bepackte Esel folgen den windigen Straßen, die unsere Teams durchqueren, um die ländlichen Gemeinden zu erreichen, die wir dort unterstützen. Als wir die Berge immer weiter emporsteigen, können wir Bauern auf ihren terrassenförmigen Feldern sehen, die Kaffeebohnen anbauen, während andere ihr Vieh zu Wasserstellen führen.

Es war eine schwierige Entscheidung, unsere Arbeit in diesem bestimmten Dorf im Haymah Dakhilyah Gebiet zu beginnen. Als letztes Jahr die Luftangriffe in Sanaa und den angrenzenden Gebieten begannen, flohen viele Familien in Dörfer wie dieses außerhalb der Hauptstadt.

Wir haben von diesem einen Dorf erfahren, nachdem bereits ganze Wellen an vertriebenen Menschen – auf der verzweifelten Suche nach Hilfe - dort angekommen sind. Doch das Dorf stand bereits vor einem eigenen, fest verwurzelten, innerem Konflikt über die Frage: Wer hat ein Anrecht auf den Grundbesitz? Die Anführer des Dorfes erzählten uns, dass sich die Gemeinde nicht mehr versammelt hat, aus Angst, es könnte in bewaffneten Aufständen enden. Wir haben hinterfragt, wie sicher es ist, dort zu arbeiten.

Wir gingen.

“Die Bedürfnisse dort waren enorm. Niemand sonst stellte Hilfe in Aussicht“, so Nasser, einer unserer Helfer, dessen Name aus Sicherheitsgründen abgeändert wurde. "Wir mussten einen Weg finden.“

Annäherung in Zeiten des Krieges

Ohne eine Lebensgrundlage und Einkommen waren einige Eltern in diesem Dorf dazu gezwungen sich zwischen Bildung oder Nahrung für ihre Kinder zu entscheiden.“

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Gemeindemitglieder nehmen an einem Hygiene- und Ernährungs-Seminar von "Mercy Corps" teil.

Auf den örtlichen Ausschusssitzungen, die wir organisierten, gingen die Leute davon aus, dass wir Essengutscheine an Familien verteilen oder Seminare über Hygiene und Ernährung an zwei Orten abhalten, die streng nach Dorf-Allianzen voneinander getrennt sind. Aber einer der örtlichen Anführer, Amar, dessen Name wir ebenfalls abgeändert haben, protestierte.

“Lasst die Kluft zwischen uns nicht noch größer werden“, bat er unser Team. "Nutzt dieses Programm als Chance, diesen Konflikt in unserem Dorf zu beenden. Lasst aus uns ein Verbreitungsgebiet werden und Freiwillige von beiden Seiten wählen, die dabei helfen.“

Da wir von seinem Ehrgeiz beeindruckt waren, versuchten wir es.

Als wir das erste Mal Essensgutscheine verteilt haben, versammelten sich alle Familienoberhäupter von beiden Seiten in dem dafür vorgesehenen Bereich. Die meisten hatten große Schusswaffen um ihre Schultern geschnallt. Die Situation war angespannt.

“Ich war nervös, dass etwas schief gehen könnte. Wäre das der Fall gewesen, hätten wir dieses Dorf sofort verlassen müssen ohne irgendwelche Hilfsleistung geben zu können“, so Nasser.

"Wir haben gelernt, dass Friede manchmal möglich ist."

Unser Team und die örtlichen Anführer erklärten den Gemeindemitgliedern, dass es nicht akzeptabel ist, wenn sie ihre Waffen während der Ausgabe mitbringen. Einen Monat später, bei der nächsten Verteilung von Essensgutscheinen, sah die Szene ganz anders aus. Nachdem die Anführer daran gearbeitet haben, die Menschen friedlich zusammenzubringen, kamen Dorfbewohner aus allen Teilen der Gemeinde zusammen und stellten sich an, um ihre Essensgutscheine zu erhalten. Niemand trug eine Waffe.

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Eine Familie in Haymah Dakhiyah trägt ihre monatliche Nahrungsration nach Hause.

"Damals haben wir gelernt, dass Friede manchmal möglich ist. Es gab uns – und dem Dorf – einen Funken Hoffnung in dieser schwierigen Zeit“, so Nasser.

Doch der Bedarf ist immer da. Einer der Familienväter sprach offen mit Nasser.

“Bitte verlasst uns nicht“, sagte er. "Glaubt an uns und unterstützt uns. Unser Dorf ist wirklich auf Hilfe angewiesen. Mit diesen Essensgutscheinen können wir Geld sparen, mit dem wir unsere Kinder wieder auf die Schule schicken können. Wir hoffen auf Erfolg und Frieden für unsere Gemeinde – mehr als auf Kämpfe.“

Was Jemen braucht, ist Hoffnung

Jemen ist eine komplexe Gegenüberstellung von Leid, Konflikt, Stärke und Versöhnung – selbst in Zeiten des Krieges. Ich habe mich an vielen Gesprächen beteiligt, bei denen Themen nahtlos ineinander übergingen: Das massiv vorherrschende Hungersproblem, der mangelnden Zugang zu Wasser, die schockierenden Zahlen zur Unterernährung, die rücksichtslosen Bombenangriffe, die frustrierend ungewisse Aussicht auf ein Ende des Krieges, die unendliche Wärme der Menschen des Jemen, seine hinreißende Architektur und Landschaft und seine reichhaltige und vielfältige Kultur.

So beschreiben viele Vielreisende ihr Lieblingsland. Obwohl ich hier in Zeiten des Krieges ankomme, kann ich nur sagen, dass es anders als jeder Ort ist, an dem ich je zuvor war. Es benötigt beides zugleich – sowohl die lebensrettenden humanitären Hilfeleistungen, als auch den tiefen Glauben – vor allem von der internationalen Gemeinden - , dass ein besserer Jemen möglich ist.

Dieser Artikel erschien wurde ursprünglich bei der World Post und wurde von Sabrina Litz übersetzt.

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(vr)

Während die Welt ihren Blick auf die USA und die dort bevorstehende Präsidentschaftswahl richtet, geht ein Land unter.