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Nach Brexit: Nachkommen von Holocaust-Flüchtlingen beantragen deutsche Staatsbürgerschaft

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Nach Brexit: Nachkommen von Holocaust-Flüchtlingen beantragen deutsche Staatsbürgerschaft | Darren Staples / Reuters
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  • Immer mehr Nachfahren geflohener deutscher Juden in Großbritannien interessieren sich für die deutsche Staatsbürgerschaft
  • Auslöser ist wohl der Ausgang des Brexit-Votums diesen Sommer

Die Nachfahren der zehntausenden deutschen Juden, die während des zweiten Weltkriegs vor den Nazis nach Großbritannien geflohen waren, nehmen nach dem Brexit vermehrt ihr Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft wahr.

Mehr als 400 Briten erkundigten sich nach dem Brexit-Referendum vom 23. Juni bereits nach der Gesetzeslage, bei den deutschen Behörden gingen mehr als 100 formelle Anträge ein. In den vergangenen Jahren waren es sonst nur rund 20 jährlich.

Für die Kinder und Enkel von Verfolgten des NS-Regimes, denen die deutsche Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen wurde, gelten dabei eigene Vorschriften. Sie haben unter bestimmten Voraussetzungen besonderen Anspruch auf eine Einbürgerung.

"Es geht um Versöhnung"

Einer der Bewerber ist Thomas Harding. Für den britischen Autor war es eine Entscheidung, die so mancher Nachkomme von Holocaust-Opfern nur schwer nachvollziehen kann. Aber sie drückt aus, was ihm wichtig ist: Nach dem Brexit in einem offenen Europa verwurzelt zu sein.

Als im Juni in Großbritannien das Votum gegen die EU fiel, brauchte der 48-Jährige nur ein paar Stunden zum Überlegen. Dann war klar, dass er sich um eine Staatsbürgerschaft bemühen würde, die seinen jüdischen Vorfahren während des Dritten Reiches entzogen wurde.

Um den Pass des Landes, aus dem seine Verwandtschaft fliehen musste. "Es geht nicht nur ums Praktische", betont Harding mit Blick auf weiterhin unkomplizierte Reisen quer durch Europa. "Es bedeutet uns etwas, oder mir", sagt er. "Es geht um Versöhnung."

Wie Harding hat die bevorstehende Scheidung Großbritanniens von der Europäischen Union zahlreiche Briten zur Tat schreiten lassen, deren Vorfahren aus anderen Teilen Europas auf die Insel kamen. Viele haben Anträge auf einen Pass eines anderen EU-Landes gestellt, in den Botschaften von Deutschland, Österreich und Polen in London häufen sich die Anfragen.

"Ich will als Europäer eine bessere Zukunft aufbauen"

Für manche geht es einfach darum, sich in ihrer Reisefreiheit oder Geschäftstätigkeit nicht einschränken zu lassen. Andere wollen ein Teil Europas bleiben. Für viele gilt beides. Doch bei den Nachkommen der jüdischen Flüchtlinge, die dem Holocaust in Deutschland entkamen, kommt noch die Auseinandersetzung mit dem Horror der Vergangenheit hinzu.

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Die Entscheidung für den Antrag auf einen deutschen Pass heiße, sich den Schrecken der NS-Zeit zu stellen, erklärt Harding. "Aber es geht auch um den Versuch, gemeinsam eine bessere Zukunft aufzubauen, und als Europäer will ich das tun."

Das britische Nein zur EU habe das Interesse an einer deutschen Staatsbürgerschaft spürbar steigen lassen, sagt Michael Newman vom Verband Jüdischer Flüchtlinge in London. Inzwischen könne ein solcher Schritt auch durchaus ins Auge gefasst werden, denn Deutschland habe bei der Vergangenheitsbewältigung große Fortschritte gemacht. "Es gibt ein Eingeständnis der Schuld, und ich denke, das ändert die Ausgangslage."

Aus der Geschichte könnte sich nach Ansicht von Marc Meyer, dem Direktor der Konferenz Europäischer Rabbis, noch ein anderer Beweggrund für einen zweiten Pass ergeben.

"Die meisten Juden wollen sich die Option offenhalten"

"Als Jude lange Zeit an einem Platz sicher zu sein, ist – ohne paranoid zu sein – eine Fehlinterpretation der Geschichte", urteilt Meyer. "Der Brexit öffnet die Schleusen der Unsicherheit und die der Möglichkeiten." Die meisten Juden, die sich um eine andere Staatsbürgerschaft bemühen, wollten Großbritannien jetzt nicht verlassen, sich aber die Option für die Zukunft offenhalten.

Bei einigen, wie Harding, war das Brexit-Referendum der Ausschlag, nachdem sie sich schon länger mit der Geschichte ihrer Familie und dem Land der Verfolger auseinandergesetzt hatten.

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In seinem Buch "Sommerhaus am See" beschreibt Harding die Annäherung. Die Nazis brachten sechs seiner Verwandten um und trieben die Überlebenden in die Flucht. Unter anderem das Sommerhaus des Großvaters zwischen Potsdam und Berlin mussten sie zurücklassen.

Harding wuchs in einer Familie auf, die die Queen feierte und deutsche Waschmaschinen boykottierte. Urlaub wurde in verschiedenen Ländern Europas gemacht, aber nicht in Deutschland. Eines Tages entschloss sich Großmutter Elsie dann aber, den Enkeln das Land zu zeigen, in dem sie aufgewachsen war. Und sie vermittelte den jungen Menschen, dass sie sich der Geschichte nicht verschließen durften.

Jetzt sei es nur logisch, dass Juden an der EU festhalten, sagt Harding. Sie sei schließlich geschaffen worden, um Bande zu knüpfen, die einen weiteren europäischen Krieg verhindern sollen.

"Man könnte sagen, dass die Flucht der deutschen Juden, die Verfolgung der deutschen Juden das Symbol für das Auseinanderbrechen Europas war", erklärt Harding. "Und die Europäische Union wurde genau deshalb gegründet, um einen politischen, sozialen Rahmen des Friedens zu schaffen."

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(lk)