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Großmachtfantasie: 5 Anzeichen, dass Erdogan die Türkei vergrößern will

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ERDOGAN
President Tayyip Erdogan of Turkey addresses the 71st United Nations General Assembly in Manhattan, New York, U.S. September 20, 2016. REUTERS/Carlo Allegri | Carlo Allegri / Reuters
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Recep Tayyp Erdogan will mehr. Mehr Macht im eigenen Land, mehr Einfluss für die Türkei im Nahen und Mittleren Osten und überhaupt: mehr Türkei. Die Anzeichen dafür, dass Erdogan auf eine Vergrößerung der Türkei aus ist, werden immer konkreter.

Die Grenzen der Türkei wurden 1923 im Vertrag von Lausanne festgelegt. Sie gelten größtenteils noch heute. Für die meisten Türken war der Vertrag ein Sieg. Ein Sieg, den Gründervater Mustafa Kemal Atatürk errungen hatte.

Die Türken feierten Atatürk dafür, dass das Osmanische Reich nach dem ersten Weltkrieg nicht komplett zerschlagen wurde. Das Osmanische Reich, aus dessen Ruinen die moderne Türkei entstanden ist, reichte von Nordafrika inklusive Ägypten über den Balkan bis zum Kaspischen Meer.

Aber Erdogan wäre nicht Erdogan, wenn er mit einer Errungenschaft der säkulär-kemalistischen Türkei zufrieden wäre. Die vor fast 100 Jahren verhandelten Grenzen entsprechen nicht den Allmachtsfantasien des mächtigsten Mannes in der Türkei.

Diese Anzeichen sprechen dafür, dass Erdogan die Türkei vergrößern will:

1. Anspruch auf die ägäischen Inseln

Erdogan hat in den letzten Wochen mehrmals den Vertrag von Lausanne angezweifelt. Insbesondere kritisierte er, dass die ägäischen Inseln, die jetzt zu Griechenland gehören, nicht mehr türkisch sind.

"Ihr seht die ägäischen Inseln, oder", fragte Erdogan die Zuhörer in einer Rede im Regierungspalast am Donnerstag. "In Lausanne haben wir Inseln aufgegeben, die so nah sind, dass deine Stimme zu hören ist, wenn man zu ihnen rüber ruft. Ist das ein Sieg?"

In einer Rede am Samstag wiederholte Erdogan den Anspruch auf die Inseln in der östlichen Ägäis. "Diese Inseln vor unserer Nase gehörten uns. Wir haben dort Werke, Moscheen und eine Geschichte.“

In den vergangenen Wochen sprach Erdogan das Thema Ägäis immer wieder an. Schon vor einigen Wochen beschuldigte er Ismet Inönü, der die Friedensverhandlungen in Lausanne 1923 geführt hatte, die Inseln hergegeben zu haben, die eigentlich zur Türkei gehören sollten.

2. Karten einer größeren Türkei im Staatsfernsehen

In den vergangenen Wochen tauchten im türkischen Staatsfernsehen und auf Webseiten von Erdogan-Unterstützern immer wieder Karten einer deutlich größeren Türkei auf.

Auf denen gehört unter anderem der Norden Syriens zum türkischen Gebiet. Die Grenzen verlaufen teilweise sogar hinter Aleppo. Außerdem liegen auf den gezeigten Karten nördliche Gebiete des Irak samt Mossul und der kurdisch geprägten Städte Kirkuk und Erbil innerhalb der Türkei. Und natürlich sind auch die Inseln in der Ostägäis darauf unter Erdogans Hoheit.

3. Einmarsch in Syrien

Die Sorge wächst, dass Erdogan im Norden Syriens dauerhaft territoriale Herrschaft ausüben will. Seit Beginn der Operation mit hat er den kurdischen Einfluss in der Region vehement zurückgedrängt. Zuletzt kündigte er sogar ein Vorrücken auf die im August von kurdischen Kämpfern befreite Stadt Manbidsch an.

Seit dem 24. August sind türkische Bodentruppen im Norden Syriens aktiv. Unter dem Namen "Schutzschuld Euphrat" soll vor allem der Einfluss von kurdischen Kräften an der türkisch-syrischen Grenze eingedämmt werden, auch wenn die türkische Regierung den Einsatz nach Außen als "Kampf gegen den Terror" legitimiert.

Beobachter sind sich jedoch einig, dass der Hauptgrund für die türkische Militärpräsenz im Nachbarstaat der Kampf gegen kurdische Kräfte ist.

Diese haben sich seit Beginn des Syrienkriegs als wohl effektivste Partei bei der Bekämpfung des IS hervorgetan - und kontrollierten noch vor wenigen Wochen einen großen Landstreifen an der Grenze zur Türkei. Für Erdogan, der die PKK-nahen Milizen als Gefahr für die innere Sicherheit der Türkei betrachtet, ein Dorn im Auge.

4. Einmischung im Nordirak

Auch in den Konflikt im Irak hat sich Erdogan eingemischt. Er will dort die Internationale Offensive gegen den IS auf Mossul unterstützen. Die rund 700 türkischen Soldaten sind aktuell etwa 15 km nordöstlich der nordirakischen Stadt positioniert.

Die Regierung in Bagdad ist gar nicht begeistert von dem türkischen Eingreifen, sie bezeichnet das Vorgehen als "Besetzung". Denn Erdogans Engagement kann wohl kaum als Hilfsbereitschaft ausgelegt werden.

Mossul ist aktuell noch hauptsächlich sunnitisch, so wie Erdogan, der Großteil der Türkei und der Großteil seiner Wählerschaft. Wenn der IS aus Mossul vertreiben wird, wird die Stadt unter die Dominanz der shiitischen Zentralregierung fallen, so die Angst der türkischen Regierung.

Ein Affront, denn der Irak ist mehrheitlich shiitisch dominiert. Erdogan hatte erst vor Kurzem erklärt, dass die Türkei ihre "turkmenischen Brüder in Mossul" und auch ihre "sunnitisch arabischen Brüder" nicht alleine lassen werde".

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Die Türkei hat im Irak bereits Artillerie- und Panzerfeuer eingesetzt, wie der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bestätigte.

In Pro-AKP-Medien wird schon der baldige Zerfall des Irak herbeigeschrieben. Und wenn es so weit sei, müsste auch die Türkei bestimmte Regionen für sich beanspruchen. "Die Türkei wird am Tisch sitzen, wenn der Irak in neue Staaten aufgeteilt wird", schreibt Ilnur Cevik in Daily Sabah Columns. Und weiter: "Wenn die Situation eskaliert, kann die Türkei für türkische Enklaven in diesen Regionen kämpfen."

5. Die Faszination für das Osmanische Reich

Erdogan romantisiert das Osmanische Reich. Und mit ihm schwelgen viele Türken in Nostalgie, in Erinnerungen an die prä-kemalistische Zeit, als das Osmanische Reich und die Türkei noch ein Großreich war. Vergessen scheinenallerdings die weniger rühmlichen Zeiten des einstigen Großreichs, die ihm im 19. Jahrhundert den Spitznamen "Der kranke Mann am Bosporus" eingebracht haben.

Ministerpräsident Yildirim wird nicht müde zu betonen, dass die Türkei keine Expansionspläne hat, sondern lediglich in Regionen eindringt, um "Probleme zu lösen, die uns schaden". Aber er betont auch, dass die Ziele der Nachbarschaftspolitik in erster Linie seien, "die Zahl unserer Freunde zu vergrößern und die Zahl unserer Feinde zu verkleinern."

Die aktuelle unsichere Lage im Nahen und mittleren Osten gibt den romantischen Sehnsüchten nach einer Rückkehr zum "Glanz" des Osmanischen Reiches kräftig Futter. "Die ganze Welt wartet auf unsere Führung. Weshalb sind wir uns dessen nicht bewusst?" sagte Parlamentspräsident Ismail Kahraman vor Parteifreunden im Juni.

Erdogans Politik ist schon seit ein paar Jahren darauf ausgelegt, die Sunniten zu stärken und ihnen möglichst viel Macht zu verleihen. Starke Sunniten im Nahen und Mittleren Osten heißt gleichzeitig, die Macht der Türkei in der Region zu steigern. Laut Günter Meyer, dem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt, sei es Erdogans Ziel, eine sunnitische konservative Herrschaft in der gesamten muslimischen Welt zu etablieren. Das sagte Meyer in einem Interview mit der Tagesschau.

Überhaupt empfindet er es als seine Pflicht, unterdrückte Moslems auf der ganzen Welt zu beschützen. So hat er vor einem Jahr darüber gesprochen, Jerusalem befreien zu wollen und Syrien zu helfen.

Besonders wenn Moslems in ehemaligem osmanischem Gebiet sind, fühlt sich Erdogan in der Pflicht. Schon 2012 sagte Erdogan, die Türkei engagiere sich deswegen in der Nachbarregion, weil diese vormals zum Osmanischen Reich gehörte. "Wir sind bewegt vom Geist, der das Osmanische Reich gründete."

"Wir müssen überall dort hingehen, wo unsere Vorfahren gewesen sind", führte er weiter aus. Ob er damit das Vordringen bis vor die Tore Wiens gemeint hat, ist nicht klar.

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(lk)