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"Wir stellen keine Kopftuch-Trägerinnen ein": Jetzt begründet der Zahnarzt seine Entscheidung

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DENTIST ISLAM
Einer Frau mit Kopftuch ist eine Stelle in einer Stuttgarter Zahnarztpraxis verweigert worden (Symbolbild) | kadmy via Getty Images
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  • Weil sie ein Kopftuch trägt, wird einer Frau die Stelle als Zahnarzthelferin in Stuttgart verwehrt
  • Dabei vergreift sich der Zahnarzt im Ton - mit erheblichen Folgen

Kommt eine Frau zum Zahnarzt – und wird rüde abgewiesen, weil sie ein Kopftuch trägt. Was wie ein schlechter Witz klingt, ist in Stuttgart wirklich passiert. Ein Zahnmediziner hat eine muslimische Bewerberin aufgrund ihres Kopftuches abgelehnt und damit nicht nur einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Eigentlich wollte die Frau nur einen Job als Zahnarzthelferin. Auf ihre Bewerbung erhielt sie jedoch eine rüde Absage. „Wir stellen keine Kopftuchträgerinnen ein und verstehen auch nicht, wie Bewerberinnen sich diese Toleranz vorstellen können.“

Nun muss sich der Zahnarzt vor Gericht verantworten

Verärgert über diese diskriminierende Abfuhr schaltete die Frau den Rechtsanwalt Bülent Döger ein. Dieser sieht ihre Rechte verletzt und leitet juristische Schritte ein.

Eine Klage auf Entschädigung werde in den nächsten Tagen beim Arbeitsgericht eingereicht, sagt Döger.

Der Jurist beruft sich dabei auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, dass besagt, dass niemand für Dinge benachteiligt werden darf, die mit seiner Arbeitsleistung nichts zu tun haben – beispielsweise die Herkunft, das Geschlecht, das Alter oder die Religion.

Zahnarzt zeigt späte Einsicht und entschuldigt sich

Neben den möglichen juristischen Konsequenzen handelte sich der Stuttgarter Zahnarzt mit der diskriminierenden Absage auch einen immensen Imageschaden ein.

Nach Bekanntwerden des Falles hagelte es von allen Seiten Kritik. Weit über 1000 E-Mails habe der Zahnarzt nach eigener Aussage bereits erhalten. "Aggressive und gewaltbereite Aussagen waren nicht selten", sagt der Mediziner. Auch das Praxistelefon könne wegen Überlastung derzeit nicht mehr zur Terminvergabe genutzt werden.

Auf seiner Praxis-Homepage hat er daher nun ein offizielles Statement abgegeben.

Er habe die Bewerberin mit einer "unzureichenden und völlig falschen Formulierung abgewiesen", schreibt er darin. Und weiter: "Meine Formulierungen waren einfach dumm und unpassend." Es sei niemals seine Absicht gewesen, beleidigend zu wirken.

Als Grund für die Absage nennt er hygienische Gründe. Demnach seien beispielsweise an der Zahnklinik der Universität Marburg "Kopftücher in den klinischen Semestern aus rein hygienischen Gründen seit längerem nicht mehr gestattet". Eine Regelung, der sich keine Zahnarztpraxis auf lange Sicht entziehen könne.

Weiterhin keine Chance für Kopftuchträgerinnen

"Das ist völliger Quatsch", sagt hingegen Rechtsanwalt Bülent Döger. Er kenne sowohl kopftuchtragende Zahnarzthelferinnen als auch Zahnärztinnen. Die Hygiene anzuführen, sei eine fadenscheinige Schutzbehauptung des Arztes.

Der Arzt bleibt derweil bei seiner Sicht der Dinge. Und trotz Entschuldigung würden auch zukünftige Bewerberinnen mit Kopftuch keine Chance auf eine Anstellung bei ihm haben. "Das Stoffkopftuch für den Tag ist jedenfalls nicht erlaubt, auch nicht in unserer Praxis", macht er in seiner Erklärung deutlich.

Nun hofft der Zahnmediziner darauf, "dass meine Entschuldigung angenommen wird". Wichtig sei ihm außerdem, nicht in die rechte Ecke gestellt zu werden. Politisch stehe er in jedem Fall "weit weg von AfD und Neonazis".

Nicht der erste Diskriminierungsfall in einer Zahnarztpraxis

Einen ähnlichen Fall gab es bereits im Jahr 2012. Ein Berliner Zahnarzt hatte damals einer jungen Frau muslimischen Glaubens einen Ausbildungsplatz in seiner Praxis verweigert – ebenfalls wegen ihrem Kopftuch.

Der Fall landete vor Gericht – mit einem klaren Urteil. Der Zahnarzt musste der Frau eine Entschädigung in Höhe von 1500 Euro zahlen.

Die Begründung der Richter damals: „Der Zahnarzt hat das Recht verletzt, weil er der Klägerin die Stelle verweigert hat, allein weil sie ihr Kopftuch nicht ablegen wollte.“

Wie bei der Stuttgarter Zahnarzthelferin ein klarer Verstoß gegen das seit 18. August 2006 geltende Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz – auch Antidiskriminierungsgesetz genannt.

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(mf)