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Volk unter Schock: Psychologe hat simple Erklärung für den rechten Aufbruch in Deutschland

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PEGIDA
Pegida-Anhänger demonstrieren mit Reichskriegsflagge in Dresden | Wolfgang Rattay / Reuters
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  • Angst, Wut und Enttäuschung sind die Gründe dafür, dass sich viele Bürger im Osten dem rechten Spektrum anschließen, sagt Politikpsychologe Thomas Kliche
  • Anhänger der AfD und Pegida seien zudem der "gesellschaftlichen Ordnung vollkommen entfremdet"
  • Diskussionen mit Extremisten seien daher sinnlos, so Kliche

Oft schon totgesagt, laufen sie noch immer montags durch deutsche Städte – die islamkritischen "Patriotischen Europäer". Auch zwei Jahre nach der Gründung ist die Pegida-Bewegung weiterhin sehr aktiv – vor allem im Osten Deutschlands und dort hauptsächlich in Dresden.

Für den Politikpsychologen Thomas Kliche ist das nicht sonderlich überraschend. "Studien zeigen, dass es schon immer bei etwa 15 Prozent der Bevölkerung fremdenfeindliches Potenzial gibt", sagte er in einem N24-Interview. Dieses Potenzial nutze das rechte Spektrum, zu dem er AfD und Pegida zähle, gegenwärtig aus und bediene sich dabei "vergifteten Halbwahrheiten".

Und besonders im Osten Deutschlands scheinen diese Halbwahrheiten auf fruchtbaren Boden zu fallen. "Ein Grund dafür ist, dass die Säule der Zivilgesellschaft hier weit weniger Mitglieder hat als in Westdeutschland", sagte Kliche. Nur ein kleiner Teil der Bewohner der neuen Bundesländer sei Mitglied in einem Verein oder der Kirche. "Dadurch verarmen soziale Räume, Ansatzpunkte für Initiativen und Solidarität."

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Fremdenhass als Folge von Angst

Hinzu kämen nach Aussage des Politikpsychologen weitere Gründe, wie "schwache Parteibindung nach der Vereinigung" und "althergebrachtes Misstrauen in die Medien". Auch zu hohe Erwartungen – besonders bei der älteren Generation – sowie Zukunftsängste bei den Jüngeren würden eine nicht unwichtige Rolle einnehmen und das nationale Denken stärken.

Die aktuelle Situation seit dem Ende der DDR sei laut Kliche für viele Ost-Bürger "neu und bedrohlich", die Stimmung lasse sich als Schockzustand bezeichnen. Um nicht allein mit ihren Ängsten zu sein, schlössen sie sich daher zu einer Gruppe zusammen, "die der gesellschaftlichen Ordnung vollkommen entfremdet ist". Verschwörungsszenarien, Fremdenfeindlichkeit und Islamhass seien die logische Folge.

Anhänger des rechten Spektrums "bewegen sich in eigenen Welten und bestärken sich gegenseitig in ihren Meinungen", sagt Kliche. "Sie hassen Politik und Medien inbrünstig und lehnen die Gesellschaft und ihre Regeln ab, auch weil sie oft selbst daran gescheitert sind."

Diskussionen mit Pegida-Anhängern seien sinnlos

Von einem Dialog mit den Pegida-Anhängern rät der Politikpsychologe indes ab: "Es ist sinnlos zu versuchen, diese neue rechte Bewegung mit rationalen Argumenten zu überzeugen." Das bestärke AfD und Pegida nur in ihrer Fehleinschätzung, wie Kliche glaubt. "Verständigungsbereitschaft erscheint ihnen als Zeichen von Schwäche." Dies sei typisch für autoritäre Menschen, die dem Irrglaube verfallen sind, dass "sie der Politik auf den Tisch pinkeln können."

Kliche: "Die werden erst merken, dass sie falsch liegen, wenn die Mehrheit der Gesellschaft klar sagt: 'Euren Weg wollen wir nicht gehen.' Erst dann wird die Illusion platzen, sie seien das Volk."

Rechtes Spektrum - Nur eine kleine Bewegung

Die aktuelle Entwicklung der Pegida-Bewegung in Deutschland bereitet dem Politikpsychologen Thomas Kliche allerdings keine Sorge. Die Anhänger des rechten Spektrums seien im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung eher eine Minderheit.

"Der Großteil der Gesamtbevölkerung denkt anders als diese kleine laute Gruppe." Es gebe hierzulande eine breite Gegenbewegung, auch da Zuwanderung und Multikulti-Ehen zur Normalität geworden seien. "Rund ein Viertel der Familien in Deutschland haben einen Partner mit Migrationshintergrund", rechnet Kliche vor.

Auch die Situation in der Bundesrepublik sei nicht so schlecht, wie es die Pegida-Anhänger verbreiten, erklärt der Politikpsychologe. "Wir haben den gerechtesten und freisten Staat, der je auf deutschem Boden existierte. Auch der Wohlstand ist heute größer denn je: Krankenversicherung, Infrastruktur, freie Bildung. Wir leben alle besser, länger, gebildeter und gesünder als selbst der Sonnenkönig."

Diese Errungenschaften gilt es zu erhalten und zu verteidigen. Hierfür, so Kliche, bedürfe es einer christlichen, vernünftigen und weitsichtigen Position. "Wir werden die AfD und die weltweiten Krisen nur los, indem wir Nächstenliebe, Solidarität und Verantwortlichkeit neu denken."

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(mf)