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Lieber Manfred Krug: Sie waren für mich der Held meiner Jugend - und noch viel mehr. Ein Abschiedsbrief.

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KRUG
Ein Abschiedsbrief | dpa
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Lieber Manfred Krug,

Als ich am Donnerstagnachmittag die Nachricht von Ihrem Tode erfahren habe, da war es mir, als wäre gleich zweimal ein Stück des Landes gestorben, in dem ich aufgewachsen bin.

Ich bin Anfang der 1980er-Jahre in einer westdeutschen Kleinstadt geboren worden. In meinen ganz frühen Jahren gab es für mich nichts Größeres, als die Ausstrahlung von "Auf Achse“ im Vorabendprogramm der ARD.

Kleine Jungs schauen solche Serien nicht, weil Sie von der großen, weiten Welt träumen. Das kommt erst später, wenn man eine Vorstellung davon bekommt, wie weit die Wirklichkeit hinter dem eigenen Gartenzaun tatsächlich ist.

Sie waren der erste Schauspieler, den ich mit Namen kannte

Natürlich war es spannend zu sehen, wie Sie mit ordentlich Pferdestärken durch die Türkei, den Iran oder die oberbayerische Prärie gebrettert sind. Vor allem wegen der großen Lastwagen.

Aber es war etwas anderes, was mich jedes Mal vor der Mattscheibe hat mitfiebern lassen: Egal wie viel Sie in Ihrer Rolle einstecken mussten, egal, wie aussichtslos die Lage an der Fernfahrer-Front auch war – bei Ihnen, Herr Krug, hatte ich immer das Gefühl, dass die Sache am Ende gut ausgeht.

Sie waren der erste Schauspieler, den ich mit Namen kannte (mal abgesehen von Bud Spencer). Wegen Ihnen habe ich überall erzählt, dass ich später mal LKW-Fahrer werden will. Und soll ich Ihnen was sagen? Ich bin es tatsächlich geworden.

Kurz nach meinem 20. Geburtstag habe ich die Fahrprüfung für Lastwagen bis 40 Tonnen bestanden. Den Führerschein habe ich bis heute. Und wie ich früher in der Fahrerkabine gesessen habe, da musste ich tatsächlich das ein oder andere Mal an Ihren Franz Meersdonk denken, und all die glimpflich ausgegangenen Abenteuer auf den Straßen dieser Welt.

Erst als Teenager habe ich begriffen, welch aufregende Lebensgeschichte Sie hatten. Dass Sie viel mehr sind als der älter gewordene Fernfahrer, der nun überall für den Kauf von Telekom-Aktien warb.

Sie sind in Duisburg geboren, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Vater war Stahlschmelzer und fand in einem Berliner Vorort einen Job, der ihn lange Zeit vor einem Fronteinsatz bewahrte. Das Kriegsende haben Sie in Duisburg erlebt, weil Ihre Eltern Angst vor der Rache der Sowjetarmee hatten. Auf wundersamen Umwegen kamen Sie doch wieder zurück in den Osten, wo Sie schließlich mit 17 den Job im Stahlwerk schmissen und an die Schauspielschule gingen.

Was für ein mutiger Film!

Es war im Jahr 2003, als ich zum ersten Mal längere Zeit in Berlin wohnte, habe ich dann "Spur der Steine“ gesehen. Mit Ihnen in der Hauptrolle.

Was für ein mutiger, starker Film. Sie spielen den Vorarbeiter einer Baubrigade, der kaum einen Hehl daraus macht, dass ihm die Planwirtschaft nach DDR-Manier und sämtliche Respektsbekundungen an die Adresse der SED völlig egal sind.

Sie waren die perfekte Besetzung für diese Rolle. Außen raue Schale, innen weicher Kern. Und mit was für einer unfassbaren Präsenz Sie das gespielt haben. Hätten die Kulturverhinderer von der SED-Spießerdiktatur den Film nicht schon nach wenigen Tagen aus den Kinos verbannt, weil einigen Bonzen der Arsch auf Grundeis ging, dann wären Sie, Herr Krug, wohl über Generationen hinweg zum Sinnbild des Rebellen geworden. Aber genau das wollte man wohl nicht.

Sie machten auch so ihren Weg. In der DDR wurden sie fortan nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Jazz-Musiker populär. Sie sangen Schlager und Chansons, schrieben Liedtexte und arbeiteten erfolgreich als Synchronsprecher.

Weil sie die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 kritisierten, wurden Sie mit einem teilweisen Berufsverbot belegt. Ein Jahr später stellten Sie einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik, wo sie eine zweite Karriere machten. Erst als Fernfahrer in „Auf Achse“, später dann als Anwalt in "Liebling Kreuzberg“ oder als Tatort-Kommissar.

Sie begleiteten mich mein ganzes Leben lang

Vielleicht war es gut, dass ich all das erst später erfahren habe. So gibt es nicht nur den Manfred Krug, der Held meiner Jugend war, sondern eben auch jenen Manfred Krug, der mich als Erwachsener zutiefst beeindruckt hat.

Ein Mann, der mit seiner Biografie wie vielleicht kaum jemand sonst für die Wirrungen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert stand. Einer, der uns allen gezeigt hat, dass es sich immer wieder lohnt, aufzustehen. Selbst wenn man irgendwo in Anatolien mit der Nase im Dreck liegt.

Sie werden fehlen, Manfred Krug.