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"Doctor Strange" im Kino: Benedict Cumberbatch im Marvel-Universum

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CUMBERBATCH
Benedict Cumberbatch spielt im Kino "Doctor Strange" | Bobby Yip / Reuters
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Wie ein Schurken-Plan zur Kinoweltherrschaft mutet sie an, Marvels in mehrere Phasen unterteilte Strategie, nimmermüde Comic-Fans fast monatlich mit neuem Filmfutter zu versorgen. Bei diesem schier unglaublichen Output muss doch allmählich eine Ermüdungserscheinung einsetzen, möchte man meinen.

Nun, jedenfalls noch nicht am 27. Oktober. Denn Abrakadabra - Marvel zaubert mit "Doctor Strange" tatsächlich einen weiteren innovativen Superhelden aus dem Hut, von dem man mehr sehen will.

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Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist ein genialer Chirurg und ein brillanter Geist, der das Leben in vollsten Zügen zu genießen weiß. In erster Linie ist er aber etwas ganz anderes: ein riesengroßer Mistkerl.

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Mit seiner himmelschreienden Arroganz terrorisiert er seine Kollegen im Krankenhaus, die von ihm allesamt als bessere Metzger angesehen werden. Und diese Meinung bessert sich nicht gerade, als Strange nach einem verheerenden Autounfall die Feinmotorik in beiden Händen verliert.

Denn in seinen Augen haben nicht etwa Leichtsinn und Größenwahn, sondern die Pfuscher um ihn herum sein Leben zerstört.

Kein Wunder also, dass er bei einem genüsslichen Bad in Selbstmitleid in Person der Krankenschwester Christine Palmer (Rachel McAdams) auch noch den einzigen Menschen auf der Welt vergrault, dem er etwas bedeutet. Doch das ist Strange zunächst herzlich egal.

Immerhin scheint er eine Lösung für seine missliche Lage gefunden zu haben: Eine mysteriöse Gelehrte, die nur als "Die Älteste" (Tilda Swinton) bekannt ist, hat angeblich das Geheimnis der Selbstheilung entdeckt.

Ebendieses Geheimnis will Strange ihr nur allzu gerne entlocken - und wird im Zuge dessen mit einer gefährlichen Wahrheit konfrontiert, die sein Weltbild im wahrsten Sinne auf den Kopf stellt.

Cumberbatch ist im Kino die Cumberbitch

Benedict Cumberbatch entdeckt als Doctor Strange eine gänzlich neue Welt

Wann immer ein blitzgescheiter, sozial schwieriger, aber irgendwie doch liebenswürdiger Charakter in Film und Fernsehen gesucht wird, liegt die Telefonnummer von Benedict Cumberbatch auf der Schnellwahltaste der Produzenten. Als unerträglich genialer Detektiv in der Serie "Sherlock" reifte er zum Weltstar, als unerträglich genialer Mathematiker Alan Turing in "The Imitation Game" zum Oscar-Anwärter.

Nun darf er in "Doctor Strange" diese für ihn so gut bekannten Charakterzüge auf einen waschechten Superhelden anwenden. Und wie gut ihm das gelingt, grenzt schon an Magie.

Denn obwohl man diese Rolle schon so oft von ihm gesehen hat, schafft er es, sie mit neuen Facetten anzureichern. Eine davon ist trotz aller Ernsthaftigkeit des Streifens gerade zu Beginn eine gewaltige Portion Humor. Slapstickhaft kämpft er an einer Stelle des Films etwa mit seinem eigenwilligen Umhang oder bringt das Kinopublikum mit albernen Sprüchen zum Lachen.

Für sein komödiantisches Talent war Cumberbatch zuvor eigentlich nur bei Interviews und TV-Auftritten bekannt, "Doctor Strange" lässt es ihn nun auch auf der Leinwand ausleben.

"Doctor Strange" ist ein Potpourri der Bildgewalt

Wenn verfeindete Zauberer sich mit allerhand mächtiger Magie bekriegen, muss man natürlich nicht lange überlegen, ehe einem "Harry Potter" in den Sinn kommt. Statt Zauberstäbe gibt es im "Doctor Strange"-Universum zwar spezielle Ringe, visuell kann sich "Potter"-kundiges Publikum auf ähnliche Schauwerte freuen.

Doch zwei andere Filme sind sogar noch deutlicher die optischen Seelenverwandten des neuen Marvel-Helden. Wenn "Die Älteste" gleich zu Beginn eine ganze Stadt in einem Spiegeluniversum auf den Kopf stellt, erinnert das unumgänglich an Christopher Nolans Traumwelten aus "Inception".

Die Art und Weise hingegen, wie die Recken ihre Umwelt nach Belieben verformen und dabei den Gesetzen der Physik trotzen, das gab es 1999 schon in einem gewissen Film namens "Matrix".

Das ist folglich alles zwar nicht brandneu, die Kinnlade will einem aber an manchen Stellen des Films trotzdem partout aufklappen. Fortschritt durch Computertechnik eben.

Express-Vorstellung

"Wie soll ich das alles in nur zwei Stunden unterkriegen?", muss Regisseur Scott Derrickson ("Sinister") streckenweise gehadert haben.

Und in der Tat wirkt die Exposition des Films (wie so oft bei Superhelden-Filmen) stark überhastet. Kurz den schwierigen Charakter der Titelfigur vorgestellt, dann in den ersten 10 Minuten des Films per Express-Katastrophe sein Leben zerstört. Und das war auch nicht anders möglich, immerhin will danach eine komplett neue Welt abseits der uns bekannten entdeckt und deren fremdartige Gesetzmäßigkeiten erklärt werden.

Hier verliert "Doctor Strange" den Zuschauer ab und an. Beziehungsweise scheint sich selbst nicht immer im Klaren darüber zu sein, welchen Regeln die Astralwelt nun gehorchen soll. Auch, dass Doctor Strange bald schon die Zeit manipulieren kann, sorgt zwar für einige tolle Effekte, lässt viele Konflikte und Schicksalsschläge im Nachhinein aber als unnötig erscheinen. Aber sei's drum, der Logik wegen schaut man sich "Doctor Strange" ohnehin nicht an.

Guter Bösewicht, schlechter Bösewicht

Ein Superheld ist bekanntlich immer nur so gut wie sein Gegenspieler. Mit Charaktermime Mads Mikkelsen hat man sich einen erfahrenen Schurken ins Boot geholt.

Immerhin durfte er schon in "Casino Royale" James Bonds Weichteile traktieren, oder aber in der Serie "Hannibal" als Titel-Kannibale manch anderes Körperteil verputzen. Als vom rechten Weg abgekommener Magier Kaecilius mimt er in "Doctor Strange" erneut einen charismatischen Fiesling und bietet Cumberbatch gut Paroli.

Selbiges gilt leider nicht für die große Bedrohung, die im Laufe des Films die Erde zerstören will. Denn die präsentiert sich in Form einer körperlosen Weltraumwolke mit Gesicht und hätte genauso auch der Endboss eines beliebigen Videospiels sein können. Ein Problem mit schlechter Figurenzeichnung hat der Film sonst aber nicht. Ob die bestens aufgelegte Swinton als weise Obermagierin, McAdams oder Chiwetel Ejiofor: Spaß hatten sie alle in ihren Rollen, das ist mehr als deutlich.

Fazit zum Kino-Film "Doctor Strange"

Ein toller Cast, eine interessante und bildgewaltige neue Welt und Benedict Cumberbatch als Sorcerer Supreme alias "Doctor Strange": Mit Ausnahme des straffen Zeitplans zu Beginn, einigen Logik-Fehlern im Verlauf und des generischen Endbösewichts am Ende ist Marvels neuer Film alles andere als ein schnöder Taschenspielertrick. Vielmehr sollte er einem spielend leicht das Geld für eine Kinokarte aus dem Portemonnaie zaubern.