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Hört auf, euren Kindern zu sagen dass sie gut sind, wenn sie es nicht sind

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Lobt eure Kinder nicht, wenn sie es nicht verdient haben | Sam Edwards via Getty Images
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Die Worte kommen automatisch aus unserem Mund. Es ist zu einem Automatismus geworden, einer lästigen Angewohnheit, die wir einfach nicht loswerden. Wir denken nicht einmal mehr darüber nach, bevor wir zu einem Kind sagen: “Wow, das hast du toll gemacht!”

Es geht nicht nur Eltern so. Auch Tanten, Opas, Cousinen, Freunde oder sogar Erzieher können einfach nicht widerstehen, wenn ein Kind freudestrahlend zeigt, was es gemacht hat. Egal, ob es ein Sandkuchen, ein Purzelbaum oder ein Sprung von der Parkbank war - die Worte kommen ganz automatisch: “Das kannst du richtig gut!”

Natürlich ist es wichtig, dass Kinder gelobt werden. Genauso wichtig ist es aber, ihnen zu zeigen, das nicht alles toll ist, was sie tun. Dass es durchaus Fähigkeiten gibt, die sie noch verbessern müssen.

Unsere Worte hinterlassen Spuren

Viele Eltern sind sich nicht darüber im Klaren, dass falsches Lob erheblichen Schaden anrichten kann. Schließlich gehen Komplimente so viel leichter über die Lippen als Kritik - gerade, wenn es um Kinder geht.

Doch wir tun unseren Kindern den größten Gefallen, wenn wir uns bewusst machen, welche Spuren unsere Worte und Taten bei ihnen hinterlassen. Die Art, wie wir mit unseren Kindern kommunizieren, wird eines Tages zu ihrer inneren Stimme. Das sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Mehr zum Thema: 6 Sätze, die die Psyche deines Kindes prägen

Familientherapeut Jesper Juul ist einer von vielen Erziehungsexperten, die vor den Gefahren von übermäßigem Lob warnen. Der “Zeit” sagte er:

“Lob schüttet Lusthormone aus, und danach werden Kinder süchtig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Man kann seine Kinder Tag und Nacht loben. Die Frage ist nur: Was passiert dann? Wenn man ein Kind will, das einfach nur funktioniert, ohne nachzudenken, ist Lob eine praktische Sache.”

Art des Lobes bestimmt die Denkweise des Kindes

Wer jedoch ein Kind erziehen möchte, das selbstbewusst ist und nicht vor Herausforderungen zurückschreckt, muss sparsamer mit Lob umgehen und es gezielt einsetzen.

Es gibt zwei mögliche Denkweise, die Kinder sich aneignen - je nachdem, welche Erfahrungen sie machen. Dieser Ansicht ist zumindest Carol Dweck, eine führende Forscherin auf dem Gebiet.

Sie unterscheidet zwischen dem “growth mindset” und dem “fixed mindset”.

"Fixed Mindset": Alles bleibt, wie es ist

Kinder mit einem “fixed mindset” glauben, dass Dinge wie Kreativität, Intelligenz und Charaktereigenschaften angeboren sind. Deshalb gehen sie davon aus, dass diese Dinge nicht verändert oder verbessert werden können.

Ein “fixed mindset” entsteht, wenn ein Kind immer nur für seine Intelligenz oder ein bestimmtes Talent gelobt wird. Hört es zum Beispiel immer wieder den Satz “Du bist so schlau”, kann das zu starker Verunsicherung führen.

Denn ein Kind, dem immer wieder gesagt wird, dass es besonders intelligent ist, kann schnell das Gefühl bekommen, keine Kontrolle über diese Eigenschaft zu haben.

Falsches Lob fördert Ängste

Es versteht nicht, dass Intelligenz etwas ist, das trainiert und verbessert werden kann. Gleichzeitig merkt es, dass es viele Dinge gibt, die es nicht weiß, obwohl die Eltern ihm gesagt haben, dass es schlau ist.

Viele Kinder entwickeln daraufhin eine unterschwellige Angst, dass die Eltern merken könnten, dass sie doch nicht so schlau sind wie gedacht. Sie haben Angst, zu versagen.

Deshalb fällt es ihnen auch häufig schwer, ihre eigenen Gedanken, Meinungen und Ideen zum Ausdruck zu bringen - aus Angst, dass sie dafür nicht gelobt werden.

Stattdessen sollten Eltern versuchen, ein “growth mindset” bei ihren Kinder zu fördern.

"Growth Mindset": Eine laufende Entwicklung

Kinder mit dieser Denkweise sehen ihr Gehirn als einen Muskel an, der trainiert werden kann und dadurch stärker wird. Sie glauben, dass ihre Fähigkeiten sich verbessern, wenn sie sich bemühen.

Aus diesem Grund haben Kinder mit einem “growth mindset” eine andere Haltung zum Lernen und suchen nach Herausforderungen, während Kinder mit einem “fixed mindset” ihre Fähigkeiten lieber nicht auf die Probe stellen, aus Angst, zu versagen.

Mehr zum Thema: 5 Wege, wie Eltern unabsichtlich das Selbstbewusstsein ihrer Kinder zerstören

Ihr tut eurem Kind keinen Gefallen, wenn ihr es belügt

Also hört auf, euren Kindern zu sagen, dass sie in etwas gut sind, wenn das gar nicht stimmt.

Sie sehen euch als vollkommen und allwissend und sie nehmen eure Meinungen und Ansichten als universelle Wahrheit an. Stellt euch vor, wie sehr es sie verunsichert, wenn sie irgendwann herausfinden, dass ihre Purzelbäume in Wahrheit gar nicht so toll sind, wie ihr immer behauptet habt. Das ist richtig verletzend.

Wenn ihr mit den Purzelbäumen gelogen habt - wie steht es dann erst um die tollen Leistungen im Kunstunterricht?

Gezielt loben

Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kind entsteht vor allem durch Vertrauen. Falsches Lob kann dieses Vertrauen gefährden.

Jesper Juul hat deshalb einen guten Rat für Eltern:

“Um sich etwa das dauernde Loben abzugewöhnen, muss man abends überlegen: Wie oft habe ich heute mein Kind gelobt? Was hätte ich stattdessen Persönliches sagen können? Wer sich ein, zwei Wochen lang so hinterfragt, ist weg von dieser automatischen Sprache.”

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(vr)