Huffpost Germany

Großreich-Fantasie? Diese Karte könnte Erdogans wahren Plan für Europa und Nah-Ost zeigen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben
  • Das türkische Staatsfernsehen zeigt immer öfter Karten einer Groß-Türkei
  • Darin werden Teile Syriens, Griechenlands und des Iraks als Teil der Türkei dargestellt
  • Auch Präsident Erdogan ist der Meinung, dass die Türkei nach Ende des Ersten Weltkriegs, einen zu großen Teil ihres Staatsgebiets abgegeben hat

Seit je her bedient der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen aggressiven türkischen Nationalismus. Einen Nationalismus, der die Sehnsucht vieler Türken nach einem weltweiten Geltungsanspruch ihres Landes bedient. Der romantischen Vorstellung einer Rückkehr zur goldenen Zeit osmanischer Tage.

Gefährlich wird es, wenn diese Sehnsucht zur Maxime türkischer Außenpolitik wird. Und in den vergangenen Wochen machte Erdogan zunehmend deutlich: Die Grenzen seines Landes sind ihm nicht genug.

Im türkischen Staatsfernsehen werden immer häufiger Karten gezeigt, die eine größere Türkei zeigen. Das Land dehnt sich darauf aus: in den Norden Syriens, teilweise gar bis hinter Aleppo, in nördliche Gebiete des Irak samt Mossul und den kurdisch geprägten Städten Kirkuk und Erbil – und sogar gen Westen in Richtung der griechischen Inseln.

Besonders brisant: Mit den militärischen Einsätzen im Norden Syriens und im Irak könnte Erdogan schon jetzt an solch expansiven Vorstellungen arbeiten.

Eine gefährliche historische Umdeutung

Die Karten, die in türkischen Medien in Umlauf sind, revidieren den Vertrag von Lausanne, den die Türkei im Jahre 1923 mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs schloss. Dieser steckte die Grenzen der modernen Türkei ab - bis heute sind sie grob so geblieben.

Jahrzehntelang verstanden die Türken diesen Vertrag als Sieg. Als Sieg ihres Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, der die im Jahre 1920 nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg von den internationalen Mächten veranlasste Zerschlagung des Osmanischen Reichs in Teilen verhindern konnte.

Erdogan dagegen betrachtet den Vertrag von Lausanne als Verrat. Erst am Donnerstag erklärte er in einer Rede: „In Lausanne haben wir Inseln weggegeben, so nah, dass eure Stimmen dort gehört werden können, wenn ihr hinüberschreit. Ist das ein Sieg?“ Und er schob nach: „Das waren unsere. Dort sind unsere Moscheen, unsere Schreine.“

In Erdogans Vision soll sich die Türkei offenbar auf ein größeres Gebiet ausdehnen. Das suggerieren zumindest die Karten, die in der Türkei zunehmend im Umlauf sind.

Erdogan will sunnitische Dominanz sichern

Sie zeigen Gebiete als türkisches Staatsgebiet, in denen die Türkei zunehmend aktiv ist. Seit dem 24. August operieren türkische Bodentruppen im Norden Syriens. Die Offensive trägt den Namen „Schutzschild Euphrat“. Das primäre Ziel der Regierung in Ankara: Den sich ausdehnenden Einfluss kurdischer Kräfte entlang der syrisch-türkischen Grenze eindämmen.

Ein ähnliches Bild könnte sich im Nordirak ergeben. Erdogan besteht darauf, die internationale Offensive auf Mossul zu unterstützen. Wohl kaum aus gutem Willen. Die türkische Regierung hat Angst, dass die sunnitisch dominierte Stadt in die Hände der schiitisch dominierten Zentralregierung fällt, wenn der IS besiegt wird.

Der irakische Premier al-Abadi wehrt sich vehement gegen die türkische Einmischung, doch türkische Truppen nähern sich bereits von Norden der IS-Hochburg. Türkische Soldaten hätten Artillerie- und Panzerfeuer eingesetzt, sagte Ministerpräsident Binali Yildirim nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntagabend.

Erdogan hatte erst kürzlich erklärt, die Türkei lasse weder ihre „turkmenischen Brüder in Mossul“ noch ihre „sunnitisch-arabischen Brüder“ alleine.

Neuer Osmanismus prägt das Bild des Präsidenten

Wahr ist aber auch: Eine tatsächliche territoriale Expansion – auch wenn sie sich viele Türken wünschen mögen – liegt derzeit wohl außerhalb der Möglichkeiten des türkischen Präsidenten. Vor allem die internationalen Verbündeten Erdogans - unter anderem die USA - würden eine solche Expansion nicht unterstützen.

Denn dann würden Erdogans Truppen in Syrien auch auf russische Truppen treffen.

Was Erdogan zweifelsohne anstrebt, ist das Gefühl einer sunnitischen Dominanz im Nahen Osten, das auch die nostalgischen Karten der Großtürkei bedienen.

Das und ein Erbe, welches das des Republikgründers Atatürk überstrahlt. Der gab sich 1923 mit den Grenzen von Lausanne zufrieden - zumindest in den Köpfen vieler Türken keimt der Gedanke: Ihr Präsident will mehr.

Auch auf HuffPost:

Warum Erdogan immer gewinnen wird

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(ben)