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Erschreckende Zahlen: Abertausende Eltern stellen ihre Kinder mit Schlafmitteln ruhig

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BABY SLEEP
So erschreckend häufig geben Eltern ihren kleinen Kindern Schlafmittel | Jaren Wicklund via Getty Images
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„Sehr geehrter Herr Dr. Busse“, schreibt Delfinoris. „Wir wollen einen Tag an Weihnachten auswärts schlafen – unsere Tochter lässt das sicher nicht zu – sie brüllt und steigert sich so rein.“ Delfinoris endet mit der Frage, ob man dem Kind nicht einmal ein Schlafmittel geben könne.

Es ist eines der krasseren Beispiele, in denen Eltern ihren Kindern Schlafmitteln geben möchten. Entsprechend böse fallen auch die Reaktionen aus. Der befragte Kinderarzt findet, der Plan sei „keine gute Idee“, die anderen finden die Frage schlicht „egoistisch“, „schlimm“, „unterirdisch“.

Im Internet finden sich aber auch Hilferufe von Eltern, die am Ende sind, weil sie wegen ihrer schreienden Kinder keine Ruhe mehr finden. Die keine Schlafmittel geben wollen, aber auch nicht wissen, was sie sonst tun sollen.

Zigtausende Packungen Schlafmittel für Kinder verkauft

Wie oft Schlafmittel, sogenannte Sedativa, tatsächlich verkauft werden, zeigen erschreckende Zahlen, die die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“) nun veröffentlicht hat:

Im Jahr 2015 hätten laut einer Auswertung des gemeinnützigen Deutschen Arzneiprüfungsinstituts Ärzte rund 18.700 Beruhigungs- und Schlafmittel für Kinder bis drei Jahren verschrieben.

Frei verkäufliche Mittel mit dem Wirkstoff Doxylamin seien laut dem Marktforschungsunternehmen IMS Health im vergangenen Jahr 35.000 verkauft worden. Unter anderem enthält das Präparat Sedaplus den Wirkstoff. Ebenfalls verbreitet ist der Wirkstoff Dimenhydrinat, wie ihn das Präparat Vomex A enthält.

Nun sagt das bloße Verschreiben, der bloße Verkauf noch nicht, dass tatsächlich all die Mittel auch verwendet wurden. Recherchen im Internet zeigen, dass viele Eltern Skrupel haben, die Mittel zu verabreichen, selbst wenn der Arzt sie verordnet hat.

Aber die riesigen Zahlen zeigen, dass das Thema von großer Bedeutung ist.

Ärzte warnen vor den Sedativa

Viele Ärzte sehen die Mittel kritisch. Sie warnen, die Wirkstoffe könnten schon bei üblicher Dosierung bei älteren Kindern zu Konzentrationsstörungen und Müdigkeit am Tag führen, darüber hinaus führen sie insbesondere bei Überdosierung lebensbedrohliche Nebenwirkungen an.

Der Kinderkardiologen Hermann Josef Kahl vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert in der „FAS“, alle Beruhigungsmittel rezeptpflichtig zu machen.

Er sieht das Problem eher bei den Eltern denn bei den Kindern: Die Kinder holten sich den Schlaf schon irgendwann – nur die Eltern seien irgendwann erschöpft.

Andrea Bevot von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin geht in der „FAS“ sogar noch weiter: „Ich würde es begrüßen, wenn diese Sedativa vom Markt genommen werden. Auch als Kombinationspräparat in Erkältungsmitteln sollte man sie nicht an Kinder verabreichen.“ Sie begründet das mit der hohen Empfindlichkeit des kindlichen Nervensystems.

Die Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter (KASK) der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin forderte schon 2012 http://www.aerzteblatt.de/archiv/129784 , die Verwendung etwa von Doxylamin einzuschränken.

Doch passiert ist offensichtlich bislang wenig. Zu wenig?

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