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In der Türkei gilt er als Terrorist - in Deutschland kämpft er um ein neues Leben

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ERDOGAN
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Es ist still. Sehr still im Raum. Ahmed Schahin kämpft. Mit seinen Erinnerungen, seiner Angst.

Der Dolmetscher wird nervös. Rät zum Abbruch des Gesprächs.

Ahmed Schahin hat eben von jenem Tag im Juli gesprochen. Dem Tag, an dem die Angst endgültig über sein Leben, das seiner Frau und seiner beiden Kinder hereingebrochen ist.

Polizisten stürmen die Wohnung, 30 Mann

Schahin ist an jenem Tag schon aus dem Haus, als es, so erzählte es ihm seine Frau, wie wild klingelt. Männer versuchen, die Tür aufzuhebeln. Polizisten, Spezialkommando, das ganze Programm.

Sie erlauben seiner entsetzten Frau nicht, erst ein Kopftuch überzuziehen, wie es für eine gläubige Muslima in Gegenwart fremder Männer statthaft wäre. Sie erlauben nicht, dass sie die verängstigten Kinder, die noch den Pyjama anhaben, zu Nachbarn bringt, damit sie nicht ansehen müssen, was die Polizisten da treiben.

Mehr als 30 Mann, schwer bewaffnet, durchwühlen alles, Küchenutensilien, Mehl, Spülkasten. Die ganze Wohnung.

Sein Vergehen: Mitgliedschaft in einem Gülen-nahen Verein

Ahmed Schahin, so heißt es, soll Mitglied einer Terrororganisation sein. So jedenfalls interpretiert es der türkische Staat unter Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Schahin war ehrenamtlich im Vorstand eines Vereins tätig, der der Gülen-Bewegung nahesteht. Jener Bewegung des muslimischen Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den blutigen Putschversuch im Juli verantwortlich macht.

Unabhängig ist nicht zu überprüfen, was Schahin gemacht oder nicht gemacht hat.

Unzweifelhaft ist allerdings, dass das Regime Erdogan rigoros nicht nur gegen jene vorgeht, die gegen den Staat arbeiten, sondern auch gegen jene, die sich erdreisten, Kritik zu äußern. Und gegen jene, die im Verdacht stehen, kritisch zu denken.

Die Familie ist seit mehreren Monaten getrennt

Heute ist Schahin in Deutschland. Geflohen ohne seine Frau und die Kinder, weil die noch um ihre Papiere kämpfen, um das Land verlassen zu können. Seit Monaten hat er sie nicht mehr gesehen.

Aus Angst will Schahin seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen, auch nicht den Namen des Vereins, dem er angehört.*

Die Nachricht kommt über Twitter

Als Soldaten in der Nacht vom 15. auf 16. Juli Parlament und Präsidentenpalast bombardieren, sitzt Schahin gerade zu Hause am Rechner. Über Twitter erfährt er, was los ist.

"Mein erster Gedanke war: Das kann ich nicht glauben", sagt Schahin. Er bekommt Angst, um sein Land, das ohnehin schon mit Terror assoziiert werde. Um die Zukunft seiner Kinder.

Und schon in der Nacht wird ihm klar, dass Erdogan die Gülen-Bewegung zur Zielscheibe erklärt.

Bereits am Wochenende spürt die Familie die Folgen. Am Sonntag erhält seine Frau, die im höheren Staatsdienst arbeitet, per E-Mail die Kündigung.

"Ich habe Wettbewerbe für die Türkei gewonnen"

Er erfährt am Montag, dass er nicht mehr wiederzukommen braucht. "Jeder wusste meine Arbeit zu schätzen", sagt er verzweifelt. "Ich habe sogar Wettbewerbe für die Türkei gewonnen."

Die Familie Schahin ist ein Beispiel für Zigtausende. Bis dato sind etwa 100.000 Polizisten, Richter und Verwaltungsangestellte aus dem Staatsdienst entlassen worden.

Erdogans Jagd vergiftete den Alltag in der Türkei. Die Angst, irgendwie mit einem Gülen-Sympathisanten gesehen zu werden, greift schon am Wochenende nach dem Putsch um sich. Die soziale Ächtung der Schahins beginnt.

Schahin verlässt die Wohnung nicht mehr. "Ich wusste, was mich draußen erwartet." Irgendwann muss er dann doch raus. Nachbarn und Freunde grüßen nicht mehr, gehen auch nicht mehr ans Telefon.

Die Schule, die seine Kinder besuchen, wird geschlossen. Eine andere will sie nicht mehr aufnehmen.

Sein siebenjähriges Kind geht zum Brotkaufen im Tante-Emma-Laden und hört, es sei wohl das Kind von einem Vater, der den Putsch gemacht habe.

Drohungen, Verhaftungen

Fünf Tage nach dem versuchten Staatsstreich flieht Schahin ins Ausland. Und weil sie ihn nicht bekommen können, so erzählt er es, greifen sich die Behörden eben Menschen, die ihm nahestehen.

Seine Eltern, seine Geschwister landen in Untersuchungshaft, seinen Kindern droht man, die Eltern würden das Sorgerecht verlieren. Inzwischen sind sie alle wieder frei. Aber 32.000 Menschen sitzen derzeit wegen ähnlicher Vorwürfe in der Türkei in Haft.

Schahin kann erst mal in Deutschland bleiben. Er muss nicht wie andere Türken Asyl beantragen, er hat als Hochqualifizierter ein Visum bekommen. Seine Kontakte von früher haben ihm geholfen, als Berater Geld zu verdienen.

Seine alte Heimat wird Schahin für Jahre nicht wiedersehen können, da ist er sich sicher.

Eine neue Heimat hat er hier noch nicht gefunden.

Kampf um ein neues Leben

Erdogan-Anhänger setzen Gülen-Anhänger auch in Deutschland massiv unter Druck. Deshalb geht Schahin zum Beispiel nicht in Moscheen des Ditib-Verbands, der hinter der türkischen Regierung steht. Er ist sehr vorsichtig, wem er wie viel von sich preisgibt.

Er versucht verzweifelt, seine Frau und die Kinder aus der Türkei nachzuholen. Aus Sehnsucht hat er seine Uhr noch nicht auf die deutsche Zeit umgestellt.

Mehr erzählen will Schahin nicht mehr. Er kämpft weiter mit seinen Gefühlen. Um seine Familie. Um ein neues Leben.

*Name und Verein sind der Redaktion bekannt.

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