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Die Medikamenten-Preisschlacht kommt: Das bedeutet das EuGH-Urteil für euch

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Die Medikamenten-Preisschlacht kommt - Das bedeutet das EuGH-Urteil für euch | spxmp via Getty Images
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  • Der Europäische Gerichtshof kippt die Preisbindung bei rezeptpflichtigen Medikamenten für Versender außerhalb Deutschlands
  • Doc Morris bietet so ab sofort Rabatte, die deutsche Apotheken nicht anbieten können
  • Pharmakologie-Experte Gerd Glaeske sieht Patienten und Krankenkassen als Gewinner des Urteils

16 Jahre Rechtsstreit vor dem höchsten Gericht Europas sind beendet - als Sieger steht die niederländische Versandapotheke Doc Morris da. Und damit auch die Patienten, die verschreibungspflichtige Medikamente benötigen.

Der Europäische Gerichtshof hat am Mittwoch die Preisbindung rezeptpflichtiger Medikamente für nicht deutsche Versandapotheken gekippt.

Preisbindung ist in Deutschland ein Inselphänomen – nur der Buchhandel und eben verschreibungspflichtige Arzneimittel sind betroffen. An den festen Preis, zu dem die Medikamente über die Theke gehen, sind bislang aber nicht nur deutsche Apotheken und Versandapotheken gebunden, sondern auch alle, die Medikamente aus dem Ausland nach Deutschland versenden wie Doc Morris mit Sitz in den Niederlanden.

EuGH: Preisbindung ist ungerechtfertigte Beschränkung des freien Warenverkehrs

Diese Preisbindung sehen die Richter in Luxemburg jedoch als ungerechtfertigte Beschränkung des freien Warenverkehrs innerhalb der EU. Und das hat jetzt zur Folge, dass nicht in Deutschland sitzende Versandapotheken verschreibungspflichtige Medikamente günstiger verkaufen können als ihre deutschen Konkurrenten – denn die sind weiterhin an den Preis gebunden.

Doc Morris, nach eigenen Angaben größte Versandapotheke in Europa, hat bereits kurz nach dem Urteil bestätigt, dass die Rabatte ab sofort für deutsche Kunden in Kraft treten. Besonders chronisch erkrankte Patienten, die regelmäßig teure Medikamente wie Insulin brauchen, können erheblich sparen.

Patienten können mehrere hundert Euro im Jahr sparen

Laut Doc Morris jährlich mehrere hundert Euro. "Der Patient spart, das Gesundheitssystem wird nicht belastet", sagte Doc Morris-CEO Olaf Heinrich. Doc Morris hofft sich schließlich dadurch, den Umsatz massiv anzukurbeln und weiter zu wachsen. Die Niederländer konnten ihren Umsatz in den ersten neun Monaten dieses Jahres schon um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern.

Heinrich verspricht Patenten ab sofort – unabhängig von Kassenzugehörigkeit oder Produktverordnung – mindestens zwei Euro pro Rezept zu sparen. Bei einem Rezept mit sechs Medikamentenpackungen erhält der Kunde sogar einen Bonus von zwölf Euro – der Maximalbetrag pro Rezept.

Doc Morris CEO Max Müller feiert das Urteil auf Twitter: "Zum nachlesen! Deutliche Worte des Gerichtes,dass Europa für fairen Wettbewerb steht und Patienten davon profitieren!"

Den Betrag will die Versandapotheke direkt mit dem Rechnungsbetrag verrechnen. Fällt kein Betrag an, wird der Bonus dem Kundenkonto gutgeschrieben. Wird dort die Höhe von 30 Euro erreicht, wird der gesamte Betrag auf das Bankkonto überwiesen. Theoretisch können Patienten, bei denen das Rezept vollkommen von der Krankenkasse übernommen wird, sogar noch verdienen.

Patienten und Verbraucher können sogar zweifach profitieren. "Sieger des Urteils sind ganz klar die Patienten und die Krankenkassen", sagt Gerd Glaeske, Professor für Pharmakologie an der Universität Bremen.

"Krankenkassen und private Krankenversicherungen haben natürlich ein Interesse daran, dass Medikamente günstig eingekauft werden. Die könnten ihre Versicherten auch motivieren das jetzt bei ausländischen Versandapotheken zu tun."

Und wenn Kassen und Versicherungen sparen, könnten Versicherte gleich doppelt profitieren. Denn das Urteil könnte langfristig auch Auswirkungen auf den Beitragssatz haben.

"Die Apotheken sind die Verlierer des Urteils"

Als Verlierer des Urteils benennt Glaeske klar die Apotheken. "Im Endeffekt geht den Apotheken natürlich Umsatz verloren, wenn Kunden jetzt abwandern." Apotheken bekommen für den Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten eine Verkaufspauschale von drei Prozent, die sie als Einnahmen verbuchen können.

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Der deutsche Apotheken-Dachverband ABDA zeigte sich in einer ersten Stellungnahme entsetzt über das Urteil aus Luxemburg. Er erneuerte seine Forderung, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten komplett zu verbieten.

"Dass so ein Verbot kommt, halte ich nach dem jetzigen Urteil für ausgeschlossen", stellt Glaeske fest. Dafür rechnet er damit, dass die Preisbindung bald auch für deutsche Apotheken fällt. "Das Gesetz muss jetzt kippen." Über eine entsprechende Klage wegen Inländerdiskriminierung sollen große deutsche Apotheken schon nachdenken, wie die Ärzte-Zeitung aus Branchenkreisen vernommen hat.

Deutsche Apotheken im Preiskampf

Glaeske sieht eine neue Gefahr auf die Apotheken zukommen. Bald könnten sich die deutschen Apotheken im Preiskampf befinden. "Die großen Apotheken sind deutlich im Vorteil, die kleinen könnten dadurch in Nöte kommen." Von den aktuell 21.000 Apotheken in Deutschland würden eigentlich 16.000 reichen. Auch in Apothekerkreisen spricht man davon, dass pro 5.000 Einwohner eine Apotheke genüge, erklärt Glaeske.

Sollte das Gesetz nicht kippen, könnte auf der anderen Seite die deutsche Wirtschaft leiden. Denn dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Teil der 3.000 deutschen Apotheken, die Medikamente versenden, ihren Sitz ebenfalls ins Ausland verlegen – mit der Niederlassungsfreiheit in der EU ist das zumindest für die großen Player kein Problem.

Hintergrund:

Seit 2004 ist der Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland erlaubt. Doc Morris hat jedoch davor schon Medikamente nach Deutschland versandt und ging erstmals 2009 gegen den Deutschen Apotheker-Dachverband vor den EuGH. Das Gericht entschied auch 2003 für die Versandapotheke.

Im jetzt entschiedenen Urteil war Doc Morris nicht als Kläger beteiligt. Das Verfahren strebte die Deutsche Parkinson Vereinigung an, die eine Bonus-Kooperation mit Doc Morris beim Verkauf für Parkinson-Medikamente anbieten wollte. Wegen der Preisbindung wurden die Rabatte untersagt.

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