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Talk über "Terror - Ihr Urteil": Bei der Abstimmung des Publikums verlor FDP-Ikone Baum die Fassung

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BAUM
"Hart aber Fair": FDP-Mann Baum lässt nicht mit sich reden, dann tut Plasberg "etwas ganz und gar Wahnsinniges" | ARD Mediathek
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Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten? Lassen sich Menschenleben gegeneinander aufrechnen?

Um diese brisanten Fragen ging es im interaktiven ARD-Spielfilm "Terror – das Urteil".

Die Handlung des Films: Terroristen wollen einen entführten Lufthansa-Airbus in die voll besetzte Allianz Arena bei München stürzen.

Ein Eurofighter der Luftwaffe steigt auf und stellt das Flugzeug. Der Pilot muss sich entscheiden: Schießt er den Airbus ab und tötet die Passagiere - rettet aber die Menschen im Stadion? Oder entscheidet er sich gegen die Tötung der Airbus-Insassen - nimmt aber den Tod der Fußballfans in Kauf?

"Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben"

"Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben", ruft Luftwaffenmajor Lars Koch (Florian David Fitz) übers Mikrofon an die Leitstelle und feuert eine Luft-Luft-Rakete ab.

Alle 164 Menschen an Bord, darunter die Terroristen einer Al-Qaida-Splitter-Organisation, kommen ums Leben. Die ARD machte die Zuschauer in der Folge zu Gerichtsschöffen: Sie stimmten am Ende des Dramas darüber ab, ob der Bundeswehr-Pilot schuldig ist. Ihr klares Urteil: Mit über 86 Prozent befanden sie, dass Koch unschuldig ist.

Im ARD-Talk "Hart aber Fair" mit Talkmaster Frank Plasberg diskutierten die Gäste nach dem Film das Urteil – und die moralischen und juristischen Fragen, die das TV-Experiment aufwarf. Vier Gäste waren geladen, zwei stimmten für "schuldig", zwei für "nicht schuldig".

Zwei gegen Zwei im Studio

Auf der "nicht schuldig"-Seite: Der ehemalige CDU-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung sowie Thomas Wassmann, ehemaliger Kampfjet-Pilot der Bundeswehr.

Auf "schuldig" plädierten: Theologin Petra Bahr und der ehemalige FDP-Bundesinnenminister Gerhart Baum, selbst Rechtsanwalt.

Der hielt die Runde gehörig auf Trab. Baum setzte sich engagiert für den Artikel 1 des Grundgesetzes ein: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das heißt: Menschen dürfen nicht wie Objekte behandelt werden, Menschenleben also nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Baums Urteil war klar: "Der Pilot ist formal ein Mörder".

Baum war nicht still zu kriegen und unterbrach jeden, der sich zu lange ans Wort klammerte - und war sich aufgrund seines Engagements doch der Sympathie des Publikums sicher.

"Wir reden hier über das deutsche Grundgesetz", fuhr er dazwischen, als CDU-Politiker Jung erklären wollte, es gehe bei dem Handeln des Piloten "doch nicht um einen Verfassungsbruch".

Baum redet alle an die Wand

Pilot Wassmann sprang Jung zur Seite. Auch der Bundeswehrmann lobte die Entscheidung des Piloten im Film. "Das Leben ist doch keine Checklist", entgegnete er den Einwänden des lauten FDP-Politikers, der sich in seinen Ausführungen immer wieder penibel an das Grundgesetz klammerte.

Baum mahnte: "Wir dürfen die Grundlagen unseres Zusammenlebens nicht ändern, weil wir vom Terrorismus bedroht sind." CDU-Mann Jung führte aus, es sei "die edelste Aufgabe des Staates", Leben zu schützen. Eine Debatte, auf die sich auch Baum im Grunde einlassen wollte. "Das ist eine wichtige Diskussion", befand er.

So richtig tat er das dann aber doch nicht. Denn mit der Idee, über das Grundgesetz abstimmen zu lassen, fremdelte Baum gewaltig. Bereits im Vorfeld der Sendung hatte der ehemalige Staatssekretär das Konzept einer Abstimmung als "bedenklich" kritisiert.

Zuschauer sind begeistert vom FDP-Mann

Die Zuschauer waren von Baums leidenschaftlichem und vehementem Auftreten begeistert. "Ich bringe ganz frech Gerhard (sic) Baum als Bundespräsident ins Spiel", schrieb dieser Twitter-Nutzer:

Baum befand: "Ich darf nicht Leben gegeneinander aufrechnen. Es gibt zudem bis zum Schluss keine Gewissheit, ob die 70.000 getötet worden wären.“ Und er zeigte sich bitter enttäuscht, über das eindeutige Votum der Zuschauer. Fassungslos fragte er: "Ist dies das Prinzip, für das wir damals angetreten sind?" Das Urteil der Menschen sei gegen den "Kern des Grundgesetzes".

Plasberg tut etwas "Wahnsinniges"

Das Schlusswort kam dann – verdientermaßen – auch Gerhart Baum zu. Moderator Plasberg witzelte, als er diesem das Wort übertrug: "Ich mache jetzt etwas ganz und gar Wahnsinniges". Denn bereits in den Minuten zuvor hatte der FDP-Mann gezeigt, dass er schwer zu bremsen ist, wenn er einmal ins Reden kommt.

Doch Baum fasste sich kurz: "Millionen Menschen waren als Richter tätig." Er schlug der ARD vor, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu einem möglichen Abschuss von entführten Passagierflugzeugen auf die Webseite zu setzen. Denn unabhängig von der Meinung der ARD-Zuschauer hat das Gericht bereits am 15. Februar 2006 ein klares Urteil gefällt:

Die Ermächtigung der Streitkräfte, gemäß § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes durch unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ein Luftfahrzeug abzuschießen, das gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, ist mit dem Recht auf Leben nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG nicht vereinbar, soweit davon tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betroffen werden.

"Darin ist der Kern des Problems erfasst", so Baum.

Mit Material der dpa

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