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Aktueller Baby-Boom in Deutschland: Ein Demograf erklärt, was dahinter steckt

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Aktueller Baby-Boom in Deutschland: Ein Demograf erklärt, was dahinter steckt | Hinterhaus Productions via Getty Images
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Deutschland erlebt einen überraschenden Babyboom.

Und der zeigt sich nicht nur in Stadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin, im Schanzenviertel in Hamburg oder in München-Neuhausen. Nein, er zeigt sich deutschlandweit - und das ist tatsächlich eine kleine Sensation.

Wie das statistische Bundesamt am Montag meldete, verzeichnet die Geburtenstatistik in Deutschland die neue Rekordzahl von 1,5 Kindern je Frau für das Jahr 2015. Das ist der höchste Wert in Deutschland seit 1982. Betrachtet man allein Westdeutschland sogar seit 1974.

Deutschland galt lange als sterbendes Land - mit zu vielen Alten und zu wenigen Jungen. Mit Paaren und Frauen, die sich alles wünschen nur keine Kinder. Und jetzt das.

Was ist also passiert?

Eine Antwort kennt Martin Bujard. Er ist Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. In der Huffington Post erklärt er die erstaunlichen Hintergründe für den deutschen Baby-Boom.

1. Was sind die Gründe für den Baby-Boom?

Im Gegensatz zu zahlreichen Kommentatoren lobt Demograf Bujard den Paradigmenwechsel der deutschen Familienpolitik der letzten 15 Jahre. "Sie verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere der Ausbau von Kindertagesstätten sorgt für einen langfristigen Effekt." Familie und Karriere schließen sich heute weniger aus als noch vor einigen Jahren.

Laut Bujard profitieren insbesondere Akademikerinnen von dieser Maßnahme. Bei den Frauen mit Uniabschluss verschärfte sich die Kinderlosigkeit in den vergangenen Jahren immer mehr - "aber der Rückgang ist gestoppt", sagt Bujard.

Dadurch, dass auch immer mehr Menschen die Hochschulen besuchen, wächst diese Gruppe. "Sie wird zunehmend wichtiger", so Bujard.

2. Welche Rolle spielen Migrantinnen?

Die Geburtenrate bei Frauen mit Migrationshintergrund ist laut offiziellen Zahlen höher (1,95 Kinder pro Frau) als der von Frauen ohne Migrationshintergrund (1,43). Bujard warnt aber vor pauschalen Bewertungen, dass allein Migrantinnen für den Baby-Boom sorgten.

Denn die Gruppe der Migranten sei "sehr heterogen". So würden Frauen aus Osteuropa keine höhere Kinderzahl aufweisen, Frauen aus der Türkei oder Afrika hingegen schon. Und: Auch ohne die Frauen mit Migrationshintergrund gebe es eine Steigerung bei der Geburtenrate, unterstreicht Bujard.

3. Kann man von einer Trendwende sprechen?

Neben der zusammengefassten Geburtenrate eines Jahres berechnen Demografen auch die Kinderzahl der Frauen pro Jahrgang. Auch nach dieser - aussagekräftigeren - Zählung sieht Bujard eine "deutliche Trendwende". Beide Indikatoren würden die aktuelle positive Entwicklung bestätigen.

Frauen, die 1933 geboren wurden, hätten 2,22 Kinder im Schnitt bekommen, erklärt der Demograf. Rekordwert im 20. Jahrhundert. "Danach ging die Quote runter und erreichte mit dem Jahrgang 1968 ihren Tiefpunkt mit 1,49 Kindern je Frau." Seitdem sei die Rate wieder auf 1,6 ansteigen.

4. Stoppt die Rekordquote die Überalterung der Gesellschaft?

Demograf Bujard warnt vor allzu großer Euphorie: "Ja es gibt eine leichte Erhöhung, aber es ist eher eine Seitwärtsbewegung. Wir sind weit von der Ausgleichsrate entfernt." Selbst bei einer Geburtenrate von 2, würde die Alterung der Gesellschaft lange fortschreiten, erklärt Bujard. Immer noch sterben bei weitem mehr Menschen in Deutschland als geboren werden.

"Und dafür müsste sich auch unsere Kultur grundlegend ändern."

Familien in Deutschland wünschten sich laut Bujard im Schnitt 2 Kinder - aber selbst dieser Wert werde nicht erreicht. Um die Überalterung der Gesellschaft zu bremsen, müssten mehr Familien mehr als 2 Kinder bekommen.

Schon kleine Sprünge in der Geburtenrate würden in der Praxis viele Tausend Kinder mehr bedeuten - und entgegen landläufiger Meinung ist Deutschland hier auf einem guten Weg.

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