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Sturm auf Mossul: Was die Schicksalsschlacht gegen den IS für die Region und Europa bedeutet

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MOSSUL
Sturm auf Mossul: Was die Schicksalsschlacht gegen den IS für die Region und Europa bedeutet | dpa / Dabiq
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Über Monate bereitet eine Militärallianz die Offensive auf die letzte IS-Hochburg im Irak vor. Sollte Mossul jetzt fallen, wäre die Terrormiliz im Irak militärisch weitestgehend besiegt. Beobachter erwarten einen harten Kampf.

Davon ist auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen überzeugt. „Es wird ein schwerer Kampf werden, den IS aus Mossul zu vertreiben“, sagte von der Leyen am Montag. Auch die Bundesregierung ist indirekt – durch die Unterstützung der kurdischen Peschmerga-Miliz - an der Operation beteiligt.

Nicht nur deshalb guckt Deutschland gebannt auf die Schicksalsschlacht gegen den IS. Es geht um das Leben über einer Million Zivillisten, die durch die Kämpfe aus ihrer Heimat vertrieben werden könnten. Es drohen neue Flüchtlingswellen. Zudem ist vollkommen offen, wie der IS auf die Offensive reagiert.

Wie gestaltet sich die Lage im Irak – und wie könnten die Folgen der Schlacht für Europa aussehen? Die wichtigsten Antworten.

1. Wer beteiligt sich an der Offensive?

Es ist die wohl breiteste Koalition, die je gegen den IS ins Feld gerückt ist. Ein Kommandeur der irakischen Spezialkräfte sagte der „Washington Post“ an der Offensive seien über 80.000 Kämpfer beteiligt.

Neben irakischen Regierungstruppen und Polizeikräften, kurdischen Peschmerga-Kämpfern und sunnitischen Milizen sollen auch türkische Truppen sich in Stellung bringen.

„Wir werden bei der Operation dabei sein, wir werden am Tisch sitzen, es ist nicht möglich, dass wir außen vor bleiben“, sagte der türkische präsident Erdogan in Istanbul. Die Türkei hat gegen den Willen der irakischen Regierung nahe Mossul Soldaten stationiert. Sie bilden dort Peschmerga und sunnitische Milizen aus.

Zudem unterstützt die internationale Koalition, geführt von USA, Frankreich und Großbritannien das Vorrücken aus der Luft. Aus amerikanischen Militärkreisen heißt es sogar, dass US-Spezialeinheiten auf dem Boden aktiv sind – um Spähtätigkeiten auszuüben, die den Luftschlägen eine größere Präzision verleihen soll. Das berichtet der britische „Guardian“.

Videos sollen zudem auch französische Artillerieeinheiten auf irakischem Boden zeigen.

Umstritten ist der Einsatz schiitischer Milizen bei der Offensive. Diese hatten angekündigt, sich an der Militäroperation zu beteiligen. Die Sunniten lehnen das jedoch ab, weil sie befürchten, dass die schiitischen Milizen ihren Einfluss im Land noch weiter ausbauen könnten. Mossul ist die wichtigste sunnitische Stadt im Irak. Viele Sunniten fühlen sich von der Mehrheit der Schiiten im Land und von der schiitisch dominierten Zentralregierung diskriminiert.

2.Wie verläuft die Schlacht bisher?

Informationen über den Verlauf der Kämpfe, das Vorrücken der Einheiten dringen nur häppchenweise nach außen.

Gesichert scheint: Die kurdischen Peschmerga-Milizen haben am ersten Tag der Offensive bereits deutlich an Boden gewonnen. Die Kämpfer hätten eine Fläche von rund 200 Quadratkilometern eingenommen, sagte der Präsident der weitgehend autonomen irakischen Kurdenregion, Massud Barsani, am Montag.

Der kurdische Sicherheitsrat erklärte, die Peschmerga seien vor allem östlich von Mossul vorgerückt und hätten dort mehrere Dörfer erobert. Dabei hätten sie auch Luftunterstützung des von den USA angeführten Militärbündnisses gegen die Terrormiliz Islamischer Staat erhalten. Die Gegend ist allerdings nur sehr spärlich besiedelt.

Iraks Armee teilte mit, ihre Einheiten hätten südlich der Stadt zwölf Orte erobert. Soldaten sind demnach teilweise bis auf 20 Kilometer an die Stadt herangerückt.

Der IS setzt zur Verteidigung offenbar auf Selbstmordanschläge. Der IS-Propagandakanal Amaq Agency ließ verlauten, neun Selbstmordattentate gegen die Angreifer durchgeführt zu haben.

Dennoch resümiert der irakische Generalleutnant Talib Shaghati: "Bisher läuft es sehr gut."

3.Wie wichtig ist der Kampf um Mossul?

Mossul ist die letzte größere Stadt, die der IS im Irak hält. Allein daraus ergibt sich die enorme Bedeutung des Kampfes. Fällt Mossul, ist die territoriale Herrschaft der Terror-Miliz im Irak dem Ende geweiht. Der Mehrfrontenkrieg gegen den IS würde sich in der Folge mehr und mehr nach Syrien verlagern.

Mosul befindet sich in der Nähe wichtiger Ölfelder. Fallen sie wieder in die Hand der irakischen Regierung, bedeutet das für den IS wohl massive finanzielle Einbußen. Die irakische Führung kann sich von einer Rückeroberung der Ressourcen politische und ökonomische Stabilität versprechen.

Mossuls Bedeutung liegt zudem in der Lage der Stadt. Die Nähe zur syrischen und türkischen Grenze sowie zu der autonomen kurdischen Region Nordirak macht die Stadt zu einem strategischen Kontenpunkt. Solange die Terror-Miliz die Stadt hält, kann sie in alle Richtungen Druck ausüben.

Über all das hinaus hat Mossul auch eine große symbolische Bedeutung für die Dschihadisten. Hier rief IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Jahre 2014 das Kalifat aus.

4. Was bedeutet der Kampf für die Menschen vor Ort?

Für die Menschen in Mossul waren die zwei Jahre unter dem IS eine humanitäre Katastrophe. Doch auch eine Befreiung der Stadt könnte für sie im Desaster enden.

Lise Grande, UN-Koordinatorin für den Irak, sagte der „New York Times“: „Wir befürchten, dass bis zu einer Million Zivillisten gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen.“

Hilfsorganisationen forderten sichere Fluchtwege – passiert ist bisher wenig.

Das irakische Militär gab bekannt, über der Stadt zehntausende Flugblätter abgeworfen zu haben. Darin kündigten sie ihre Offensive an und forderten die Menschen auf, in ihren Häusern zu bleiben.

Experten erwarten jedoch Kämpfe, die sich über mehrere Monate - oder zumindest Wochen - ziehen könnten. Für viele Zivillisten werden diese wohl tödlich enden.

5. Wie beeinflusst die Operation die Sicherheit der Region und Europas?

Nicht nur das Schicksal der Zivillisten und die Aussicht auf neue Flüchtlingswellen sollten den Westen beunruhigen. Denn es ist klar: Auch ein Erfolg bei Mossul wird den IS nicht besiegen.

Im Gegenteil warnen Experten davor, dass der IS in Folge der vermeintlichen territorialen Verluste „in den Untergrund geht“. Der kanadische Brigardegeneral Dave Anderson, der irakische Sicherheitsbeamte ausbildet, sagte etwa: „Wenn überhaupt, wird es schwieriger.“

Die Zeit zwischen dem Fall Mossuls und dem endgültigen Sieg gegen die Terror-Miliz werde so „die gefährlichste“ werden.

Er glaubt: Die IS-Soldaten werden nach einer Niederlage in den Untergrund gehen, sich unter die Zivilbevölkerung mischen und eine Guerilla-Taktik adaptieren

Auch für Europa sinkt die Terrorgefahr durch eine Rückeroberung Mossuls wohl kaum. Schon in Vergangenheit zeigte sich: Wenn der IS territoriale Rückschläge hinnehmen musste, konzentrierte er sich umso stärker auf Anschläge außerhalb des eigenen Einflussgebietes.

So könnte eine Niederlage in Mossul die Wandlung des IS von einer Territorialmacht zur unberechenbaren Untergrund-Terroreinheit weiter vorantreiben.

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