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Warum mich die deutsche Linke wegen Syrien ankotzt

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WAGENKNECHT
Sahra Wagenknecht bei der "Friedensdemo" in Berlin | dpa
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Jetzt wäre die große Zeit der Linken.

Die Linke steht in der historischen Tradition zu wissen, wie schlecht Waffen sind. Die Linke solidarisiert sich mit den Unterdrückten und Unterprivilegierten. Die Linke steht für Freiheit und Respekt.

In Syrien sterben täglich unschuldige Menschen. Sie werden von der Weltgemeinschaft Zivilisten genannt, als gehörten sie einem Verein an. Sie werden von der Weltgemeinschaft verarscht – weil in Syrien so viele am Unglücksrad des Krieges drehen, die keine Syrer sind.

Jeder deutsche Linke sollte also wegen des Krieges in Syrien Pickel kriegen.

Die Linken prangern Unrecht nicht an

Aber was tun die deutschen Linken stattdessen? Sie verfallen in Ohnmacht.

Sie prangern Unrecht nicht an. Sie suchen sich wie in einem Krämerladen aus, was sie ganz schlimm finden, um sich dann ganz toll zu finden. Die deutschen Linken verwechseln die Realität mit einem Salon.

Ich hätte nie gedacht, dass ich bei dem Anblick kotzen würde

Am vergangenen Wochenende ist es passiert. Ich hätte nie gedacht, dass mich der Anblick von roten Fahnen kotzen lassen würde.

Als ich aber auf der „Friedensdemo“ in Berlin am Alexanderplatz ihre Banner sah, spürte ich erstmals in meinem Leben Ekel gegenüber dem, was ich selbst früher getragen habe. Dabei finde ich nicht, dass ich mich groß verändert habe.

Die „Friedensdemo“ kam daher mit der historischen weißen Taube auf himmelblauem Grund, eingerahmt vom Rot der Fahnen. Und die Redner schafften es allesamt, vor den Gräueln, gegen die sie demonstrierten, die Augen zu verschließen.

Wie geht es dem Syrer, dessen Haus gerade von russischen Bombern weggepustet wird?


Es gab kein kritisches Wort zur Rolle Russlands.

Ja, nicht nur der Kreml lässt gerade in Syrien töten. Er ist ein Player unter anderen. Aber Staatspräsident Wladimir Putin ist ein mächtiger Player, er ist mit wenig Skrupeln gesegnet und seine Motive sind unmoralisch bis rein machtstrategisch. Wegen Russlands Soldaten sterben in Syrien die Leute, die man Zivilisten nennt. Die Salon-Linken vom Alexanderplatz aber, die sagen dazu kein Wort.

Wie ergeht es wohl einem Syrer, meinetwegen einem braven Sozialisten, der immer für Gleichheit, Gewaltfreiheit und Überwindung der Konfessionsschranken gekämpft hat – und dessen Haus gerade von einem russischen MIG-Kampfflugzeug weggepustet wird? Singt er die Internationale?

Wagenknecht kritisiert viele - aber nicht Putin


Linke-Chefin Sahra Wagenknecht wurde am Alex gefeiert wie eine Ikone des Widerstands. Richtig wütend war sie.

In Richtung USA rief sie: „Die Heuchelei muss ich mir nicht antun.“ Und die Fraktionsvorsitzende der Linke im Bundestag fragte nach den Kriegsverbrechen durch syrische Oppositionsgruppen, oder nach den „vielen Toten in Afghanistan“. Berechtigte Fragen.

Nur goss Wagenknecht damit nur die dicke Sauce aus, um nicht Ross und Reiter zu nennen. Gegen SPD und Grüne dagegen teilte sie gerne aus. Und da hat sie zuweilen auch recht.

Ich kann es nicht mehr hören!

Aber: Ich kann nicht mehr hören, dass der Kosovokrieg, mit Billigung von Rot-Grün, der Nato im Jahr 1998 völkerrechtswidrig und ein großes Unrecht war – denn genauso ist es.

Ich kann nicht mehr hören, dass die USA nach dem 11. September 2001 delirierten und in Afghanistan, gemeinsam mit Deutschland und anderen Verbündeten, am Ende nur Gewalt, Unheil und Instabilität brachten – denn genauso ist es.
Ich kann nicht mehr hören, dass der Krieg gegen den Irak nicht nur einen Diktator stürzte, sondern ein Vakuum schuf samt Besatzungsregime, das die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zur Welt brachte – denn genauso ist es.

Syrien hilft nur unsere geballte Wirtschaftsmacht


Ich kann es nicht mehr hören. Denn: Was haben die Syrer davon? Was hilft Syrien?

Syrien hilft jetzt nur die geballte Wirtschaftsmacht des Westens. Syrien hilft jetzt nur noch ein großer Verhandlungstisch mit allen Beteiligten, eine Feuerpause und ein Rückzug aller nichtsyrischen Akteure. Dies kann nur durch Druck erreicht werden. Nicht durch Gewalt, aber durch gewaltigen Wirtschaftsdruck.

Es ist fein, wenn die CDU laut über verschärfte Wirtschaftssanktionen gegen Russland nachdenkt, das ist der richtige Weg. Aber konzertiert muss das gleiche Saudi-Arabien und Katar angedroht werden.

Iran sollte seine Annäherung an das westliche Wirtschaftssystem nicht bekommen, wenn Teheran seine Pasdaran nicht aus Syrien zurückzieht. Und dem Libanon sollte bedeutet werden, die Hisbollah-Soldaten rasch aus Syrien heimzuholen.

Wirtschaftsdruck kostet viel Geld. Er müsste durchgezogen werden. Aber das sollte es uns wert sein.

Dann könnten wir vielleicht wieder demnächst in den Spiegel schauen ohne rot zu werden. Dieses Rot schimmert nämlich stärker als jenes der Fahnen vom Alex.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(sk)