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"Jetzt ist Schluss mit lustig": So reagieren die Medien auf den Fall al-Bakr

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LEIPZIG
Der terrorverdächtige Dschaber al-Bakr und der Anstaltsleiter der Justizvollzugsanstalt Leipzig, Rolf Jacob | dpa
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Ein Terrorverdächtiger bringt sich in seiner Zelle um - das wirft bohrende Fragen auf. Sachsens Justiz erklärt sich ausgiebig - und lässt doch vieles offen.

So kommentierten deutsche Medien am Abend den brisanten Fall, in dem der Vorwurf des Justizversagens immer lauter wird:

"Hätte Häftling nicht aus den Augen lassen dürfen"

Die Lüneburger “Landeszeitung” schreibt, in Sachsen sei man sich offensichtlich der Bedeutung des Falles nicht bewusst gewesen. "Ansonsten hätte man Deutschlands wichtigsten Häftling kaum eine Sekunde aus den Augen gelassen."

Aus dem Agieren spreche viel Naivität, urteilt die Zeitung. “Und es passt irgendwie ins grotesk anmutende Bild, dass der Leichnam von einer engagierten Auszubildenden aufgefunden wurde. Zwischen Auffinden und Öffentlichmachung lagen fast drei Stunden. Darüber wird ebenfalls noch zu reden sein.”

“Das klingt einfach zu grotesk, um es für möglich zu halten”

Der “Mannheimer Morgen” kommentiert, ohne personelle Konsequenzen werde Sachsen nicht aus dieser fatalen Geschichte herauskommen. “Der zuständige Justizminister und der Regierungschef haben schon unmissverständlich klargemacht, wo sie den Fehler sehen: Im Gefängnis, und nur dort. Im Fall al-Bakrs war es wohl eine Gefängnis-Psychologin, die den entscheidenden Fehler machte.”

Sie habe sich von einem gefasst und ruhig auftretenden jungen Mann täuschen lassen - und sei zu dem unerklärlichen Schluss gekommen, dass ein mutmaßlicher Selbstmordattentäter keinen Selbstmord begehen würde. “Das klingt einfach zu grotesk, um es für möglich zu halten”, schreibt die Zeitung. “Aber es ist passiert. Ausgerechnet im Freistaat Sachsen.”

Die “Sächsische Zeitung” geht noch härter mit der Justiz ins Gericht. Sie schreibt: “Besserwisserei kann ausgesprochen nervig sein. Schlimmer als die ewigen Bescheidwisser und Schnell-Kommentierer sind aber die Sturköpfe, die stets darauf beharren, alles richtig gemacht zu haben. Sie weisen Kritik als ‘Pauschalvorwurf’ zurück, verbitten sich Einmischung und igeln sich ein. Sachsens Regierung handelt seit geraumer Zeit nach diesem Muster.”

"Ein personeller Neuanfang darf kein Tabu sein”

Je größer die Erklärungsnot, desto stärker werde in Sachsen das Selbstmitleid. “Aber wenn das Ergebnis der Korrektheit dann wieder mal ein Desaster ist, genügt es nicht, sich nur an die Vorschriften zu halten.”

Die Landesregierung könne nach diesem Vorfall nicht zur Tagesordnung übergehen. “Regieren ist, das gilt für den Ministerpräsidenten, aber auch für jeden seiner Minister, mehr als nur das Bestehende verwalten. Ein personeller Neuanfang darf kein Tabu sein.”

"Nicht das erste Mal, dass Sachsens Ordnungshüter in trübem Licht erscheinen"

Die “Stuttgarter Zeitung” beschreibt den Zwischenfall in Leipzig als “das vorläufige Ende einer unfassbaren Pannenserie”. Es sei wohlfeil, bei solchen Anlässen gleich von Staatsversagen zu reden. Doch es falle schwer, an dumme Zufälle zu glauben.

“Schließlich ist dies nicht das erste Mal, dass Sachsens Ordnungshüter in trübem Licht erscheinen. Das gilt für die Ignoranz des Gefängnispersonals bis hinauf zu einer Ministerriege, die auf sicherheitsrelevanten Plätzen ziemlich dürftig besetzt ist. Das Protokoll des Falles al-Bakr liest sich wie eine Unfähigkeitsbescheinigung für Polizei und Justiz des Freistaats.”

"Deutschland hat sich im internationalen Kampf gegen den Terror blamiert"

Die “Neue Rhein Zeitung” aus Essen bescheinigt der sächsischen Justiz mangelnden gesunden Menschenverstand, der einen zu dem Schluss hätte kommen lassen müssen, “dass man auf den mutmaßlichen Terroristen ein besonderes Augenmerk haben muss”.

“Und wenn das Vollzugsgesetz im Freistaat die Videoüberwachung nicht erlaubt, wäre es in diesem Fall doch möglich gewesen, al-Bakr zu verlegen. Jetzt können die Ermittler ihre wichtigen Fragen nicht mehr stellen. Suizidgefahr eines Terrorverdächtigen ignoriert: Deutschland hat sich im internationalen Kampf gegen den Terror blamiert.”

Der “Münchner Merkur” sieht das ähnlich. “An slapstickreifen Polizeieinsatzszenen aus Sachsen habe es zuletzt nicht gefehlt, kommentiert die Zeitung. Die Polizisten hatten al-Bakr zunächst so auffällig beobachtet, dass es sogar den Nachbarn auffiel, dann entkam der Mann einem anwesenden Sonderkommando.

“Aber jetzt, nach dem Suizid des verhinderten Selbstmordattentäters Dschaber al-Bakr, ist Schluss mit lustig", heißt es in der Regionalzeitung. "Was sich deutsche Sicherheitsbehörden, aber auch Politiker seit über einem Jahr leisten, ist nicht zum Lachen. Sondern zum Fürchten.”

Nach dem Skandal der Kölner Silvesternacht sei das Totalversagen der Behörden in Sachsen der nächste schwere Schlag gegen das Sicherheitsgefühl der Bürger. “Da gerät jede noch so gut gemeinte Migrationspolitik aus den Fugen.”

"Öffentlichkeit spielt sich als Emil und die Detektive auf"

Die “Neue Osnabrücker Zeitung” ist zwar auch der Ansicht, dass der Suizid nicht hätte passieren dürfen, räumt aber ein, zu Selbstmorden von Häftlingen komme es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen immer wieder.

“Und so hatte auch der syrische Terrorverdächtige Jaber al-Bakr kein Messer dabei oder eine Scherbe benutzt, ebenso wenig Gürtel oder Schnürsenkel, sondern sein T-Shirt”, schreibt die Zeitung. Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" allerdings hatte der Mann die Zellenlampe beschädigt und die Steckdosen manipuliert - doch all das wurde als Vandalismus abgetan.

“Dass er sich in seiner Leipziger Zelle selbst tötete", schriebt die "Neue Osnabrücker Zeitung" dennoch, "taugt also nicht dazu, um eine generelle Aussage über die Polizei im Allgemeinen ableiten zu wollen oder die sächsische im Besonderen, übrigens schon deshalb nicht, weil die Polizei mit dem Strafvollzug nichts zu tun hat, was viele Kritiker schlicht übergehen.”

Auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” nimmt die sächsische Justiz in Schutz: “Es gehört mittlerweile zu den Begleitumständen spektakulärer Fahndungen oder Festnahmen, dass es so läuft: Nicht der Erfolg beschäftigt die veröffentlichte Meinung, sondern das Vorurteil, einen gravierenden Misserfolg, einen ‘Skandal’ entdecken zu können.” Das sei schon so gewesen, nachdem al-Bakr in Chemnitz entwischt war.

“Teile der Öffentlichkeit spielen sich dann gerne als Emil und die Detektive auf, die immer klüger sind - hinterher.” Einer der größten Fahndungserfolge im Kampf gegen den Terror, der auch durch die syrischen Landsleute möglich wurde, werde nicht dadurch geschmälert, dass sich der Verdächtige das Leben nimmt. Dass er kooperiert hätte, dürfe ohnehin bezweifelt werden.

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(sk)