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6 offene Fragen im Fall Al-Bakr, die zeigen, wie überfordert die Behörden waren

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ALBAKR
6 offene Fragen im Fall al-Bakr, die zeigen, wie überfordert die Behörden waren | dpa
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  • Auf einer Pressekonferenz hat die sächsische Justiz am Donnerstag nähere Informationen zu dem Suizid Jaber al-Bakrs gegeben
  • Die zuständigen Behörden wollten aufzeigen, wie es zu dem Selbstmord kommen konnte
  • Doch das gelang nur bedingt. Es bleiben noch viele Fragen offen

Es war eine Pressekonferenz, die Antworten geben sollte: Wie war es möglich, dass sich der mutmaßliche IS-Terrorist Al-Bakr in seiner Zelle in der JVA Leipzig töten konnte - und das, obwohl die Gefängnis-Führung gewarnt wurde, dass er selbstmordgefährdet war.

JVA-Leiter Rolf Jacob versuchte, diese Fragen akribisch zu beantworten, was ihr hier nachlesen könnt. Einzig: Nun drängen sich viele neue Fragen auf.

1. Wer packt einen selbstmordgefährdeten Terroristen in eine Zelle, in der man sich problemlos töten kann?

Al-Bakr bekam in der JVA Leipzig eine Zelle, in der man sich "problemlos töten konnte", wie Jacob in der Pressekonferenz sagte. Den Grund nannte er auch: Eine andere Zelle bekommt ein Häftling nur, wenn akute Selbstmordgefahr besteht. Eine Psychologin attestierte dem mutmaßlichen Terroristen allerdings nur eine einfache Selbstmordgefährdung.

Dennoch erlaubt es das sächsische Landesgesetz, einen Häftling über eine kurze Zeit auch ohne eine solche Einschätzung in eine selbstmordsichere Zelle zu packen. Das hielt die JVA aber nicht für notwendig. Eine Fehleinschätzung.

2. Wer lässt einen mutmaßlichen Terroristen von einer Psychologin befragen, die keinerlei Erfahrung mit Terroristen hat?

Am Morgen nach seiner Aufnahme in die JVA führte eine Psychologin ein ausführliches Gespräch mit Al-Bakr. Sie beschrieb ihn als ruhig, sachlich und interessiert. So soll er gefragt haben, ob sein Hungerstreik seine Abschiebung beschleunigen würde.

Die Psychologin leitete daraus den folgenschweren Schluss ab, es bestehe keine akute Selbstmordgefährdung. Dabei muss man wissen: Laut JVA-Leiter Jacob hatte sie keine Erfahrung in Gesprächen mit Terroristen, zu deren Handwerkszeug es gehört, ihre Absichten zu verbergen.

3. Wer versäumt es, einen nicht deutschsprachigen Terroristen ohne Dolmetscher in eine JVA aufzunehmen?

Auch diese Frage ist ungeklärt. JVA-Leiter Jacob verwies darauf, dass er man auf den Dolmetscher bis zum nächsten Tag warten wollte. Das Aufnahmegespräch wurde also im brüchigen Deutsch geführt. Dabei werden hier wichtige Fragen geklärt.

4. Wer nimmt es nicht als Anzeichen für eine akute Selbstmordgefährdung, wenn jemand zweimal versucht, an Stromquellen zu gelangen?

Al-Bakr versuchte offenbar zweimal, an offene Stromquellen zu gelangen: Einmal riss er die Deckenlampe in seiner Zelle ab, ein zweites Mal manipulierte er die Steckdose. Rückblickend wirkt das wie ein Alarmsignal, ein erster Selbstmordversuch. Die JVA-Leitung tat das als Vandalismus ab - obwohl sich al-Bakr in der JVA meldete und darauf hinwies, dass sein Klient offenbar neben sich stehe.

5. Warum wurde Al-Bakr nicht rund um die Uhr beobachtet?

Der Pflichtverteidiger des Terrorverdächtigen sagte, ihm sei von der JVA versichert worden, dass Al-Bakr ständig beobachtet werde. Das war allerdings nicht der Fall. Stattdessen wurde eine Kontrolle im 15 Minuten Takt angewiesen, die Tag und Nacht durchlaufend durchgeführt wurde.

Die erste Nacht nach der Aufnahme soll dabei unauffällig verlaufen sein. Wie JVA-Leiter Jacob erklärt, wurde dann in einem Teamgespräch beschlossen, die Kontrolle nur noch alle 30 Minuten durchzuführen.

Dabei blieb es bis zu Al-Bakrs Selbstmord.

6. Warum gab es keine Videoüberwachung von der Zelle des Terrorverdächtigen?

Jacob wies darauf hin, dass es in Sachsen keine Videoüberwachung von Gefängniszellen gebe. Stattdessen werde eine unmittelbare Sitzwache vor der Zelle bevorzugt, weil die Sitzwache schneller erkennen könne, was genau mit dem Gefangenen los ist.

Bei Al-Bakr wurde eine Sitzwache allerdings nicht für notwendig gehalten.

Eine mögliche Antwort lieferte JVA-Leiter Jacob selbst – wenn auch in Form einer Frage: "Waren wir vielleicht doch ein bisschen zu gutgläubig?" Jacob war übrigens bis gestern in Urlaub.

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