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"Sie haben mich träumen lassen": Brief eines begeisterten Bob-Dylan-Fans

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BOB DYLAN
Der Musiker Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis gewonnen. | Robert Galbraith / Reuters
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Lieber Bob Dylan,

die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises war in den vergangenen Jahren ungefähr so aufregend wie ein Bingo-Nachmittag in Fulda. Selbst wenn man sich selbst intensiv mit Literatur beschäftigt, zwang einen das Nobelpreiskomitee immer wieder in demütiges Staunen.

Denn kaum jemand war verrückt genug, um die jedes Jahr immer abwegiger werdenden Preisträger zu kennen, geschweige denn ihre Auszeichnung voraus zu sehen.

Der Chinese Mo Yan? Ist seit vier Jahren beständig ungelesen. Der Franzose Patrick Modiano und seine Baldrian-Prosa? Hat selbst dann kaum jemanden gepackt, als die Bücher stapelweise bei Thalia und Hugendubel zum Kauf bereit lagen.

Ein Preisträger zum Mitreden

Nun also Sie, Bob Dylan. Endlich mal jemand, dessen Auszeichnung nicht nur in den Lektoratsabteilungen der Bildungsbürger-Zuliefererindustrie für wohliges Augenbrauen lupfen sorgt. Bei Ihnen kann so gut wie jeder mitreden.

Sie haben in den 75 Jahren ihres Lebens drei Generationen von Musikern und Musikhörern beeinflusst. Und wer nicht gerade die entscheidenden Jahre seiner musikalischen Sozialisation mit allerlei chemischen Substanzen zugedröhnt im Berghain verbracht hat, dürfte wenigstens eine Handvoll Songs von ihnen kennen.

Weil jetzt aber wahrscheinlich alle Feuilletons das Hohelied auf ihr Werk anstimmen werden, fange ich die Laudatio mal andersherum an: mit dem, was an Ihnen scheiße ist.

Debütroman "Tarantula" – Welche Drogen haben Sie damals genommen?

Ich bin Jahrgang 1981, geboren während ihrer schrecklichen Jesus-Phase, die ich aus naheliegenden Gründen deshalb nicht bewusst miterlebt hatte. Darum bin ich wirklich sehr froh, obwohl ich kein Problem mit Gott habe.

Aber allein die Vorstellung, dass sie auf der Bühne stehen und mit quasi-missionarischen Eifer die Massen zu bekehren versuchten, macht mich ziemlich fertig. Da denke ich immer an Tom Cruise und John Travolta.

(Text geht unten weiter)

Postet eure Meinung in einem Videokommentar (Anleitung unten):

Anleitung: Seid ihr mit dem Smartphone unterwegs, müsst ihr nichts weiter tun, als auf "Video aufnehmen" zu klicken und danach noch einmal auf "Weiter". Dann könnt ihr direkt ein Video von eurem Handy hochladen, indem ihr entweder ein existierendes auswählt oder aber ein neues aufnehmt.
Wenn ihr gerade mit dem PC auf dieser Seite seid, klickt ihr ebenfalls zuerst auf "Video aufnehmen" und könnt dann wählen, ob es per SMS, E-Mail oder QR-Code weitergehen soll. Auf dem Weg, den ihr auswählt, bekommt ihr einen Link auf euer Handy geschickt. Den müsst ihr dann nur noch öffnen und könnt anschließend ebenfalls ein existierendes Video von eurem Handy hochladen oder ein neues aufnehmen.
Habt ihr Fragen? Gibt es Probleme? Dann schickt uns bitte eine Mail an video@huffingtonpost.de.

Und ich hoffe, das darf man einem Literaturnobelpreisträger sagen: Ihr Debütroman "Tarantula" ist so ziemlich das mieseste Buch, das jemals auf dieser Welt von einem Menschen geschrieben wurde, dessen Niveau und Anspruch klar über dem von einem Gurkenglas voller Urzeitkrebse liegen.

Im Ernst: Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, mehrere Hundert Seiten mit völlig zusammenhanglosen Buchstabendurchfall zu füllen? Welche Drogen haben Sie damals genommen?

Oder wollten sie einfach dem Literaturbetrieb den Stinkefinger zeigen und haben sich heimlich kaputtgelacht, was für Deppen es auf dieser Welt gibt, die selbst so einen Müll wie "Tarantula" mit heiligem Ernst studieren und darin etwas erkennen wollen?

Jetzt der Champagner

Okay, genug Selters. Jetzt der Champagner.

Ich bin ein unfassbar großer Fan des frühen Bob Dylan. Also, nicht der Nuschler, nicht der Jesus-Freak und nicht der Rocker, sondern der Folk-Sänger.

Auf "Bob Dylan" (1962) und "The Freewheelin' Bob Dylan" (1963) zündet eigentlich fast jeder Song. Man kann das heute kaum mehr glauben: Dass damals ein junger Mann von Anfang 20 einfach so aus Minnesota daher gelaufen kommt, und ein ganzes Genre neu denkt. Der die epische Frechheit besitzt, auf seinem Debütalbum schon eine unfassbar schöne Hommage an den großen Woody Guthrie zu veröffentlichen: "Song to Woody". Verdammt, dieses unfassbar gute Lied war ihre erste Eigenkomposition.

Bevor sie das durchschnittliche Alter erreicht hatten, in dem heute Bundesliga-Profis ihre Karriere in der Major League Soccer ausklingen lassen, hatten sie so gut wie alle einflussreichen Musiker ihrer Zeit dazu gebracht, Fans von Ihnen zu sein. Die Byrds, Jimmi Hendrix, Johnny Cash, Eric Clapton, Joan Baez, Joe Cocker: Sie alle traten mit Coverversionen Ihrer Songs auf.

Egal, ob in Liebe oder Zorn

Das hat auch damit zu tun, dass ihre Musik zu so vielen Menschen spricht. Egal, ob in Liebe oder Zorn. Nicht umsonst lassen die Fernsehsender bei TV-Dokumentationen bis heute ihre Lieder zu den Bildern aus Vietnam laufen. Was die abgenudelten Aufnahmen nicht mehr zu leisten vermögen, schaffen ihre Songs: Man bekommt Gefühl für diese Zeit.

Und was für mich besonders ist: Sie haben mir stets gezeigt, dass es nicht nur dieses "eine Amerika" gibt, auf das die so genannten Friedensdemonstranten heute immer so zornig sind, dem Weltverschwörungen, Menschheits-Vernichtungspläne und andere riesengroße Gemeinheiten unterstellt werden.

Sie haben mich träumen und hoffen lassen. Und das ist für mich auch ein Stück Amerika. Eines, das ich vor etwas mehr als zehn Jahren erlebt habe, als ich zum ersten Mal durch die Straßenschluchten von New York gegangen bin. Ich habe selten so viel Energie und Inspiration auf einmal gespürt. Und wenn ich mir an diesem Tag eines wünschen dürfte, dann das: Dass wir, wenn wir über Amerika reden, weniger an Donald Trump denken würden, sondern mehr an Bob Dylan.

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