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An die Betonköpfe, die kein WLAN in Klassenzimmern wollen

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SCHOOL LAPTOP
Sechstklässler mit Laptop (Symbolbild) | ASSOCIATED PRESS
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Endlich, könnte man sagen. Fünf Milliarden Euro will Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) lockermachen, um in einem Digitalpakt mit den 16 Bundesländern die 40.000 deutschen Schulen über fünf Jahre computertechnisch aufzurüsten.

Schnelles WLAN und Laptops sollen in Deutschlands Schulen Standard werden.

Endlich, könnte man sagen, tut die Regierung etwas dafür, dass Deutschland nicht den Anschluss an die digitale Zukunft verliert.

Denn der künftige Erfolg Deutschland wird auch davon abhängen, ob das Land endlich im Zeitalter der Digitalisierung ankommt.

Lehrerverbands-Chef: “Wir brauchen keine Laptop-Klassen!"

Viel zu viel läuft hier schief: Beim WLAN-Ausbau hinkt Deutschland hinterher, im Bereich der Digitalstartups macht Deutschland sich höchstens einen Namen als Copy-Cat - deutsche Startups imitieren erfolgreiche US-Vorbilder - und coden wird von zu vielen immer noch für eine Geheimwissenschaft gehalten.

Betonköpfe, die sich mit diesem Zustand zufrieden geben, gefährden Deutschlands Zukunft. Umso dringender ist Wankas Vorstoß.

Und umso bestürzender ist die Reaktion des Deutschen Lehrerverbandes, der immerhin 160.000 Lehrer vertritt.

Deren Chef Josef Kraus findet:

“Wir brauchen keine Laptop-Klassen! Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken.” Besser wäre das Geld investiert, meint Kraus, wenn damit die Schulen saniert würden.

Deutsche Lehrer leben noch in der Kreidezeit

Nutzer auf Twitter reagierten entsprechend bestürzt: "Die Euphorie ums Digitale kann ich nicht nachvollziehen, sagt der Präsident des Lehrerverbands. Im Jahr 2016. Irre", schrieb eine Userin.

Viele der deutschen Lehrer scheinen immer noch in der Kreidezeit des vergangenen Jahrhunderts zu leben. Im Zeitalter der Schiefertafeln, des Altgriechisch-Unterrichts und Schulbüchern aus Papier.

Neurologe: "Maßnahmen verdummen Schüler"

Schlimm genug, wenn die Lehrer auch noch Unterstützung sogenannter Experten bekommen. So warnte der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer im Deutschlandradio: “Diese Maßnahmen (Wankas Digitalpakt, Anm. d. Red.) würden zu einer Verdummung der Schüler und zu einer 'Bildungskatastrophe' führen.”

Spitzer hat ja recht, wenn er sagt, dass "das Wichtigste am Unterricht ist ein guter Lehrer" ist. Aber warum sollen diese guten Lehrer nicht mit Laptop und Internet arbeiten ebenso wie ihre Schüler?

Beobachter feiern Wankas Initiative dagegen zurecht. So schreibt die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” zu dem Vorstoß:

"Die Schulen sind so schlecht mit Informationstechnologie ausgestattet, dass jeder Euro gebraucht wird. Denn der digitale Wandel wird sich im Wortsinne unvorstellbar radikal vollziehen."

"Das Internet ist die Zukunft"

Die “Neue Osnabrücker Zeitung” schreibt: "In Schulen sollen junge Menschen nicht nur auf das Arbeitsleben vorbereitet werden. Sie sollen auch zu mündigen Bürgern reifen. Doch wie soll das gelingen, wenn wichtige Lebensbereiche innerhalb der Lehranstalten kaum eine Rolle spielen? Das Internet in all seinen Ausprägungen ist die Zukunft, einen Weg daran vorbei gibt es nicht.”

"Gerade weil der Umgang mit der digitalen Welt so selbstverständlich ist, gehört er in die Schulen. Es ist ein Irrtum zu glauben, junge Menschen seien allesamt 'digital natives', weil ihnen niemand beibringen muss, wie man googelt, online shoppt und Serien streamt”, schreibt die Leipziger Volkszeitung.

Und es stimmt ja auch, was der Lehrerverband anmerkt. Deutsche Schulen sind vielfach in einem furchtbaren Zustand. Aber die Lösung kann ja nicht sein, für neuen Putz an den Wänden weniger Laptops zu kaufen.

"Entscheidende Grundlage für beruflichen Erfolg von morgen"

Die Lösung muss heißen: Computer UND Schulen, die in einem vernünftigen Zustand sind UND Klassen, die nicht so groß sind, dass die Lehrer sich die Namen der Schüler nicht merken können.

So kommentiert auch die Frankfurter Rundschau die Reaktion des Lehrerverbandes:

"Was nützt die schönste technische Ausstattung für den Unterricht, wenn es am Ende durch das Dach hindurch auf sie regnet?' Diese Frage ist richtig. Dennoch ist das Vorhaben angemessen. Der gewinnbringende Umgang mit digitalen Medien ist für die Schüler von heute eine entscheidende Grundlage für den beruflichen Erfolg von morgen.”

Und Wankas Vorstoß führt hoffentlich dazu, dass die Lehrer das auch endlich verstehen - zum Wohl der Schüler.

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(sk)