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"Der Moment, in dem ich herausfand, dass ich Depressionen habe"

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DEPRESSIONEN
Depressionen werden häufig nicht erkannt | iStock
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Depressionen gehören zu den heimtückischsten und wohl am meisten unterschätzten Krankheiten unserer Zeit.

Schon in wenigen Jahren könnten sie nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation die zweithäufigste Todesursache der Welt sein. Trotzdem sprechen die wenigsten Menschen offen darüber. Noch immer gibt es viele Vorurteile, die sich um die Erkrankung ranken. Noch immer nehmen zu viele Menschen sie auf die leichte Schulter.

Die Depression erkennen

Deshalb kommt es sehr häufig vor, dass Depressionen gar nicht oder erst sehr spät diagnostiziert werden - mit dramatischen Folgen für die Betroffenen.

Jordon Yates gehört zu den den wenigen, die den Mut haben, über ihre Krankheit zu sprechen - in der Hoffnung, anderen mit ihren Erfahrungen zu helfen. Auf der Online-Plattform Quora.com schreib sie eine ausführliche Antwort auf die Frage eines Users: "Wie habt ihr herausgefunden, dass ihr Depressionen habt?"

Hier ist Jordans Antwort:

Ich habe es zu meiner persönlichen Herausforderung gemacht, so viele Stunden wie möglich zu schlafen.

Mein Rekord lag bei 15 Stunden - von sieben Uhr am Abend bis zehn Uhr am Morgen.

Aber ganz egal, wie viele Stunden ich schlief - ich war immer müde. Ich ging früher ins Bett und schlief am Morgen länger, und trotzdem war ich tagsüber müde.

Ich dachte immer, dass ich einfach eine Menge Schlaf bräuchte. Ich dachte mir nichts dabei.

Jede Kleinigkeit regte mich auf

Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, bemerkte ich, dass mein unbefriedigender Schlaf sich zu einer ewigen Gereiztheit manifestierte.

Ich war sauer und ich konnte nicht erklären, warum. Jede Kleinigkeit regte mich auf und es war egal, um wen es ging - ich war aggressiv.

Während ich immer wütender wurde, wurde ich auch unbeweglicher.

Ich war schon immer ein wenig faul, aber es wurde schlimmer. Ich hörte auf, zu putzen oder die Wäsche zu waschen. Unter die Dusche zu gehen, wurde zu einer mühsamen Aufgabe, die ich nur bewältigte, weil ich nicht ertragen konnte, wie ekelhaft ich mich fühlte. Ich hörte auf, meine Hausaufgaben zu machen. Ich verbrachte Stunden damit, auf dem Bett zu liegen und die Wand anzustarren, denn das war unterhaltsamer als alles andere, das ich hätte tun können.

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Ich wollte einfach nicht mehr existieren

Ich hörte auf alles zu tun. Nichts machte mir Freude. Selbst Weinen war zu viel Arbeit.

Es gab einen Punkt, an dem ich nicht mehr leben wollte.

Ich wollte mich nicht umbringen, ich wollte nur nicht mehr existieren. Ich wollte morgens nicht mehr aufwachen müssen. Ich wollte nicht die Stunden zwischen dem Schlafen erleben, in denen von mir erwartet wurde, mit anderen zu interagieren. Ich wollte nicht die Stunden erleben, in denen von mir erwartet wurde, allein zu sein. Ich wollte nachts nicht schlafen.

Ich wollte nicht hier sein. Ich wollte lieber tot sein.

Als ich 13 war, gab es endlich eine Nacht, in der ich mich fragte, ob mit mir alles in Ordnung war.

Drücken, Schneiden, Befreiung

Ich war in unserem Keller am Computer. Ich spielte irgendein Spiel - es ist egal, welches es war, es machte mir ohnehin keinen Spaß - als mir etwas ins Auge fiel.

Meine Mutter hatte ihr Schablonen-Messer auf dem Tisch liegen gelassen.

Ich hob es vorsichtig hoch und rollte es zwischen den Fingern. Ich fühlte seine Klinge - es war scharf.

Ich presste es an meinen Arm, nur um zu sehen, was passierte. Ich schnitt in die Haut meines Unterarms. Das Messer hinterließ eine schmale Blutspur.

Ich fühlte das Stechen des offenen Schnitts auf meinem Arm, aber ich bewegte mich nicht. Mir war nicht bewusst, was ich tat.
Ich tat es noch einmal. Drücken, Schneiden, Befreiung.

Und noch einmal.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich blutete und dass ich verletzt war. Ich holte einen Lappen aus dem Badezimmer, füllte ihn mit Eis und hielt ihn an meinen schmerzenden Arm.

Ich fühlte mich wie betäubt. Ich erinnere mich nicht, ob ich geweint habe.

Ich erinnere mich nicht an viel, um ehrlich zu sein.

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Ich suchte im Internet nach meinen Symptomen

Schließlich fand ich Pflaster und verband meinen Arm vorsichtig. Das ist eine Sache, an die ich mich erinnere - es machte mir auf kranke Weise Freude, meine Schnitte zu versorgen. Für jemanden, der freiwillig seinen Arm zerhackt hatte, war ich schrecklich akribisch darin, mich um die Konsequenzen zu kümmern.

In den Tagen danach fing ich an, im Internet nach Symptomen von Depressionen zu suchen.

Ich war überrascht, wie viele Symptome auf mich zutrafen - Gereiztheit, Traurigkeit, Selbstmordgedanken, selbstzerstörerisches Verhalten, Gewichtszunahme (die mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war).

Schließlich erzählte ich meiner Mutter davon und sagte ihr, dass ich glaubte, Hilfe zu benötigen. Ich sagte ich nichts von den Schnitten; Ich dachte, dass sie es nicht zu wissen brauchte.

Sie meldete mich am nächsten Tag in der Schule krank und fuhr mit mir zum Arzt.

Ich sammelte die Bruchstücke meines Lebens auf

Ich bekam eine Diagnose und wöchentliche Therapiesitzungen. Ich bekam Medikamente - erst in geringer Dosierung, dann eine höhere Dosierung, nachdem ich dabei erwischt wurde, wie ich mich wieder selbst verletzte. Langsam ging es mir besser.

Langsam begann ich, die Bruchstücke aufzusammeln. Die Beziehungen, die durch meine depressionsbedingte Selbstisolierung zerstört worden waren; Die Noten, die schlecht geworden waren, als ich aufhörte, meine Hausaufgaben zu machen; Die Erfahrungen, die ich nicht gemacht hatte, weil ich nicht funktionierte. Es war ein langer Prozess, aber ich schaffte es.

Herauszufinden, dass ich unter Depressionen leide, war nicht das schwerste; mein Leben danach wieder aufzubauen, war viel härter.

Aber ich bin hier. Ich bin nicht gestorben. Im Hinblick darauf bin ich glücklich, denke ich.

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