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Wir erziehen eine Generation von Alphakindern

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ALPHAKINDER
Psychologe warnt vor einer "Epidemie von Alphakindern" | iStock
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Vor ein paar Jahren habe ich am Flughafen eine Situation erlebt, die mir bis heute sehr klar in Erinnerung geblieben ist.

Ein Fünfjähriger hatte eine Auseinandersetzung mit seinem Vater. Als der Vater nicht tat, was der Junge von ihm wollte, holte das Kind aus und trat ihm so heftig gegen das Schienbein, dass ihm fast die Tränen kamen. Doch anstatt sein Kind zurechtzuweisen, sagte er nur: “Och Menschilein”, während er mit einer Hand über sein Schienbein rieb. Das war’s.

Und es ist kein Einzelfall. Ich habe immer häufiger das Gefühl, dass Eltern sich nicht mehr trauen, ihren Kindern klarzumachen, wer der Erwachsene ist. Sie sind keine Autoritätspersonen mehr. Stattdessen haben ihre Kinder die Macht übernommen.

Die Epidemie der Alphakinder

Sie entscheiden, was beim Abendessen auf den Tisch kommt. Der Tagesablauf ihrer Eltern richtet sich nur nach ihnen. Und sie wissen schon im Kindergartenalter, welche Hebel sie bewegen müssen, um zu bekommen, was sie wollen.

Sie sind die Generation der Alphakinder.

Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld beschreibt diese “Epidemie” und warnt vor den Folgen: Denn scheinbar starke Kinder können innerlich verzweifelt sein, wenn die Beziehung zu ihren Eltern ins Ungleichgewicht geraten ist.

“Eltern heutzutage haben keine Selbstsicherheit mehr und keinen Zugang zu ihrer Intuition”, sagte Neufeld im Interview mit dem Schweizer “Tagesanzeiger”.

Unzählige Eltern-Ratgeber vermittelten die Illusion, dass man lernen könne, sich als Eltern richtig zu verhalten. Dabei vergäßen aber viele, dass es um das Selbstverständnis des Elternseins gehe und nicht um das richtige Verhalten.

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Das wichtigste ist eine starke Bindung zwischen Eltern und Kind

Die Grundlage einer guten Erziehung ist nach Ansicht von Neufeld eine starke Beziehung zwischen Eltern und Kind. Und dafür sind klare Hierarchien nötig - auch wenn viele Eltern sich dagegen wehren",

“Gerade in unserer westlichen Kultur mit ihren Werten Demokratie, Unabhängigkeit und Gleichheit haben leider viele Mühe mit der hierarchischen Natur von Bindungen", sagte er dem “Tagesanzeiger”.

"Doch bei allen Säugetieren, wo die Kleinen nur durch die Fürsorge der Mutter überleben, hat die Bindung hierarchischen Charakter: Das erleichtert die Aufzucht, sichert das Überleben."

Eltern müssen wieder die Alpharolle übernehmen

Neufeld fordert Eltern dazu auf, wieder die Alpharolle zu übernehmen. Ansonsten gerate die Beziehung zu ihren Kindern ins Ungleichgewicht, die Rollen seien verkehrt und das führe zu starker Verunsicherung bei den Kindern - und nicht zu größerer Autonomie, wie manch einer vielleicht glauben möge.

“Wir sollten der gesunde Beziehungsboden sein, aus dem die Kinder dann von allein, in ihrem Rhythmus, wachsen und Neugier auf die Welt entwickeln. Im Alarmzustand können kein Mut und keine Neugier reifen.”

Der Kanadier ist mit seiner Forderung nicht allein. Familientherapeut Jesper Juul etwa veröffentlichte kürzlich ein Buch mit dem Titel “Leitwölfe sein”, in dem er Eltern dazu auffordert, wieder eine liebevolle Führungsrolle zu übernehmen.

Und die Wiener Erziehungspsychologin Martina Leibovici-Mühlberger stellte erst kürzlich mit ihrem Buch “Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden” eine recht düstere Prognose über jene Alphakinder auf.

Die fehlende Autorität der Eltern führt aus ihrer Sicht zu einer Zunahme von Verhaltensstörungen und Leistungsverweigerung. Immer mehr Kinder würden zu Narzissten erzogen, die nicht in der Lage seien, die Probleme der Zukunft zu lösen.

Eine kaputte Bindung kann wieder aufgebaut werden

“Die gute Nachricht ist: Es ist nie zu spät, es zumindest zu versuchen”, versichert Neufeld. Es sei immer möglich, die Bindung zum Kind zu stärken und die Beziehung zu verbessern.

“Das Kind muss sich eingeladen fühlen, in unserer Gegenwart zu sein – durch die Wärme in unserer Stimme, durch das Aufleuchten unserer Augen, unsere spürbare Freude an ihm. Die Freude über es ist einfach da, immer und bedingungslos.”

Und das zu erreichen, ist gar nicht so schwer. Wer auf seine Intuition hört und sich Zeit nimmt, auf sein Kind einzugehen, kann gar nicht so viel falsch machen.

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(lk)