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"Dieses Land hat so viel für uns getan. Jetzt tun wir alles, damit Terror hier keinen Platz hat."

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Die syrischen Youtuber, die via Facebook bei der Suche nach dem Tatverdächtigen halfen | Youtube
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Nur weil die syrische Flüchtlingscommunity mit großer Anstrengung mithalf, den flüchtigen Terrorverdächtigen Dschaber Al-Bakr zu suchen, wurde der mutmaßliche IS-Terrorist gefasst. Nicht nur der Syrer Mohammed A. leistete einen Riesenbeitrag, indem er Al-Bakr auf seinem Sofa überwältigte und fesselte – insbesondere in den sozialen Medien wurden syrische Flüchtlinge aktiv.

Ihre Botschaft: Der Terror, vor dem sie aus ihrer Heimat geflohen waren, soll in Deutschland keinen Platz finden. Also hieß es: Anpacken.

1. Wie wurde Dschabar Al-Bakr gefasst?

Syrer Mohammed A wurde offenbar durch einen arabisch sprachigen Fahndungsaufruf auf seinen gesuchten Landsmann aufmerksam. Al-Bakr soll schon am Samstag in einem Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge nach einem Schlafplatz in Leipzig gesucht haben.

Der 22-Jährige habe geschrieben, er suche dringend eine Unterkunft und befinde sich am Leipziger Hauptbahnhof, berichtete Mohammed A. der "Bild"-Zeitung.

"Wir sind dann hingefahren und haben ihn mitgenommen. Wir waren erst bei einem Freund in dessen Wohnung, haben dort Reis mit Lammfleisch gegessen. Dann sind wir zu einem anderen Kumpel gefahren, weil es dort mehr Platz gab. Dort hat der Terrorist übernachtet", zitierte das Blatt den 36-Jährigen.

Am Sonntag habe er Al-Bakr dann auf dessen Wunsch die Haare abgeschnitten – offenbar, weil dieser mit einem neuen Look untertauchen wollte.

Im Laufe des Tages sahen Mohammed A. und ein Freund den Schilderungen zufolge auf Facebook Fahndungsaufrufe nach dem flüchtigen Terroristen. Al-Bakr habe ihnen erzählt, er sei gerade erst aus Syrien angekommen, hätte in Leipzig Aussicht auf einen Job. Doch man habe ihm nicht mehr geglaubt.

Als Al-Bakr sich am Sonntagabend wieder schlafen gelegt habe, hätten sie ein Foto von ihm auf Facebook gepostet und mit anderen Syrern diskutiert, ob er der gesuchte Terrorist sei. Dann hätten sie ihn mit mehreren Verlängerungskabeln gefesselt und die Polizei informiert.

Al-Bakr soll ihnen noch Geld angeboten haben, damit sie ihn freilassen. In seinem Rucksack habe er 1000 Euro, 200 Dollar und ein Messer gehabt.

Das SEK brauchte nicht anrücken, eine normale Staffel der Polizei nahm den Syrer fest, der bereits bewegungsunfähig auf dem Sofa lag.

2. Wer half bei der Suche?

Nicht nur die Syrer, die Al-Bakr am Ende überwältigten, hatten einen großen Anteil an seiner erfolgreichen Festnahme. In der Facebook-Gruppe „German Lifestyle GLS“, die von den syrischen Youtubern Allaa Faham (19) und Abdul Abbasi (22) betrieben wird, wurde der Fahndungsaufruf der Polizei zahlreich geteilt.

(Text geht nach dem Video weiter)

90.000 Mitglieder hat die Gruppe, sie ist eine Austauschplattform der Syrer in Deutschland. Hundertfach kommentierten die Nutzer hier das, was passiert war. Wütend waren sie, über die Tat ihres Landsmanns, versuchten zu helfen, wo es nur geht.

Gruppen-Admin Allaa Faham sagte der „Süddeutschen Zeitung“: "Es ist unsere Aufgabe, so einen Aufruf zu teilen, wir erreichen viele Flüchtlinge in unserer Gruppe. Dieses Land hat so viel für uns getan. Wir selbst sind vor Terror geflohen und werden alles tun, damit Terror hier keinen Platz hat."

german lifestyle
Syrer posteten das Fahndungsfoto auf Gruppen wie "German Lifestyle"

Auch in anderen Online-Communitys, wie in der Facebook-Gruppe „Syrische Gemeinde in Deutschland“, mit mehr als 195.000 „Gefällt mir“-Angaben verbreitet sich das Bild des gesuchten Syrers rasend.

3. Wie reagierten die syrische Community und die Deutschen auf den Fahndungserfolg?

Die beiden Youtuber Faham und Abbasi schrieben nach dem Bekanntwerden der Festnahme: „Tolle Nachricht“. Und auch andere Kommentare der syrischen Exil-Community, die die „Süddeutsche Zeitung“ zusammengetragen hat, zeugen von Euphorie.

In der Gruppe „Syrische Gemeinde in Deutschland“ wird ein Bild des gefesselten Tatverdächtigen gepostet. Dazu schreiben die Admins: „"Ein Syrer hat den Terroristen Jaber al-Bakr festgenommen. Und das Beste dabei ist: Sie haben ihn mit einem Stromkabel gefesselt. Ihr habt uns stolz gemacht, ihr Syrer!"

Auch Ammar, ein Nachbar des Syrers, der Al-Bakr überwältigte, äußert gegenüber der dpa seinen Stolz über seinen Landsmann – aber auch Sorge: „Er ist ein Held, denn wenn die Terroristen seine Identität herausfinden, dann werden sie in Syrien seine ganze Familie massakrieren.“

Ein Risiko, mit dem Mohammed A. sich entschied, zu leben. Und das auch in der deutschen Politik für Töne höchster Bewunderung sorgte.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte am Montag, Kanzerlin Angela Merkel danke den Sicherheitsbehörden für ihre Arbeit. Dank und Anerkennung gelte aber auch dem Mann aus Syrien, der die Polizei über den Aufenthaltsort des Verdächtigen informiert und damit zur Festnahme beigetragen habe.

Auch die „Welt“ titelte: „Deutschland hat seine ersten syrischen Helden“.

Sie könnten dabei geholfen haben, das gerade durch schwarze Schafe wie Dschabar Al-Bakr immer wieder aufkeimende Misstrauen gegenüber Flüchtlingen zumindest teilweise abzubauen.

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