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Das passiert mit Kindern, die ab und an einen Klaps bekommen

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CHILD CRYING FILTER
Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, können schlimme Folgen davontragen. Symbolbild | Roy Gumpel via Getty Images
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"Eine Tracht Prügel, das wird sie schon nicht umbringen!“. "Wie soll man sie denn sonst dazu bringen, zu gehorchen?“. „Außer Frage, dass ich mit meinem Kind lax umgehe“. "Ich habe in meiner Kindheit auch den ein oder anderen Klaps oder Schlag abbekommen und schau, wo ich heute bin!“. Diejenigen, deren Hand bei Kindern selbst etwas lockerer sitzt, werden diese Aussagen für völlig in Ordnung halten.

In ihrem Buch "Körperliche Bestrafungen und gewalttätige Erziehungsmethoden“, welches am 14. September erschien, befasst sich die Psychiaterin Muriel Salmona, Präsidentin und Gründerin der Organisation "Traumatische Erinnerungen“, mit 20 Fragen und Antworten rund um das Thema körperliche Gewalt. Hier sind drei Aspekte aus dem Buch der Psychiaterin:

"1. Wenn man sie nicht schlägt, lernen sie nicht zu gehorchen“

Eine Aussage, die laut Muriel Salmona weit verbreitet ist und sich zäh hält. Viele Eltern denken immer noch, dass ihnen nichts so viel Autorität verschafft, wie eine ordentliche Tracht Prügel, wenn sich das Kind nicht nach ihren Wünschen verhält. Allerdings sollte man wissen, dass eine körperliche Bestrafung genau den umgekehrten Effekt provoziert und nicht den Wunsch nach einem ruhigen und gehorsamen Kind erfüllt, wie die Psychologin in ihrem Buch darlegt.

"Eine Studie aus dem Jahr 2012 unter 3870 Familien hat gezeigt, dass Kinder, die ab einem Alter von weniger als einem Jahr geschlagen werden, schon mit drei Jahren öfter aggressives Verhalten aufweisen und mit einem Alter von fünf Jahren trauriger und ängstlicher sind“, schreibt die Autorin.

Die Folgen von Gewalt, die sich aus Prügeln, Schlägen und anderen Gewalttätigkeiten ergeben, sind vielfältig. Die Unfähigkeit, auf Anweisungen zu reagieren, der Eindruck der Gleichgültigkeit, der von einer krankhaften Entwicklung herrührt, die Entwicklung eines traumatisierten Gedächtnisses (dies kann unter Umständen zu Panikattacken, Phobien, Konzentrationsschwierigkeiten und Aggressivität führen).

"Und das führt zu: unruhigen und schwer zu betreuenden Kindern und überforderten Eltern“, so Muriel Salmona.

Anstatt Gewalt, die überhaupt keine Erziehungsmethode ist, empfiehlt die Psychologin den Eltern "eine wohlwollende und respektvolle Erziehung“ zu wählen. So hat das Kind "alle Möglichkeiten sich harmonisch zu entwickeln ohne Angst und ohne Verhaltensprobleme.

2. "Ein Kind wird von einem einzelnen Klaps nicht traumatisiert“

"Das gibt es nicht, im Gegenteil, diejenigen die sich darauf berufen, sie hätten das Recht auf kleine erzieherische Gewalttätigkeiten an Minderjährigen, haben Unrecht“, erklärt Muriel Salmona. "Alle Formen von Gewalt sind schädlich, verursachen Stress (da das ihr Hauptprinzip ist) und haben Einfluss auf die Gesundheit des Kindes“.

Die meisten Gewalttaten sind intensiv und regelmäßig und deshalb schädlich für die psychische Gesundheit eines Kindes. Für die Psychologin kann man keine gewalttätige Hierarchie tolerieren, indem man sagt, es gebe kleine und große Prügel, oder kleine Klapse seien weniger schwerwiegend als andere.

Für sie ist diese Meinung nicht mehr als "eine Lüge, um die Opfer zu beschuldigen oder jene, die sich verteidigen. Und besonders um Druck auf die Opfer aufzubauen und ihre stillen Mitleidenden“. Im Endeffekt kann ein Erwachsener ein Opfer von körperlicher Gewalt gewesen sein ohne sich zu beklagen und muss sich sein ganzes Leben anhören, "das ist doch gar nichts“ und, dass es eine Erziehungsmethode ist wie jede andere.

3. "Mich hat man verprügelt und ich bin nicht dran gestorben, das ist ganz normal und nicht so tragisch“

Freilich kann man ein im Großen und Ganzen normales Leben führen, auch wenn man einen oder mehrere Schläge in seiner Kindheit erhalten hat. Aber für Muriel Salmona steht fest: "Wenn auch ein Klaps oder ein Schlag keine Konsequenzen für die Person hatten, ist es noch lange kein Grund, diese zu rechtfertigen. Die Abwesenheit von Konsequenzen ist kein Argument, um einen Akt der Gewalt zu akzeptieren, allein die Intention ist schon falsch.“

Da man schwer nachweisen kann, welche Konsequenzen tatsächlich darauf entstanden sind (da hauptsächlich die körperlichen Effekte von Gewalt bekannt sind), ist dieses Argument nicht gültig. Und außerdem, "die Ignoranz des psychotraumatischen Einflusses führt dazu, dass die Konsequenzen kaum erkannt werden und mit der Gewalt in Verbindung gebracht werden.“ Mit anderen Worten könnte eine Person durchaus an Folgen von körperlicher Gewalt leiden, ohne es zu wissen.

Des weiteren besteht Muriel Salmona auf eine Verbindung zwischen dem Schweigen der von körperlicher Gewalt in der Kindheit betroffenen Personen und dem von Opfern von sexueller Gewalt.

"Die Leiden der Opfer dürfen nicht verglichen, sie müssen bekannt gemacht werden und die Legitimation darf nicht länger in Frage gestellt werden“, sagt sie weiter. "Das geht zurück darauf, dass die Opfer beschuldigt werden, es zu wagen sich zu beklagen, wo doch andere Leute mehr leiden als sie. In diesem Spiel ist es immer möglich, Schlimmeres zu finden und das worunter man leidet oder was einem schadet klein zu reden oder zu leugnen."

Dieser Text erschien ursprünglich bei der Huffington Post Frankreich und wurde von Hanna Weil aus dem Französischen übersetzt.

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