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"Die Situation ist wirklich schlimm" - Polizeistatistik: Sexuelle Übergriffe nehmen bei Volksfesten massiv zu

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OCTOBERFEST DRUNK
Die Zahl der angezeigten Sexualdelikte auf Volksfesten ist in diesem Jahr deutlich gestiegen | Johannes Simon via Getty Images
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  • Die Zahl der angezeigten Sexualdelikte auf den deutschen Volksfesten ist in diesem Jahr massiv gestiegen
  • Die Zunahme ist wohl einer gewachsenen Sensibilität sowie der erhöhten Polizeipräsenz geschuldet

Diesen Oktoberfest-Besuch wird eine Australiern wohl lange in schrecklicher Erinnerung behalten. Nach einigen Maß Bier hatte sie ihre Freundinnen verloren und sich einer Männergruppe angeschlossen. Auf dem sogenannten Kotzhügel wollte sich die Frau erleichtern. Dann fiel ein Mann über die 23-jährige Touristin her.

Es war laut Polizei die einzige Vergewaltigung auf der Münchner Wiesn - doch keinesfalls der einzige Sex-Übergriff.

Die Zahl der angezeigten Sexualdelikte auf dem größten Volksfest der Welt stieg im Vergleich zum Vorjahr um 47,6 Prozent von 21 auf 31 an - und das trotz eines Besucherrückgangs. Die bei der Polizei angezeigten Straftaten reichen von sexuellen Beleidigungen über Grapschen bis hin zum Missbrauch Widerstandsunfähiger – oder eben einer Vergewaltigung.

Zahl der gemeldeten Sexualstraftaten auf Cannstatter Wasen steigt von 2 auf 22

Und auch bei einer Vielzahl der anderen größten deutschen Volksfeste kam es nach Recherchen der Huffington Post zu einem – teils massiven - Anstieg der angezeigten Sexualstraftaten.

So etwa beim am gestrigen Sonntag zu Ende gegangenen Cannstatter Wasen. Bei dem mit vier Millionen Besuchern Medienberichten zufolge zweitgrößten Volksfest Europas, verzeichneten die Sicherheitsbehörden einen noch nie da gewesenen Zuwachs an angezeigten Sexualdelikten.

"Die Zahl der gemeldeten Sexualstraftaten stieg von zwei im Jahr 2015 auf 22 in diesem Jahr", sagt ein Sprecher der Stuttgarter Polizei auf Anfrage der Huffington Post.

Toleranz gegenüber Übergriffen ist deutlich gesunken

In den Jahren zuvor habe es "normalerweise fünf oder sechs und einmal neun gemeldete Sexualdelikte gegeben", so der Sprecher. Eine Ursache für den Anstieg sei das nach den Silvester-Übergriffen veränderte Anzeigeverhalten. Die Toleranz gegenüber solchen Übergriffen sei gesunken.

Zudem habe die Polizei in diesem Jahr wegen der Terrorgefahr viel mehr Präsenz gezeigt. "Wenn die Beamten sehen, wie eine Frau begrapscht wird, greifen sie ein." Und seien Polizisten in direkter Nähe, sinke bei Frauen auch die Anzeigeschwelle.

Bei der Erlanger Bergkirchweih, zu der über eine Million Besucher pilgern, gab es mit 15 angezeigten Sexualdelikten in diesem Jahr fünfmal so viele wie noch 2015.

Bei der "Größten Kirmes am Rhein" in Düsseldorf, dem besucherstärksten Volksfest in Nordrhein-Westfalen, stieg die Zahl der gemeldeten Sexualdelikte einem Polizeisprecher zufolge 2016 im Vergleich zum Vorjahr von null auf vier. Die Zunahme sei auch der gewachsenen Sensibilität geschuldet.

Befürchtete Gruppen-Übergriffe bleiben aus

Dass die Zahl der Übergriffe trotz mehreren Millionen Besuchern weit geringer ist als etwa in Stuttgart und München erklärt der Sprecher damit, dass der Düsseldorf Riesen-Rummel "noch immer ein Familienfest ist". Dort werde weniger Alkohol getrunken.

Doch wer sind die Täter, die mitunter hilflose Frauen zwischen Autoscooter und Bierzelt begrapschen? Bei den meisten größten deutschen Volksfesten kam es anders als nach den Übergriffen von Silvester in mehreren Städten und dem Darmstädter Schlossgrabenfest im Frühjahr in den sozialen Medien befürchtet, zu keinen gemeinsamen Übergriffen großer Männergruppen.

Unter den Verdächtigen am Cannstatter Wasen sei kein einziger Flüchtlinge gewesen, sagt etwa ein Sprecher der Stuttgarter Polizei. Anders beim Münchner Oktoberfest: Von den 18 wegen des Verdachts eines Sexualdelikts Festgenommenen hatten zwei die deutsche Staatsbürgerschaft, 16 seien Ausländer gewesen, darunter sechs Asylbewerber, so die Polizei.

Rainer Wendt warnt vor "Generalverdacht gegen Flüchtlinge"

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, warnt im Gespräch mit der Huffington Post deshalb vor einem "Generalverdacht gegen Flüchtlinge". Doch die Sex-Verbrecher, die es aus dieser Gruppe gebe, müssten "sogleich in Abschiebehaft genommen werden". Es müsse ein "klares Signal ausgesendet werden, dass der Rechtsstaat wehrhaft ist". Der Sicherheitsexperte fordert zugleich auch harte Strafen für einheimische Täter.

Er lobt, dass die Länder die Zahl der bei Volksfesten eingesetzten Polizisten zuletzt erhöht hätten. Doch es sollten noch mehr Polizisten eingestellt werden. "Und die Volksfestbetreiber müssen mehr und bessere private Sicherheitsdienste bezahlen, nicht irgendwelche Mitglieder von arabischen Groß-Clans."

Die Polizei müsse ein "wachsendes Auge auf die hohe Zahl an Übergriffen bei Volksfesten haben." Das Problem sei, dass "das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung dadurch massiv leidet".

Auch wenn die Sicherheitsbehörden bei einzelnen der größten deutschen Volksfeste wie der Cranger Kirmes in Herne keine Zunahme an Anzeigen aufgrund von Sex-Attacken verzeichneten, ist Wendt in Sorge. "Die Situation ist wirklich schlimm."

"Sexuelle Gewalt auf Volksfesten wird verharmlost"

Auch die Opfer-Organisation Weißer Ring schlägt Alarm: "Bei Volksfesten oder auch an Karneval kommt es in Feierstimmung und mit Alkohol immer wieder zu sexueller Gewalt, die oft genug verharmlost wird", sagt dessen Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer der Huffington Post.

Sie verweist auf eine hohe Dunkelziffer. So werden einer Studie des LKA Niedersachsen zufolge nur knapp sechs Prozent aller begangener Sexualdelikte zur Anzeige gebracht.

Die Opfer von Sex-Attacken würden nach der Tat "oft Gefühle wie Angst, Scham und Hilflosigkeit empfinden", weiß Biwer. Dies hindere sie mitunter daran, zur Polizei zu gehen.

Auch die Australierin, die beim Oktoberfest vergewaltigt wurde, fand erst nach Tagen den Mut zur Polizei zu gehen. Der Täter war da jedoch schon über alle Berge.

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