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"Totalausfall" bei Einsatz in Chemnitz: So entkam Bombenbastler Jaber Albakr

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CHEMNITZ
Clemens Bilan via Getty Images
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  • Der Bombenbauer von Chemnitz entkam wegen einer verhängnisvollen Pannenserie
  • Er war auf das Radar von Geheimdiensten geraten - doch die Polizei reagierte nicht
  • Der Verdächtige entkam trotz etlicher Polizeikräfte, die sich seiner Wohnung näherten

Der Polizei-Großeinsatz in der Chemnitzer Plattenbausiedlung endete in einem Fiasko. Der Terror-Verdächtige Jaber Albakr konnte am Samstag entkommen. Der 22-Jährige ist auf der Flucht und die Ermittler schließen nicht aus, dass er Sprengstoff bei sich hat.

"Focus Online" und "Focus" schildern nun minutiös, wie es zu der verhängnisvollen Panne kommen konnte. Im Februar des vergangenen Jahres war Albakr bei der illegalen Einreise nach Deutschland in Rosenheim aufgegriffen worden. Er stellte einen Asylantrag, der im Juni von den Behörden anerkannt wurde.

Der Verfassungsschutz Albakr ins Visier

Der Syrer geriet jedoch schnell ins Visier amerikanischer, französischer und deutscher Geheimdienste. Das Bundesamt für Verfassungsschutz übernahm die Observierung des Mannes.

Ende letzter Woche spitzte sich die Lage dann zu, wie "Focus Online" ohne Angabe von Quellen berichtet. Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz hätten demnach Albakr beim Kauf eines Heißklebers, der beim Bau von Sprengstoffwesten verwendet wird, beobachtet. In einem Dossier über den mutmaßlichen syrischen Terroristen heißt es, dass der Verdächtige über „profunde Kenntnisse“ in der Herstellung von TATP – dieser Sprengstoff wurde auch in Brüssel und Paris verwendet – und dem hochexplosiven Stoff APEX (Acetonperoxid) verfügt.

Führte Behörden-Hick-Hack zu Versagen

Am Freitag zwischen 17 und 18 Uhr habe sich der Verfassungsschutz dann mit den brisanten Informationen an Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt gewandt. Die hätten den Fall jedoch nicht übernehmen wollen – obwohl das BKA die Glaubwürdigkeit der Hinweise zu Albakr auf einer Skala von eins bis acht mit einer "zwei" einstufte (Stufe eins ist die höchste Stufe). Das ist laut Focus Online die höchste Warnstufe, die es in einem Fall in den letzten Monaten in Deutschland gab.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wandte sich dem Bericht zufolge daraufhin an das Landeskriminalamt in Sachsen, wo in Eile der Einsatz am Samstag vorbereitet wurde. Wie ein Insider gegenüber "Focus Online" erklärte, kam es dabei zu einem "Totalausfall" in der Abstimmung zwischen MEK (Mobiles Einsatzkommando) und SEK (Spezialeinsatzkommando). Obwohl die Handynummer von Albakr gewesen sei, habe er nicht in seiner Wohnung geortet werden können.

Warnschuss auf Verdächtigen abgefeuert

Als bereits etliche Einsatzkräfte in der Plattenbausiedlung vor Ort waren, habe Albakr am Samstagmorgen um 7.04 Uhr mit einem Rucksack die Wohnung verlassen – und konnte entkommen. Ein Warnschuss der Polizisten vor Ort traf ihn "Spiegel Online" und "Focus Online" zufolge nicht. Was sich im Rucksack des Mannes befindet, der nach "Focus Online"-Informationen einen Anschlag auf einen deutschen Flughafen plante, befindet: Niemand weiß es!

Sicherheitsbehörden äußern sich auf Anfrage nicht

Etwa fünf Stunden später, gegen 12.15 Uhr, stürmte das SEK die Wohnung. Die Beamten fanden dabei eine Weste und eine Rohrbombe. Mieter der Wohnung war Albakr nicht. Erst später kam der Wohnungsmieter zurück, der am Sonntag noch dem Haftrichter vorgeführt wurde. Dabei handelt es sich um einen Bekannten von Albakr.

Wegen einer Panne beim Zugriff ist ein mutmaßlicher Terrorist derzeit in Deutschland auf der Flucht. Brisant: Hätten das Bundeskriminalamt oder die Generalbundesanwaltschaft den Fall an sich gezogen, wäre der Zugriff ein Fall für die GSG 9, der Antiterror-Einheit der Bundespolizei, gewesen.

Die Pressestelle des Bundeskriminalamts kommentiert die Einsatzbewältigung der örtlichen Kollegen auf Anfrage der Huffington Post nicht. Der Bundesverfassungsschutz äußerte sich am Sonntag nicht zu den Polizeieinsätzen, das LKA Sachsen war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Sicherheitskreise sprechen von regionalem Versagen

Aus Sicherheitskreisen hieß es, im Vorfeld des Einsatzes sei alles getan worden, um den Chemnitzer Einsatz erfolgreich abzuwickeln. Die Schuld für mögliche Fehler liege offenbar auf regionaler Ebene.

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