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Fahndung nach mutmaßlichem syrischen Terroristen – Was wir wissen und was nicht

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Nach Sprengstoff-Fund in Chemnitz: Syrischer Verdächtiger noch immer auf der Flucht | polizei sachsen
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  • Nach Sprengstoff-Fund in Chemnitz: Mutmaßlicher Terrorist noch immer auf der Flucht
  • Magazin: Ziel des Anschlags war ein Flughafen

Polizei und Verfassungsschutz haben möglicherweise einen Bombenanschlag verhindert. Noch ist der mutmaßliche Täter nicht gefasst. Doch es werden immer mehr Hintergründe zu den mutmaßlichen Anschlagsplänen bekannt. Die Huffington Post erläutert, was wir bisher zum Sprengstoff-Fund von Chemnitz wissen und was nicht.

Wer sind die mutmaßlichen Attentäter?

Nach dem Fund von hochexplosivem Sprengstoff in einer Wohnung in Chemnitz fahndet die Polizei bundesweit nach einem mutmaßlichen Islamisten aus Syrien. Der 22-Jährige steht im Verdacht, einen Bombenanschlag geplant zu haben, wie die Ermittler am Samstag mitteilten.

Es blieb unklar, ob der Mann mit möglichen Kontakten zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine Waffe oder Sprengstoff bei sich trägt.

Drei gestern am Chemnitzer Bahnhof als mögliche Komplizen festgenommene Bekannte des Terrorverdächtigen sollen am heutigen Sonntag dem Haftrichter vorgeführt werden. Gegen die syrischen Männer wird wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat (Paragraph 89a StGB) ermittelt, wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen in Dresden sagte.

Sie sollen laut Ermittlern mit dem tatverdächtigen Syrer in Kontakt gestanden haben, wie der Spiegel berichtet. Weitere Hintergründe über die drei Männer gab die Polizei noch nicht bekannt.

Wie knapp standen die Ermittler vor der Festnahme des mutmaßlichen Attentäters?

"Spiegel Online" berichtet unter Berufung auf einen internen Lagebericht, dass das sächsische Landeskriminalamt die Wohnung in Chemnitz observierte, als der Verdächtige Jaber A. am Samstagmorgen das Haus verließ. Die Beamten hätten einen Warnschuss abgegeben, um ihn aufzuhalten, hätten ihn aber nicht stoppen können.

"Wir waren dabei den Zugriff vorzubereiten, als der Verdächtige das Haus verließ", bestätigte ein Sprecher des LKA dem Onlinemagazin.

Wie groß ist die Gefahr von Anschlägen?

Der mutmaßliche 22-jährige Bombenbauer befindet sich noch immer auf der Flucht. Vermutlich ist Jaber Alskbar gefährlich, möglicherweise hat er eine Waffe oder trägt Sprengstoff bei sich. Die Ermittler raten dringend davon ab, sich ihm zu nähern. Stattdessen solle man sofort die Polizei rufen. "Wir wollen ihn so schnell wie möglich finden", so ein Sprecher des Landeskriminalamts Sachsen.

"Derzeit wissen wir aber nicht, wo er sich befindet und was er bei sich trägt. Seid vorsichtig", schreibt auch die Dresdner Polizei.

Aktuell sei Alskbar, wie auf dem beigefügtem Bild, mit einem schwarzen Kapuzensweatshirt mit auffälligem Druck bekleidet. "Es gibt zur Stunde keinen neuen Ermittlungsstand", sagte ein Sprecher der Polizei in Dresden am Sonntagmorgen.

Hinweise zur Person bitte telefonisch an das Landeskriminalamt Sachsen unter 0351/8554114 oder an jede andere Polizeidienststelle oder per E-Mail an lka@polizei.sachsen.de.

Ob konkret Anschläge zu befürchten sind, wissen die Ermittler jedoch schlicht nicht. Das Risiko eines Terroranschlags ist seit Monaten kontinuierlich hoch.

Der Hauptbahnhof in Chemnitz wurde vorübergehend gesperrt. Auch an den beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld wurden am Abend die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.

War ein Flughafen das mögliche Anschlagsziel?

Über mögliche Anschlagsziele gab es zunächst keine Informationen seitens der Behörden. Weder der Geheimdienst noch die Polizei wollten sich zu einem "Focus"-Bericht äußern, wonach ein deutscher Flughafen angegriffen werden sollte.

Am Flughafen Berlin-Schönefeld wurden derweil die Einsatzkräfte verstärkt, sagte der Sprecher des Brandenburger Polizeipräsidiums, Torsten Herbst. Ein Einsatzzug der Bereitschaftspolizei bestehend aus 30 Beamten führe am Terminal Sichtkontrollen durch, Autos und Busse würden angehalten und kontrolliert, ob sich der gesuchte Verdächtige aus Chemnitz darin befinde. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, betonte Herbst.

Wie gefährlich ist der in der Wohnung des Verdächtigen gefundene Sprengstoff tatsächlich?

Bei der Anti-Terror-Razzia in Chemnitz hatte die Polizei am Samstagmittag Hunderte Gramm hochexplosiven Sprengstoff in der Wohnung gefunden, in der sich der Verdächtige aufgehalten hatte. Den mutmaßlichen Bombenbauer trafen sie dort nicht an.

Spezialisten ließen den gefundenen Sprengstoff am Samstagabend kontrolliert detonieren. Das Gemisch sei weit gefährlicher als TNT gewesen, hieß es.

Woher kam der Hinweis für die Anschlagspläne und wie kam al-Bakr ins Land?

Der Hinweis auf den Syrer war vom Bundesamt für Verfassungsschutz gekommen. Es blieb unklar, ob der Verdächtige aus dem Ausland gezielt gesteuert wurde.

Dschaber al-Bakr war am 18. Februar 2015 illegal nach Deutschland eingereist. Beamte der Bundespolizeiinspektion Rosenheim griffen ihn laut “Spiegel Online” auf und registrierten ihn. Zwei Wochen später stellte der Syrer beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Asylantrag. Mitte Juni wurde er als Flüchtling anerkannt.

Welche Auswirkungen hatte die Fahndung und die Hausdurchsuchung bislang auf das öffentliche Leben?

Die Plattenbau-Siedlung, in der der 22-jährige mutmaßliche Terrorist lebte, war stundenlang abgesperrt und wurde teilweise geräumt. Schon am Morgen hatten rund 80 Menschen ihr Zuhause verlassen müssen. Abends wurden viele Bewohner wieder zurück in ihre Wohnblöcke gelassen.

Im Zuge der Anti-Terror-Ermittlungen ließ die Polizei in Chemnitz auch den Hauptbahnhof teilweise sperren. Ein Spezialroboter untersuchte dort auf einem Bahnsteig einen roten Koffer, den zwei der festgenommenen Verdächtigen dort bei sich getragen hatten. Später gab es diesbezüglich Entwarnung.

Hat sich die Gefahrenlage in Deutschland nun verändert?

In diesem Jahr waren bereits mehrfach Pläne für mutmaßliche Sprengstoffanschläge in Deutschland vereitelt worden. Im Februar kam die Polizei einer Gruppe auf die Schliche, die womöglich einen Anschlag in Berlin plante. Im Juni nahm die Polizei drei mutmaßliche IS-Anhänger fest, die es auf die Düsseldorfer Altstadt abgesehen haben sollen.

Zuletzt flog im September ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien in Köln auf: Laut den Ermittlern hatte er einen Sprengstoffanschlag geplant und von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

Das Anschlagsrisiko ist hoch. Die Ermittler warnen jedoch vor Panikmache.

Mit Material von dpa