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Wenn du dein Kind liebst, lass es frei sein

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SCHICK DEIN KIND WEG
Junge am Bahnhof | iStock
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Als meine Tochter zwölf Jahre alt war, fiel ihr ein Prospekt über Auslandsaufenthalte in Frankreich für Kinder ab neun Jahren in die Hände. Sie sah sich den Prospekt an und sagte: "Das will ich auch machen!" Ich war schockiert. Ich sollte meine Tochter mehrere Tausend Kilometer weit weg schicken, zu völlig fremden Menschen? Ganz sicher nicht.

Etwas mehr als ein Jahr später stand ich am Flughafen und winkte meiner Tochter zum Abschied. Ihr Auslandsabenteuer nahm seinen Lauf und heute ist sie eine selbstbewusste, offene 17-Jährige, die neben ihrer Muttersprache Englisch auch noch Französisch, Deutsch und Spanisch spricht. Außerdem nennt sie viele Familien in mehreren Ländern ihre Adoptiveltern und –geschwister.

Aber auch mein Mann und ich haben großartige Freunde gefunden und unsere Familie wuchs um Kinder aus Deutschland, Spanien und Frankreich an. Diese Erfahrung hat das Leben unserer Kinder verändert und das meiste davon fand meilenweit von Zuhause entfernt statt.

"Was habt ihr nur mit meinem Kind gemacht? Wir haben sie grade vom Flughafen abgeholt, sie ist SO glücklich, selbstbewusst und überhaupt nicht mehr ängstlich!" – Lisa M.

Man hat nur ein Zuhause

Es ist ganz bestimmt ein großer Sprung – heutzutage wird uns überall eingetrichtert, dass der sicherste Platz für Kinder bis zum 18. Lebensjahr ihr Zuhause ist, das Nest. Ein oder zwei Wochen Ferienlager im Sommer, dann der feierliche Einzug ins Studentenwohnheim.

Das Problem bei dieser Denkweise ist, dass wir unseren Kindern so vermitteln, dass sie ohne uns hilflos sind. "Wir handeln so, als wäre die Sicherheit unserer Kinder nie wirklich gewährleistet, irgendwann glauben sie das dann wirklich und sie fühlen sich ohne uns schutzlos", sagt Julie Lythcott-Haims von der Stanford University und Autorin des Buches How to Raise an Adult.

Unabhängigkeit ist ein Geschenk, das wir unseren Kindern machen, indem wir sie Dinge entdecken und Herausforderungen annehmen lassen, ohne dabei ihre Hand zu halten.

"Wenn eure Kinder einen eigenen Sinn für Sicherheit entwickelt haben, dann müsst ihr sie ermutigen, die Welt zu entdecken und zwar abseits des Sicherheitsnetzes, das ihr bereithaltet. Dieses "aus dem Nest drängen" ermöglicht es euren Kindern, ihre eigenen Fähigkeiten in der "wirklichen Welt" zu testen und ein Gespür für ihr eigenes Können, Sicherheit und Unabhängigkeit zu entwickeln", sagt Jim Taylor, Ph.D. und Autor von "Raise Independent Children".

Familie und Freunde werden das vielleicht nicht immer verstehen. Diejenigen, die es wagen, ihre Kinder ziehen zu lassen, kennen Fragen wie "Liebst du deinen Sohn/deine Tochter denn nicht?" oder "Ich könnte das nicht!" (bedeutet "Und du solltest das auch nicht tun!") nur zur Genüge. Tatsächlich war es schwer, aber als ich meine Ängste erst einmal überwunden hatte, da erkannte ich, dass diese tolle Chance, die Welt zu entdecken, neue Freunde zu finden und das Herz mit neuen Ideen und Erfahrungen zu füllen, wirklich ein Geschenk ist. Und so ließ ich meine Tochter gehen – glücklich (aber unter Tränen).

Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts

Kinder müssen die Welt aus erster Hand kennenlernen, um zu lernen und wachsen zu können. Mehr denn je erkennen Lehrer und Eltern, dass viele Fähigkeiten, die man heute in unserer sich rasant ändernden Welt benötigt, nicht auf altmodische Art und Weise vermittelt werden können. Innovative Erziehung legt einen größeren Wert auf das Entdecken statt auf die richtigen Antworten und der Schlüssel zu wahrem Entdeckertum ist Freiheit.

"Die Lücke zwischen den Fähigkeiten, die man erlernt und den Fähigkeiten, die man tatsächlich benötigt, wird immer deutlicher. Das traditionelle Lernen schafft es nicht, Schülern das Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um aufzublühen." Ein Bericht des World Economic Forum New Vision for Education: Fostering Social and Emotional Learning Through Technology.

Neben den Kernfähigkeiten gehören zu den Schlüsselkomponenten zum Erfolg heute auch ein soziales und kulturelles Bewusstsein, Neugier und Kommunikationsfähigkeit. Gebt den Lernenden des 21. Jahrhunderts die Chance, die Fähigkeiten in der wahren Welt zu trainieren – und nicht nur im Klassenzimmer. Das bereitet sie darauf vor, sich in der heutigen Welt, die sich von Minute zu Minute verändert, zurechtzufinden.

Eine Fremdsprache ist ein Gewinn

Eine Fremdsprache zu lernen, ist ein Zugewinn für das ganze Leben. Es vergrößert nicht nur die beruflichen Chancen, sondern mindert auch das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Das Klassenzimmer jedoch ist nicht der beste Ort, um eine Fremdsprache zu lernen.

Davon können diejenigen unter uns, die in der Schule Französisch oder Spanisch gelernt haben, ein Lied singen. Meist sind nur noch Bruchstücke der Sprache vorhanden. Wenn ihr eure Kinder jedoch gehen lasst, dann biete sich ihnen die großartige Möglichkeit, von einer Fremdsprache umgeben zu sein und diese daher genauso zu lernen, wie ihre Muttersprache: Sie tauchen in den Alltag einer Familie ein, der reich an Sprache und an sprachlichen Zusammenhängen ist.

"Am ersten Tag meines Austausches waren meine Versuche, Deutsch zu verstehen und zu sprechen sowohl frustrierend wie auch unheimlich komisch. Aber irgendwann wurde es überraschenderweise ganz normal, Deutsch zu sprechen. Ich musste mir die Worte nicht mehr extra zurechtlegen und übersetzen, bevor ich etwas sagte oder jemandem zuhörte, der Deutsch sprach." – Gemma M. 15 Jahre

Als ich bereit war, mich meinen Ängsten zu stellen und die aufkommende Panik beiseite zu schieben, die so viele Eltern des 21. Jahrhunderts verspüren, profitierte nicht nur meine Tochter davon. Ihre positiven Erfahrungen gingen auf den Rest unserer Familie und auch auf andere abenteuerlustige Kinder und ihre Familien in aller Welt über.

Es war das schönste Abenteuer für meine Tochter und einer meiner stolzesten Momente als Mutter. Sucht also nach Möglichkeiten für eure Kinder, wie sie auch einmal Zeit weit weg von Zuhause verbringen können und schaut, ob sie schließlich nicht auch mit einem ganz neuen, breiteren Blickwinkel, wohlverdientem Selbstbewusstsein und vielleicht sogar einer Fremdsprachen-Superkraft zu euch zurückkehren.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen

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