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In einem Interview verrät Merkel, was Deutschland in der Flüchtlingskrise falsch gemacht hat

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In einem Interview verrät Merkel, was Deutschland in der Flüchtlingskrise falsch gemacht | dpa
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  • Im Gespräch mit der "Zeit" übt Merkel überraschend deutliche Selbstkritik im Umgang mit der Flüchtlingskrise
  • Die Kanzlerin räumt ein: Für das Dublin-Versagen ist Deutschland mitverantwortlich
  • Zum Umgang mit afrikanischen Staaten sagte Merkel: "Wir waren die meiste Zeit schlicht zufrieden, dass keine Flüchtlinge kamen"

Angela Merkel und die Flüchtlingskrise - wohl kaum ein Thema dürfte irgendwann einmal so eng mit ihrer Kanzlerschaft verbunden sein.

Lange hatte Merkel ihren "Wir schaffen das"-Kurs aus dem vergangenen Jahr verteidigt, zahlreiche Giftpfeile von CSU-Chef Horst Seehofer und auch aus ihrer eigenen Partei hatte die Kanzlerin gekontert und klargemacht: Deutschlands Kurs in der Flüchtlingskrise ist alternativlos.

Lange konnte sich Merkel auf ihren Vertrauenskredit verlassen

Merkel konnte sich die Standhaftigkeit leisten - Deutschlands anfänglicher Ruf im Ausland als weltoffenes, menschenfreundliches Land brachte der Kanzlerin auch im Inland viel Sympathie ein. Dazu kam Merkels Vertrauenskredit, den sie als Europas Krisenmanagerin erworben hatte.

Umso überraschter dürfte man vor einigen Wochen in der CSU-Zentrale in München gewesen sein, als Merkel in einem viel zitierten Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erstmals deutlich Selbstkritik geübt und Versäumnisse im Umgang mit der Flüchtlingskrise eingestanden hatte. "Auch wir Deutschen haben das Problem zu lange ignoriert", sagte Merkel dem Blatt.

"Für die Unzulänglichkeiten der Dublin-Regelung ist Deutschland mitverantwortlich"

In einem Interview mit der "Zeit", das am heutigen Donnerstag erschienen ist, wird Merkel in ihrem Urteil über Deutschlands Flüchtlingskurs unter ihrer Führung noch konkreter. Während die Kanzlerin zunächst über die Schließung der Balkanroute spricht, wird es wenig später im Gespräch wirklich interessant.

Auf die Frage, ob Merkel nach dem 4. September 2015 (vorübergehende Grenzöffnung für Flüchtlinge - Anm. d. Red.) Fehler gemacht habe, sagte sie unter anderem:

"Für die Unzulänglichkeiten der sogenannten Dublin-Regelung ist auch Deutschland mitverantwortlich. Denn wir haben uns vor Jahren dagegen gewehrt, dass der Schutz der Außengrenzen europäisiert wurde. Und wir haben damals auch die Verteilungsquoten nicht gewollt, die wir uns heute für alle Mitgliedsstaaten wünschen."

Zur Erklärung: Das Dublin-Versagen der EU wird von vielen als eine der Ursachen für die katastrophale Zusammenarbeit der EU-Staaten bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise gesehen.

Nach der Dublin-Regelung müssen Asylbewerber in das Land zurückgeschickt werden und dort das Asylverfahren durchlaufen, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben. Doch die Regelung funktioniert nicht, die EU-Kommission überarbeitet die Regelung gerade.

Merkel bezeichnete den Umgang mit den afrikanischen Ländern, aus denen viele Flüchtlinge nach Europa kommen, zudem als "strategisch hochwichtige Frage“ - eine Einschätzung, die in der Regierung offenbar einigermaßen neu ist. Die Kanzlerin dazu:

"Deutschland musste sich dieser Frage früher nie so stellen, Italien dagegen schon, ebenso Spanien. Wir waren die meiste Zeit schlicht zufrieden, dass keine Flüchtlinge kamen. Als aber in den neunziger Jahren sehr viele Flüchtlinge aus dem westlichen Balkan nach Deutschland kamen, haben wir sie auch vernünftig behandelt, viele später aber auch zurückgeschickt, als der Balkan stabilisiert werden konnte."

Nun müsse sich Deutschland dem Problem stellen, weil die Menschen "vor unserer Tür" stünden, sagte Merkel. Die Kanzlerin weiter:

"Ich glaube nicht daran, dass wir dieses Problem durch maximales Ignorieren, durch Distanz und Abschottung wieder verschwinden lassen können. Ich bin Realistin, und das ist eine Realität.“

Stichwort Afrika: Merkels letzter größerer Besuch in Afrika liegt inzwischen fünf Jahre zurück.

Jetzt fliegt Merkel wieder auf den Kontinent - vermutlich soll es ein Zeichen sein, dass sich Berlin in Zeiten der Flüchtlingskrise stärker engagiert. Stationen sind Mali, Niger und Äthiopien, wie es am Donnerstag aus Regierungskreisen hieß.

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(lk)