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Unter dem IS haben diese Frauen die Hölle durchgemacht - jetzt holen sie sich ihr Leben zurück

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"Wir haben den IS überlebt": Wie Frauen in einer irakischen Stadt zur Normalität zurückkehren | Sophia Jones/Twitter/HuffPost
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Mehr als zwei Jahre lang haben schwer bewaffnete Männer des sogenannten Islamischen Staates (IS) den Frauen im Nordirak ihr Leben bis ins Detail vorgeschrieben.

Frauen waren gezwungen, sich vor der Welt zu verstecken: Ihre Körper mussten sie mit weiten schwarzen Gewändern verhüllen, ihre Hände steckten in Handschuhen. Ihre Augen waren, nicht selten verschwanden sie vollkommen hinter einem Gesichtsschleier. Ihre Stimmen waren leise.

Der Gang zur Schule kam für Mädchen nicht infrage. Und keine Frau durfte das Haus ohne die Zustimmung eines Mannes verlassen.

"Wir hatten keine Freiheiten"

Vor etwa einem Monat hat sich das alles geändert. Irakische Streitkräfte haben den IS erfolgreich aus der nordirakischen Stadt Qayyarah vertrieben.

"Wir hatten keine Freiheiten“, erinnert sich Umm Tarek, eine Frau mittleren Alters und Mutter von zehn Kindern, die nicht auf den Mund gefallen ist. Sie steht vor einer kleinen, gut besuchten Arztpraxis. "Wir wollten den IS nicht, aber was hätten wir tun sollen?“

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(Irakische Frauen, einige von ihnen Krankenschwestern, posieren für einen Fotografen in einer Arxtpraxis in Qayyarah)

Die Hardliner halten sich immer noch in der Nähe auf, nur eine Stadt weiter. Aber die Männer, und vor allem die Frauen hier, holen sich ihr Leben zurück.

Zumindest einige der Frauen sprechen jetzt ganz offen über ihr Leben unter der IS-Herrschaft. Bei dem Gespräch mit dem Reporter in der Praxis in Qayyarah berichtet eine Gruppe von Frauen von ihren Erlebnissen. Sie brechen in Lachen aus, als sie bemerken, was für eine Unruhe sie verursachen. Sie müssen sich nicht mehr zurückhalten, nichts mehr unterdrücken.

"Jetzt haben wir eine Generation ohne Bildung"

"Der IS hat uns die Vergangenheit zurückgebracht“, so Hind, eine 22-jährige Krankenschwester, die ein Kopftuch in leuchtendem Pink trägt. "Jetzt haben wir eine Generation ohne Bildung".

Ihre Energie füllt einen ganzen Raum voller Krankenschwestern, Patienten und irakischen Offiziellen aus. Die Offiziellen fordern die Reporter der WorldPost auf, zu gehen. Aus Sicherheitsgründen, wie sie sagen. Die Frauen ignorieren sie, sie sprechen einfach noch lauter, sie wollen ihre Geschichten erzählen.

Einige Schulen hier, zumindest die, die nicht zerstört wurden, werden bald wieder öffnen. Sie waren durch sogenannte Islamische Erziehungszentren ersetzt worden, in denen die gewalttätige IS-Propaganda verbreitetet wurde. Die Wiedereröffnung kann gar nicht schnell genug geschehen.

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(Kinder stehen neben einer brennenden Ölquelle, die vom IS auf ihrem Rückzug vor über einem Monat in Brand gesetzt wurde.)

Den Schulen aber fehlt es immer noch an Büchern und Geld für die Lehrer. Sie benötigen die Unterstützung von Hilfsorganisationen, um einen Lehrplan aufzubauen, berichtet Hussain Ali Hachim, der Bürgermeister von Mosul, dem Gebiet, in dem Qayyarah liegt.

Manche der Kinder hier sind seit über zwei Jahren nicht mehr zur Schule gegangen. Sie können weder lesen noch schreiben, von Mathematik oder anderen Naturwissenschaften ganz zu schweigen.

Auf dem Rückzug hat der IS Ölquellen in Brand gesetzt

Ein schüchternes sechsjähriges Mädchen strahlt, als es gefragt wird, was ihr an der Schule besonders gefällt. "Das Lernen!“, ist ihre Antwort. Ihre Augen leuchten vor Freude, selbst in dem dichten schwarzen Rauch um sie herum. Der IS hat auf seinem Rückzug Ölquellen in Brand gesetzt, mehr als einen Monat später brennen sie immer noch.

Aber dieser Rauch, eine ständige Erinnerung an den IS und seine Taktik der verbrannten Erde, hält die Jungen und Mädchen nicht davon ab, lachend durch die Straßen zu ziehen. Sie halten sich an den Händen und kichern. Jahrelang mussten diese Kinder im Haus bleiben, andere Kinder wurden zu Kindersoldaten ausgebildet. Das ist jetzt Vergangenheit.

Die Mütter erlangen die Herrschaft über ihre Körper zurück

Aber auch ihre Mütter feiern die neugewonnene Freiheit. Sich morgens hübsch zu machen macht ihnen keine Angst mehr. Es ist ihre Chance, ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen und die Herrschaft über ihren eigenen Körper zurückzugewinnen.

"Wenn Daesh meine Augen gesehen hätte, dann hätte meine Familie 100.000 irakische Dinar an Strafe zahlen müssen“, erzählt Hind. Sie benutzt den regionalen Ausdruck für den IS, "Daesh“. Die Summe entspricht ungefähr 76 Euro.

Hind erzählt weiter, dass der IS sie gefeuert habe, nachdem sie sie provozierte. "Wie hätte ich mit verschleiertem Gesicht meine Arbeit als Krankenschwester verrichten sollen? So kann ich doch nichts sehen!“

Ärzte durften Frauen unter der IS-Herrschaft nicht behandeln

Im Gesundheitscenter der Stadt kleidet sich keine der Frauen, die die WorldPost interviewte, in der typischen Weise, die man in vom IS kontrollierte Gebieten oft sieht. Stattdessen tragen sie Kopftücher mit Leopardenmuster und Kleider in leuchtenden Farben. Das medizinische Personal, das sich vertrauensvoll um die Patienten kümmert, trägt weiße Laborkittel.

Unter der IS-Herrschaft waren Frauen oft gezwungen, Zuhause zu entbinden, da es in den Kliniken nicht genug Krankenschwestern gab, die eine Arbeitsgenehmigung des IS erhalten hatten. Ärzte durften Frauen nicht behandeln, ganz gleich wie ernst ihr Zustand war.

Auch in den Camps für Vertriebene tragen Frauen, die aus Städten wie Qayyarah geflohen sind, mit Freude wieder farbenfrohe Kleidung. Rot, Orange, Gelb, Grün – all diese Farben hatte der IS verboten, da sie als zu provokant angesehen wurden.

Männer wurden fürs Rauchen und Fußballspielen bestraft

"Wenn sie dich in diesen Farben gesehen hätten, hätten sie dich dafür töten können“, sagt Marwa, an deren Armen blaue und pinke, glitzernde Armreifen klingeln. Sie wäre heute in der zehnten Klasse, hätte der IS ihr nicht den Schulbesuch verboten.

Die Tage, in denen das Tragen einer falschen Farbe eine heftige Geldstrafe, die die meisten Familien nicht hätten zahlen können, oder auch Schlimmeres bedeutet hätte, sind vorbei. Gefängnisstrafen und Peitschenhiebe sind in den IS-kontrollierten Gebieten an der Tagesordnung. Diese Strafen werden schon für so kleine Vergehen wie Rauchen, Fernsehen oder Fußballspielen verhängt. Auch Männer, die sich rasieren, statt einen Bart zu tragen, werden bestraft.

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(Vertriebene aus ehemaligen IS-Gebieten laufen durch das Camp Debaga im irakischen Kurdistan.)

Für Verbrechen verhängte der IS entsetzliche Strafen, die gefilmt und als Propaganda-Videos weit verbreitet wurden.

Die IS-Kämpfer machten ein Haus in Qayyarah zu ihrem Gefängnis. Im zweiten Stock befanden sich furchtbare, winzige Zellen ohne Fenster. An einer Tür zu einer der Zellen hing ein Zettel mit den Namen derer, die hier einmal eingesperrt waren.

Amal, eine andere Frau, schüttelt wütend den Kopf, als sie an die verdrehte, gewalttätige Version des Islams denkt, die dem IS als Grundlage für ihre Herrschaft diente. Den meist sunnitischen Muslimen der Stadt war das völlig fremd.

"Das ist nicht richtig“, so Amal. "Das ist nicht der Islam.“

Während die Frauen in der Region berichten, dass das Leben unter dem IS die Hölle war, so sind es doch vor allem die jesidischen Frauen, die durch den IS furchtbare Qualen erleiden mussten. Die IS-Kämpfer hielten Frauen dieser religiösen Minderheit, die der IS als häretisch betrachtet, in Qayyarah als Sexsklaven. So geschieht es auch in anderen Teilen des Irak und in Syrien.

Keine Jesidin blieb in der Gegend zurück

Die militante Gruppierung überfiel im August 2014 das Sinjar-Gebirge, sie töteten tausende Jesiden und nahmen außerdem Tausende als Geiseln, um sie als Sklaven zu halten, zu Kindersoldaten auszubilden oder als menschliche Schutzschilde zu nutzen.

Hind erinnert sich an eine schwangere Jesidin, die zwischen den Beinen stark blutete. Sie half ihr, medizinische Hilfe zu bekommen. Hind rettete ihr in dem Moment das Leben, jedoch sah sie sie nie wieder.

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(Das dreckige Innere einer Zelle, in der Menschen aus Qayyarah gefangen gehalten wurden, wenn sie sich dem IS widersetzten. Die IS-Kämpfer brachten Eisentüren an, damit die Gefangenen nicht fliehen konnten.)

Wahrscheinlich befand sich die Frau unter einer Gruppe anderer jesidischer Frauen, die vom IS auf ihrem Rückzug verschleppt wurde. Soweit bekannt blieben keine Jesiden in der Region zurück. Sie sind zu wertvoll. Werden sie an andere Männer weiterverkauft, bringen sie viel Geld. Auch lässt sich mit den Frauen eine Menge Lösegeld von ihren Familien erpressen.

Qayyarah wurde streng kontrolliert, da die IS-Kämpfer fürchteten, Bürger ihres "Kalifats“ zu verlieren. Manche Einwohner Qayyarahs jedoch, die mutig oder verzweifelt genug waren und zudem genug Geld hatten, zahlten Menschenschleppern 200 bis 500 Dollar pro Person, damit sie sie aus dem Gebiet heraus brachten, und sie weiter in die ohnehin schon überfüllten Flüchtlingscamps in den kurdischen Gebieten des Irak ziehen konnten.

UN verteilte Hilfspakete für 30.000 Menschen rund um Qayyarah

Mehr als 3,3 Millionen Iraker wurden vertrieben, seit der IS im Jahr 2014 große Gebiete im Irak unter seine Kontrolle brachte. Experten sind der Meinung, dass die Zahl noch ansteigen wird, wenn noch 1,5 Millionen weitere Männer, Frauen und Kinder fliehen werden, um den von den USA unterstützen Kämpfen um Mosul zu entkommen.

Diese große, schwierige und wahrscheinlich unübersichtliche Operation, die gemeinsam mit Streitkräften des Irak, kurdischen Peschmerga-Kämpfern, der schiitischen Miliz und anderen Gruppen durchgeführt werden soll, könnte noch diesen Monat beginnen.

Das World Food-Programm der Vereinten Nationen verteilte Anfang September Hilfspakete für einen ganzen Monat an ca. 30.000 Menschen in dem Gebiet um Qayyarah, die "extremen Hunger litten und keine Möglichkeit hatten, an Nahrung zu gelangen.“ So berichtet es Sally Haydock, die Länderdirektorin des Programms. Es war das erste Mal seit Juli 2014, dass Hilfsorganisationen zu den Zivilisten durchdringen konnten.

Der IS konnte 2014 an Boden gewinnen, da zu der Zeit Sunniten gegen die schiitische Regierung des damaligen Premierministers Nouri al-Maliki protestierten. Die Sunniten kritisierten al-Maliki scharf als autoritär und sektiererisch.

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(Junge Mädchen aus dem Irak stehen Arm in Arm und tragen bunte, reich verzierte Kleidung, die unter dem IS verboten war.)

Aber die Hilfe schwand, als der Monat weiter ins Land schritt, und die Brutalität des IS zerschlug die Hoffnung, dass die Gruppe dieser Region vielleicht eine bessere Zukunft bringen könnte.

Die Spannungen in Qayyarah sind immer noch groß, irakische Sicherheitskräfte zingeln jene, die sie als IS-Unterstützer verdächtigen, ein.

Die Sicherheitskräfte verhafteten kürzlich 65 Einwohner von Qayyarah, darunter mehrere junge Frauen und Männer. Sie wurden laut eines irakischen Offiziellen, der nicht namentlich genannt werden möchte, verdächtigt, den IS zu unterstützen. Menschenrechtsgruppen schlagen hinsichtlich irakischer Streitkräfte, die sunnitische Araber verhaften und töten und andere daran hindern, in ihre Häuser zurückzukehren, Alarm.

Große Teile der Stadt sind zerstört und geplündert und die Einwohner können nicht einfach ihre Habseligkeiten unbeaufsichtigt lassen, um sich auf die Suche nach Hilfe und Nahrungsmitteln zu begeben. Einige Nachbarorte sind komplett verwaist, Haustüren stehen offen und bieten ein gespenstisches Bild. Der IS hat eine Schneise der Verwüstung geschlagen und ausgebrannte Autos säumen diese Schneise entlang der Straße nach Qayyarah. Bis vor kurzem lagen hier noch selbstgebaute Bomben verstreut.

Aber die ganze Schwere der Situation hindert Umm Tarek nicht daran, ihre neugewonnene Selbstbestimmung zu feiern.

"Jetzt sind wir endlich frei!“ sagt sie und grinst dabei breit. Und sie greift nach ihrem Kleid und schwingt es im Licht der Nachmittagssonne, das die bunten Perlen glitzern lässt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der WorldPost und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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