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Henryk M. Broder verteidigt Dresden-Pöbler: "Das Volk darf grob sein und sich unangemessen äußern"

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Von der Feier zum Tag der deutschen Einheit werden aus diesem Jahr hauptsächlich unschöne Bilder in Erinnerung bleiben.

Wütende Demonstranten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Joachim Gauck in Dresden als “Volksverräter” beschimpfen, eine Ministerfrau, die anfängt zu weinen, als sie sich durch die aufgebrachte Menge bewegt und ein Schwarzer, der auf dem Weg zum Gottesdienst mit Affenlauten verhöhnt wird.

Beschämend sei der Empfang für die Politiker gewesen, hieß es nach der Feier von vielen Seiten, unangebracht und verachtenswert.

Einer aber verteidigt die Demonstranten, die wohl zum Großteil Anhänger des islamfeindlichen Pegida-Bündnisses waren: der Publizist Henryk M. Broder. Er vertrat im Interview mit dem Nachrichtensender N24 die Ansicht: "Das Volk darf grob sein und sich unangemessen äußern."

"Die Parole 'Merkel muss weg' ist nicht nett. Aber sie ist genauso berechtigt und legitim wie die Parole 'Merkel muss bleiben'”

In Dresden habe ein Aufeinandertreffen zweier Welten stattgefunden, urteilt er. “Wie die letzten Tage der DDR: Drinnen feiert die Regierung und draußen harren die Regierten.”

Die harsche Kritik an der Wortwahl der Demonstranten kann er nicht nachvollziehen. "Die Parole 'Merkel muss weg' ist nicht nett. Aber sie ist genauso berechtigt und legitim wie die Parole 'Merkel muss bleiben'”, sagte er dem Sender. “Das eine ist das Gegengewicht zum anderen."

Den Vorwurf, Begriffe wie "Volksverräter" entstammten einem Vokabular aus der Nazi-Zeit, tat er mit den Worten ab: "Man kann die Sensibilität auch zu weit treiben." Irgendwann lande man, was die Vergleiche angehe, beim Dreißigjährigen Krieg.
"Die Verhältnisse werden härter”, so Broder. “Das Volk schuldet der Regierung keinen Dank.”

Es gebe einen Restbestand in der Bevölkerung, an den die Politiker nicht herankämen und das müssten sie auch akzeptieren.
“Mit manchen Menschen kann man nicht reden”, sagte er N24. “Man kann ihnen aber das Recht auf Meinungsäußerung nicht verwehren.”

"Unhöflichkeit gehört zu einer Auseinandersetzung dazu"

Und: Nach Ansicht des Publizisten kann man von diesen Menschen auch nicht erwarten, dass sie rücksichtsvoll auftreten. Im Parapgraph acht des Grundgesetzes zum Versammlungsrecht sei von höflichem Benehmen schließlich keine Rede.

“Eine Demokratie ist keine Boutique, in der die Pullover sauber sortiert übereinander liegen”, so Broder. “Sie ist eine Werkstatt. Es kracht und dampft und knallt. Und ab und zu muss auch richtig ausgeräumt werden.”

Der Auftritt der Merkel-Gegner in Dresden sei “unsympathisch” gewesen, aber Unhöflichkeit gehöre zu einer Auseinandersetzung dazu, erklärte Broder.

Mehrere hundert Demonstranten hatten sich am Montag in Dresden versammelt und lautstark ihren Unmut über Merkels Politik kundgetan. Unter ihnen war auch Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann.

Die Polizei musste die aufgebrachte Menge zurückdrängen, um Gästen den Zugang zum Dom zu ermöglichen, wo der Gottesdienst anlässlich des Tags der Deutschen Einheit abgehalten wurde.

(ca)

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