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Der Fall Amanda Knox zeigt auch heute noch, wie vergiftet unsere Medien sind

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Amanda Knox ist eine kaltblütige Psychopathin. Sie mag schön aussehen, doch innerlich ist sie kalt und scheußlich. Für ein satanisches Ritual schnitt sie ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher die Kehle auf.

Und das gleich, nachdem sie mit Kercher, ihrem Freund Raffaele Sollecito und dem ihr kaum bekannten Nachbarn Rudy Guede eine Sexorgie gefeiert hatte. Dieses grausame Verbrechen ist nur der Gipfel eines Lebens voller Party, Sex und Drogen.

So ungefähr las sich die extrem populäre Geschichte der US-Studentin Amanda Knox Ende der 2000er-Jahre in den Schlagzeilen. Blöd nur, dass sie sich so höchstwahrscheinlich nie zugetragen hat.

Denn letztlich wurde Amanda Knox 2015 vom Obersten Gerichtshof in Italien abschließend von allen Vorwürfen frei gesprochen, die Studentin Kercher in ihrem gemeinsamen Haus in Perugia in Italien ermordet zu haben.

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Amanda Knox, kurz vor einem Auftritt bei dem Fernsehsender NBC

Aus Amanda Knox wird "Foxy Knoxy"

Doch in den sieben Jahren davor überschlugen sich Boulevardmedien weltweit mit Schreckensmeldungen über "Foxy Knoxy" – wie sie in britischen und US-amerikanischen Medien häufig genannt wurde.

Der Fall Amanda Knox erscheint mit der Dokumentation "Amanda Knox" nun in einem neuen Licht. Seit Freitag, 30. September, läuft der Film bei dem Streamingdienst Netflix.

Die Regisseure Rod Blackhurst and Brian McGinn lassen alle an dem Fall beteiligten Menschen zu Wort kommen: die Angeklagten Amanda Knox und Raffaele Sollecito, den von Amandas Schuld überzeugten Chefermittler Giuliano Mignini – und zu guter letzt: die Boulevardmedien. In Person des britischen Journalisten Nick Pisa, der über den Mordfall für die britische Zeitung "Daily Mail" berichtete.

Wie jede gute Geschichte braucht auch die von Amanda Knox einen Bösewicht. Und in der Doku ist das nicht - bzw. nicht ausschließlich - Amanda. Es sind die Medien.

Ein Reporter, der nicht einmal die Fakten checkte

Als die britische Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 tot in ihrer Wohnung in Perugia aufgefunden wurde, sah es zunächst aus wie ein Raubmord. Interessant wurde es für die Presse erst, als der Verdacht auf ihre Mitbewohnerin Amanda Knox und deren Freund Raffaele Sollecito fiel.

Von da an versagte der kritische Journalismus. Und zwar kläglich. Der "Daily Mail"-Reporter prahlt in der Dokumentation sogar jetzt noch damit, dass er immer der schnellste sein wollte und es nicht für notwendig erachtete, die Fakten zu checken.

Er verbreitete das Gerücht um eine blutige Sexorgie, deckte immer mehr angebliche pikante Details aus dem Leben der jungen Studentin auf. Und er war bei Gott kein Einzeltäter.

Ab diesem Zeitpunkt war sie gebrandmarkt

Dass der Oberste Gerichtshof Italiens die vom Ermittler Mignini entwickelte und von den Boulevardmedien eifrig weitergesponnene Theorie 2015 kippte, war letztlich egal.

Foxy war für immer als das wahre Böse gebrandmarkt. Die Medien haben die Schnipsel ihrer Geschichte genommen und sie willkürlich zusammengesetzt. Fotos aus ihrer Vergangenheit wurden missbraucht, um den Mythos der Satansbraut zu stützen.

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"Meredith wurde Opfer eines Voodoo-Rituals", schrieb die "Daily Mail"

Die "Bild"-Zeitung nannte sie den "Eisaugen-Engel". Ihr Tagebuch aus dem Gefängnis wurde der Presse zugespielt. Darin: Ihre Ängste wegen einer angeblichen HIV-Infektion, von der sich später herausstellte, dass die Ermittler sie nur erfunden hatten, um Knox psychisch zuzusetzen.

Die Medien aber griffen auch diese Nachricht auf, ohne den Wahrheitsgehalt zu hinterfragen.

"Beweise", die nicht stand hielten


2009 wurde Knox zu 26 Jahren und Sollecito zu 25 Jahren Haft verurteilt, 2015 hob der Oberste Gerichtshof das Urteil auf und sprach beide Angeklagten abschließend von allen Vorwürfen frei.

Unabhängige Labore fanden heraus, dass es sich bei den DNA-Spuren, die Knox und ihr Freund angeblich am Tatort und auf der Tatwaffe hinterlassen haben sollen (das Hauptargument der Anklage), um Kontaminationen handelte. Winzige Partikel ihrer DNA, die nicht durch den direkten Kontakt dort gelandet sein müssen.

Amanda Knox ist frei, ihre Vergangenheit wird sie allerdings nicht los. Dafür haben Boulevardmedien auf der ganzen Welt gesorgt, die jede noch so wüste Spekulation mitmachten – ohne Rücksicht auf die menschliche Würde.

"Ein bisschen Intrige, ein bisschen Mystery"

Die Medien gaben einer nach Sex und Crime gierenden Menge, was sie wollte: "Ein bisschen Intrige, ein bisschen Mystery, ein bisschen Tätersuche. Was willst du mehr?", sagte Journalist Nick Pisa in der Doku treffend.

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"Das tote Mädchen fürchtete Knoxys Sexspielzeug", titelte die "Daily Mail"

Amanda Knox war die Hauptdarstellerin in einem perfekten Horrorfilm, der Wolf im Schafspelz. "Wenn ich schuldig bin, bin ich genau die Richtige, um Angst vor mir zu haben. Weil man es mir nicht zutraut", kommentiert Amanda Knox selbst am Anfang des Films.

Und genau das intendierten die Medien, als sie den "Engel mit den Eisaugen" aus ihr machten. Denn: Die Menschen wollen diese Art von Geschichten. "Wir haben eine Kultur, die auf so etwas steht", sagte der Regisseur Blackhurst dem britischen "Guardian".

Amanda Knox sieht das ähnlich: "Die Menschen lieben Monster. Und wenn sie die Möglichkeit bekommen, dann wollen sie sie sehen", sagt sie am Ende der Dokumentation.

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