Huffpost Germany

Liebe Dresdner Schreihälse: Wenn ihr das Volk seid, gebe ich meinen Pass ab

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Liebe Dresdner Schreihälse!

Wie sehr muss man Deutschland eigentlich hassen, dass man als vermeintlich „patriotischer Europäer“, der sich für gewöhnlich „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ engagiert, mit Gebrüll und Gepöbel die Feiern zum Nationalfeiertag sprengt (siehe Video)?

Wie herzamputiert muss man sein, um Menschen so sehr einzuschüchtern, dass diese in ihrer Verzweiflung in aller Öffentlichkeit zu weinen beginnen – wie eine Ministergattin an diesem 3. Oktober in Dresden?

Und weshalb zur Hölle werden eigentlich die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden abgehalten, der Stadt der Pegida-Bewegung, Metropole der Spalter, Hetzer und Menschenhasser, Bezugs- und Sehnsuchtsort für Gleichgesinnte in Nachbarstädten wie Heidenau und Freital?

Ist das vielleicht Humor, den ich nicht verstehe?

Im Ernst: Ist das vielleicht eine Form von Humor, die ich nicht verstehe? Oder haben da ziemlich viele Leute einfach gleichzeitig bei der Planung ihr Hirn ausgeschaltet?

Aber zurück zu Euch, Ihr Schreihälse.

Ich ahne, warum Ihr jetzt auf der Straße seid. Warum Ihr Euch den 3. Oktober für Euren Krawall ausgesucht habt.

Manche von Euch glauben, dass „die Bewegung“ gerade Oberwasser bekommt. Die Wahlergebnisse der AfD in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die massive mediale Kritik an der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel anlässlich des ersten Jahrestag ihres Ausspruchs vom „Wir schaffen das“. Dann der Eklat von Bautzen. Ihr glaubt, dass Ihr derzeit ein Momentum habt.

Wer "Volksverräter" ruft, spricht eine Morddrohung aus

Die Radikalsten von Euch prügeln Asylbewerber durch deutsche Innenstädte und attackieren Flüchtlingsheime. Manche bauen womöglich an Bomben. Wer zu zart besaitet ist, um mit Baseballschlägern auf menschliche Körper einzudreschen, der stellt sich eben in die Dresdner Innenstadt und nennt Kanzlerin und Bundespräsident „Volksverräter“.

Was in Sachen Demokratieverständnis so ziemlich auf das Gleiche herauskommt. Der Begriff stammt aus der Nazi-Zeit und wurde in der Alltagssprache synonym für den juristischen Begriff „Hochverräter“ verwendet. Der totalitäre Dreh dieses Begriffs war, dass der Verrat an den Zielen der NS-Führung gleichgesetzt wurde mit dem Verrat am Volke.

Wenn Ihr also nun Merkel und Gauck als „Volksverräter“ beschimpft, dann habt Ihr natürlich im Kopf, was mit solchen Leuten in der NS-Zeit passiert wäre. Nicht umsonst raunen rechte Wahnwichtel ja immer wieder davon, dass es „am Tag der Revolution“ so genannte „Volksgerichte“ geben wird, die über Politiker, Flüchtlingshelfer und kritische Journalisten richten würden.

Wer „Volksverräter“ ruft, der spricht damit nichts anderes aus als eine Morddrohung.

Gern auch mal mit Hitlergruß

All das war am Montag, dem 3. Oktober 2016 in der Dresdner Innenstadt ohne weiteres möglich. Natürlich ist das ein Symptom für die geistige Verrohung einer ganzen 500.000-Einwohner-Metropole, die jahrzehntelang so stolz darauf war, eine „Stadt der Kultur“ zu sein.

Die AfD Berlin dankte auf Twitter der Stadt Dresden, mit blauem Parteiherzchen, was wohl kaum Raum für Interpretationen offen lässt. Somit wäre auch klar, dass Eure Pöbeleien, liebe Schreihälse, kein isoliertes Problem von ein paar geistigen Gewalttätern im sächsischen Unterholz gewesen sind. Die rechten Umsturzgelüste in Deutschland mögen auf den Straßen von Euch Krakeelern vorgebracht werden.

Gern auch mal mit Hitlergrüßen und Sexualfantasien gegen weibliche Politiker garniert. Die politische Stimme Eures Hasses ist jedoch die rechtsradikale AfD.

Schild mit Goebbels-Zitat

Aber als ob das noch nicht genug wäre, setzt die sächsische Polizei wieder einmal noch einen drauf. Obwohl Versammlungen im Umfeld des Einheitsfestes strikt untersagt waren, drückte die Dresdner Polizei mal wieder ein Auge zu, wenn es um Pegida geht.

Dass auf der Veranstaltung ein Schild mit einem Goebbels-Zitat getragen wurde? Das war den Fachkräften von der sächsischen Exekutive egal. „Von den Personen ging keine Gefahr für Ablauf und Sicherheit der Protokollveranstaltung aus“, zuckte die Polizei in Dresden später mit den Schultern.

In Amerika hätte man wohl schon längst die Nationalgarde in ein Land wie Sachsen geschickt, dessen Politiker den rechten Terror jeden Tag aufs Neue passieren lassen und dessen Sicherheitsorgane zumindest ein gigantisches Wahrnehmungsproblem haben.

Wenn man dem Einheitsfest in Dresden etwas Gutes abgewinnen will, dann vielleicht das: Mit etwas Glück wird es so etwas in den kommenden 15 Jahren nicht mehr geben. Nicht mehr in Sachsen, wo allmählich sämtliche Maßstäbe zu verrutschen drohen. Und nicht mehr in Dresden, dessen Ruf auf Jahrzehnte ruiniert sein dürfte.

Ihr wollt das Land nur spalten

Aber was sollte man schon bei Euch die deutsche Einheit feiern, liebe Schreihälse in Dresden. Ihr wollt das Land doch ohnehin nur spalten.

Und um ehrlich zu sein: Ich möchte tatsächlich nicht mit Leuten wie Euch in einen Topf geworfen werden. Wenn Ihr also eines Tages mal nicht nur „Wir sind das Volk!“ ruft, sondern tatsächlich eine Mehrheit des Volkes hinter Euch habt, dann gebe ich freiwillig meinen Pass zurück. So lange schäme ich mich einfach für das, was heute in Dresden passiert ist.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.