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27 Stunden im offenen Meer unter Haien: Wie dieser Mann überlebte, grenzt an ein Wunder

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Es sollte ein unbeschwerter Männertrip werden: Der Südafrikaner Brett Archibald und eine Gruppe guter Freunde reisten zum Surfen nach Indonesien. Ihr Ziel: die Mentawai-Inseln, die als Surferparadies gelten.

Archibald und seine Freunde charterten ein Boot, das sie zu den Inseln bringen sollte. Doch während der zehnstündigen Überfahrt kam es zu einem Zwischenfall. Mitten in der Nacht wachte der damals 51-Jährige bei starkem Wellengang auf. Er hatte das Abendessen nicht vertragen und beschloss, an Bord frische Luft zu schnappen. Ein fataler Fehler.

Nachdem er sich mehrmals über die Reling übergeben hatte, wurde dem Südafrikaner schwindelig. Das nächste, was er mitbekam, war, dass er aus dem Wasser auftauchte und Salzwasser aus den Lungen hustete. Etwa 30 Meter von ihm entfernt fuhr das Boot. Er schrie, doch es war zu spät.

"Ich entschied mich fürs Überleben"

Es war 2:30 Uhr in der Nacht. Archibald war allein auf dem offenen Meer und niemand hatte gemerkt, dass er über Bord gegangen war.

"Ich wusste es. Tief in mir wusste ich, dass ich dort sterben würde", schreibt der Südafrikaner über schlimmsten Moment seines Lebens.

Wie durch ein Wunder überlebt er, trotz Haien, Dehydrierung und einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit, jemals gefunden zu werden. Seine Geschichte veröffentlichte er in dem Buch "Alone", das dieses Jahr erschien.

"Noch heute frage ich mich, wieso ich damals und in all den Stunden, die noch folgen sollten, keine Angst spürte. Schon bald kam diese völlige Ruhe über mich. Ich wusste, ich hatte die Wahl: Du kannst aufgeben oder versuchen zu überleben. Ich entschied mich fürs Überleben."

Archibald dachte angestrengt nach. Er rechnete sich aus, dass seine Freunde noch etwa sieben Stunden brauchen würden, bis sie ihr Ziel erreichten. Spätestens dann würden sie merken, dass er nicht mehr an Bord war. Wenn sie dann zurückfuhren, schneller diesmal, um ihn zu finden, würden sie vielleicht fünf Stunden für die Strecke brauchen. Zwölf Stunden musste er also mindestens durchhalten. Aber würden sie ihn finden?

Die folgenden Stunden verbrachte er damit, an seine Familie zu denken. Um wach zu bleiben, sprach er mit jedem Menschen, der ihm in den Sinn kam. Irgendwann fing er an zu singen. Bob Dylan, Cat Stevens, Sixto Rodriguez.

Nach zwölf Stunden kommt ein Boot in Sicht - und verschwindet wieder

Irgendwann kam tatsächlich ein Boot in Sicht und Archibald erkannte es als das Boot, das er mit seinen Freunden gemietet hatte.

"Etwa 200 Meter waren sie nur noch entfernt, da blieben sie plötzlich stehen. Ich schrie so laut ich konnte, winkte, schlug ins Wasser. Keine Reaktion. Ich versuchte, weiter in ihre Richtung zu schwimmen, doch ich kam wegen der Strömung kaum voran. Sekunden später setzte sich die 'Naga Laut' wieder in Bewegung. Und fuhr davon."

Archibald brach zusammen. Die Nacht brach ein und er begann zu halluzinieren. Er sah Matrosen und Fischerjungen, die es nicht gab. Doch er überlebte auch die Nacht.

Am nächsten Morgen sah er wieder ein Boot und schöpfte Hoffnung:

"Ich dankte Gott. Ich war sicher, die Männer hatten geankert und würden dort bleiben, um zu fischen. Sie waren weit weg, aber ich würde zu ihnen schwimmen können. Ich war euphorisch, ich schwamm so schnell ich konnte, ich würde es schaffen. Dann ging der Motor des Bootes an. Und es fuhr davon. Es war der Moment, in dem ich beschloss, mich zu ertränken."

Der Selbstmordversuch scheitert

Er versuchte es tatsächlich. Ertrinken sei ein angenehmer Tod, hatte er einmal gehört. Nur ein kurzer Todeskampf, bevor er friedlich auf den Grund des Ozeans sinken würde.

"Ich glitt unter die Wasseroberfläche und saugte mit aller Gewalt Wasser in meine Lungen, ich spürte, wie sich mein Brustkorb füllte, alles brannte, meine Lungen, mein Hals, meine Nase."

Doch Archibald bekam Panik, schoss zurück an die Oberfläche und hustete und würgte das Wasser wieder aus.

Ein Hai als letzte Rettung?

Irgendwann spürt Archibald, dass etwas mit voller Wucht gegen seinen Rücken stieß. "Der Hai war etwa so groß wie ich. Immer wieder hatte ich darüber nachgedacht, wie ich wohl sterben würde. Nun glaubte ich es zu wissen. Wenigstens würde es schnell gehen."

Dann hatte Archibald eine wahnwitzige Idee. Er hatte erkannt, dass es sich bei dem Tier um eine Art handelte, die sich in flachen Gewässern, in der Nähe von Küsten und Felsenriffs aufhielt. Er entschloss sich zu einer Verzweiflungstat:

"Bei seinem nächsten Angriff würde ich dem Hai also meinen Arm ins Maul stecken, mich an seiner Rückenflosse festhalten und mich von ihm in Richtung eines Riffs oder der Küste zerren lassen. Ich würde meinen Arm verlieren, aber das war es wert. Die irren Gedanken eines verzweifelten Mannes."

Doch ohne erkennbaren Grund verschwand der Hai plötzlich wieder.

Die Rettung

Nach fast 28 Stunden im Wasser wurde Archibald schließlich gefunden. Zunächst hielt er das Boot für eine Halluzination. Dann fürchtete er, es würde vorbeifahren. Doch ein Mitglied der Besatzung entdeckte ihn im Wasser.

"Es war kurz nach 6 Uhr morgens am 18. April, als sie mich fanden. Ich hatte fast 28 Stunden im Meer verbracht. Auf dem Boot war ein Arzt, der mich versorgte. Mein Blutdruck lag bei 64 zu 48, ich hätte wohl höchstens noch eine Stunde überlebt, dann hätte mein Herz einfach aufgehört zu schlagen."

Experten erklärten ihm später, dass es drei glückliche Umstände waren, die Archibald das Leben gerettet haben: Erstens: Der Himmel war bedeckt, weshalb die Sonne ihn nicht verbrannte. Zweitens: Die warme Wassertemperatur von etwa 26 Grad - Archibald kühlte nur langsam aus. Drittens: die Regenschauer, dank denen er zumindest ein wenig Trinkwasser bekam.

Das Erlebnis hat sein Leben für immer geprägt

"Ich habe vieles gelernt durch die Stunden da draußen im Indischen Ozean. Ich bereute, dass ich zu viel Zeit meines Lebens darauf verwendet hatte, dem Geld nachzujagen, statt sie mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen.

Sollte ich überleben, das schwor ich mir, würde ich auch nie mehr Zeit für etwas vergeuden, bei dem ich mich schlecht fühle. Eine Arbeit, die mir keinen Spaß bereitet. Menschen, mit denen ich mich nicht verstehe.

Vor allem aber lernte ich dort draußen eines: Gib nie auf. Nie. So ausweglos, die Lage auch scheinen mag. Denn manchmal geschehen Wunder."

Kurz nachdem Archibald zu seiner Familie zurückgekehrt war, änderte er sein Leben. Er verkaufte sein Bau-Unternehmen, hielt Vorträge und verbrachte mehr Zeit mit seien Kindern und seiner Frau.