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Neue Biografie von Helmut Schmidt: "Die späten Jahre"

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In der neuen Biografie

Staatsmann, Weltökonom, politische Kultfigur - die Deutschen haben diesen Mann verehrt wie keinen anderen Politiker. Helmut Schmidt (1918-2015) hatte es im hohen Alter geschafft, ein moralisches Idol zu werden. Als Publizist und Elder Statesman, der außerhalb des politischen Alltagsgeschäfts und über den Parteien steht, der unbeirrt an seinen Grundsätzen festhielt. Davon handelt die neue Biografie "Helmut Schmidt - Die späten Jahre" (Siedler Verlag, 26,99 Euro), die am 29. September erscheint.

Es ist das x-te Buch über diese politische Legende, aber es zeigt auf, wie Schmidt an seinem überragenden Image nach dem Ende seiner siebenjährigen Kanzlerschaft (1982) gearbeitet hat. Der Autor Thomas Karlauf (61) kannte Schmidt seit 1987. Er hatte fast alle seine Buchveröffentlichungen lektoriert - und schreibt nun: "Obwohl ihm der ganze Rummel um seine Person manchmal ziemlich lästig wurde, ging Schmidt am liebsten auf die Angebote ein, die seine Beliebtheit noch einmal zu steigern versprachen - sofern das überhaupt möglich war. Es gefiel ihm einfach, seinen Ruhm zu genießen."

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Die Idee zu dieser Biografie hatte Schmidt, der am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren gestorben ist, im August 2014 selbst. Da hatte sich der Altkanzler im Gespräch mit Karlauf zum wiederholten Mal darüber beklagt, dass er sich ein Buch wünsche, das sich mit dem beschäftigt, was er nach seinem Ausscheiden als Kanzler alles gemacht habe.

Karlauf beschloss, dieses Werk selbst zu schreiben, Schmidt sagte jedoch zunächst nur: "Als Freund rate ich Ihnen ab." Doch im November 2014, also ein Jahr vor seinem Tod, willigte er ein. Und stellte neben zahlreichen Gesprächsterminen auch sein Privatarchiv in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn zur Verfügung.

Auf fast 500 Seiten zeichnet der Autor ein interessantes, überwiegend politisches Porträt des Mannes, der schließlich von seiner Umwelt so wahrgenommen wurde, wie er es selbst gewollt hatte. Wenn man so will, hat er sehr erfolgreich an seiner eigenen Legende gestrickt.

Schmidts Lebensstil

Der eingefleischte Hamburger Helmut Schmidt "betonte gern, dass er niemals auf den Gedanken gekommen wäre, an die Elbchaussee oder in eine der weißen Villen rund um die Außenalster zu ziehen. Da gehörte er nicht hin, nobles Ambiente entsprach nicht seinem Herkommen." Vielmehr hatten die Schmidts 1961 am nördlichen Stadtrand "ein bescheidenes Doppelhaus in einer Siedlung der Neuen Heimat erworben".

In diesem bescheidenen Rahmen mit kleiner Küche, Hausbar, Esszimmer, Wohnzimmer (mit Flügel), Schlafzimmer und seinem Arbeitsbereich im ersten Stock - "Alle Wände der Wohnung waren bis auf den letzten Quadratmeter von oben bis unten mit Kunst zugehängt" - wurden Staatsgäste aus aller Welt empfangen. "In der Gästetoilette links hatte der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew bei seinem Besuch 1978 von seinem Arzt eine Spritze bekommen - eine Anekdote, die Schmidt gern erzählte, weil die beiden die Ampulle samt Verpackung liegen ließen, was der Hausherr als Vertrauensbeweis wertete."

Wenn man Helmut Schmidt "allzu zu sehr mit gesellschaftlichem Tamtam traktierte, konnte er durchaus grob werden. Bei einem festlichen Dinner zu seinen Ehren im Hamburger Atlantic warf er einen Blick auf die Menükarte mit Hummer und getrüffelten Täubchen, fragte dann laut den Oberkellner, ob sie hier auch was zu essen hätten, und bestellte Labskaus. Gäste am Brahmsee lud er bisweilen in den 'Scheidekrug' ein und empfahl ihnen 'vorzügliches Sauerfleisch oder vorzüglichen sauren Aal in Gelee und dazu Bratkartoffeln.'(...) Zuhause gab es Erbsensuppe, Kassler und Grünkohl mit Pinkel, zum Nachtisch Rote Grütze. Darin unterschieden sich die Schmidts genauso wenig von den Nachbarn wie in ihrem Ärger über das weggeworfene Papier und die leeren Cola-Dosen, die Schmidt am Wochenende vor der Garageneinfahrt einsammelte."

Der Geschäftsmann Schmidt

Helmut Schmidt war bis ins hohe Alter ein Weltreisender in Sachen Vorträge. 1983 nahm er 20.000 Dollar pro Vortag, bei einer USA-Reise im Frühjahr verdiente er allein mindestens 150.000 Dollar. "Erschien ihm eine Einladung wichtig oder setzte ein Freund sich für einen Vortrag ein, wurde das Honorar verhandelt, gelegentlich verzichtete Schmidt.

Manche Universität habe ihm den Ehrendoktor vor allem deshalb verliehen, amüsierte er sich, weil sie sich auf diese Weise das Honorar ersparte. Als Faustregel galt für ihn: Je unwichtiger und reicher die Herren, die ihn einluden, desto mehr mussten sie zahlen. Seine Einnahmen flossen, in Deutschland ordentlich versteuert, in den ersten Jahren in seine Privattasche, später an die Helmut- und Loki-Schmidt-Stiftung."

Schmidts Privilegien

Schmidt war sicherheitsgefährdet, deshalb hatte er auch nach seinem Ausscheiden als Kanzler darauf gedrängt, "dass der Personenschutz für ihn und seine Frau unverändert erhalten blieb. Vier Hamburger Kriminalbeamte, die zum Bundeskriminalamt abgeordnet wurden, sollten auch in Zukunft rund um die Uhr für seine Sicherheit zuständig sein... Das Doppelhaus der Schmidts am Neubergerweg musste ebenfalls gesichert werden... Für die Bewachungsmaßnahme müssten zwölf Beamte abkommandiert werden, empörte sich die Polizeigewerkschaft Hamburg..."

"Die Polizeibeamten und Personenschützer gehörten für ihn genauso zu seinem Leben wie Fahrer, Referenten und Sekretärinnen. Was ihm nicht mehr zustand, war die Flugbereitschaft, über die außer dem Verteidigungsminister nur der Bundespräsident und der (amtierende) Bundeskanzler verfügen konnten; Schmidt ließ prüfen, ob das Mitflugrecht nicht auch auf ehemalige Bundespräsidenten und Bundeskanzler auszudehnen sei. 'Das Einzige, was mir im Vergleich zu früheren Zeiten fehlt, ist das eigene Flugzeug.'"

Da war es ihm eine ganz besondere Freude, dass er bei seinem letzten Russlandbesuch Ende 2013, bei dem er von Wladimir Putin eine Flasche Tokayer seines Jahrgangs 1918 bekam und er selbst ein Buddelschiff als Gastgeschenk mitbrachte, ihm der russische Präsident für den Heimflug nach Hamburg eine Regierungsmaschine zur Verfügung stellte.

Schmidt und die Gefühle

Über die Liebe zu seiner Frau Hannelore (Loki) hat Helmut nie oder nur sehr selten gesprochen. "Zu den Eigenschaften, die Loki in seiner Augen vor allem auszeichneten, zählten Geduld und Empathie. 'Loki war ein nachsichtiger, großzügiger und warmherziger Mensch... und hat immer ausgleichend gewirkt... So haben wir uns ergänzt.' Mehr Worte wollte er darüber nicht verlieren, oder besser gesagt, er konnte es nicht. Es war das väterliche Erbe, das es ihm unmöglich machte, über Gefühle zu reden, das Seelenleben war im Elternhaus kein Gesprächsthema gewesen, und so hielten er und Loki es wohl auch untereinander bis zum Schluss."

Als er in seinem letzten Buch von einer Ehekrise schrieb, riet ihm seine Tochter Susanne dazu, das näher zu erklären. "Also notierte Schmidt an den Rand des Typoskripts, gut lesbar, wenn auch schon etwas krakelig: 'Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau.'" Er habe jedoch nie eingesehen, "dass er irgendwie etwas zu bereuen oder sich gar zu entschuldigen hätte... Wofür eigentlich? Für die Komplikationen der Einehe? 'Die Einehe hat sich in Europa zu einer Zeit durchgesetzt, als das durchschnittliche Sterbealter der Männer bei 40 Jahren lag, vor etwa zweitausend Jahren. Die Eliten, die sehr viel älter wurden, verhielten sich schon damals anders. Mein Freund Marcus Aurelius hat offenbar häufiger die Partnerinnen gewechselt, seine Frau übrigens auch ihre Männer. Vornehme Römer hatten damit keine Probleme.'"

Schmidts Leben nach Loki

Als Loki im Oktober 2010 mit 91 starb, hinterließ sie einen innerlich tief traurigen Mann. "Einer, der seine Trauer nicht in Worte fassen konnte, aber tief drinnen unendlich dankbar war für 68 gemeinsame Jahre." Knapp zwei Jahre nach Lokis Tod machte Schmidt eine neue Beziehung öffentlich. "Wäre Ruth Loah nicht gewesen, zu der ich seit über einem halben Jahrhundert ein vertrauensvolles, enges Verhältnis habe, hätte ich den Tod von Loki wahrscheinlich nicht überlebt.'"

Im November starb Helmut Schmidt. Er war in den letzten Jahrzehnten ein schwer kranker Mann: zwei Herzinfarkte, eine Bypass-OP, ein Hörsturz, eine schwere Arthrose in der Hüfte, eine sich ständig steigernde Hörschwäche. Als man ihm Vorhaltungen wegen seines Kettenrauchens angesichts seines Gesundheitszustandes machte, sagte er einmal: "Ich rauche seit über 60 Jahren ... und bitte herzlich um Gnade für ein paar kleine verbleibende Freuden im Leben."