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"Maybrit Illner" zur Angst vor sozialem Abstieg: "Die Leute stehen mit dem Rücken zur Wand"

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MAYBRIT ILLNER
Bei "Maybrit Illner" ging es um die Angst vor dem sozialen Abstieg | ZDF Mediathek
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Die Angst vor dem sozialen Abstieg geht um in Deutschland. Viele Menschen sind verunsichert und wütend auf die Regierung - die AfD profitiert davon. Aber ist diese Sorge auch berechtigt?

"Ist Armut nur ein Gefühl?", fragt Moderatorin Maybrit Illner ihre Gäste in ihrer Sendung "Abstiegsangst im reichen Land – warum wächst die Wut?".

Die Bundesregierung sagt, Deutschland gehe es gut. Der Arbeitsmarkt kommt in Schwung. Bundesfinanzminister Schäuble weist darauf hin, dass bisher niemand einen Euro weniger habe, weil Flüchtlinge zu uns gekommen sind.

"Der Kuchen wird nicht kleiner"

Gleichzeitig warnt der Armutsbericht des Statistischen Bundesamtes, dass das Armutsrisiko deutlich gestiegen sei. Was stimmt denn nun?

CDU-Politiker Ralph Brinkhaus ist der Ansicht, dass es den Deutschen gut gehe und Ängste nur geschürt würden. "Faktisch kann man nicht sagen, dass der Kuchen kleiner wird."

Er beschwert sich bei Illner über einen Einspieler, in dem Menschen gezeigt werden, die Mülltonnen nach Pfandflaschen durchsuchen - als sei dies in Deutschland die Regel.

"Ich finde es schlimm, dass wir uns im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vier Mal in der Woche damit beschäftigen, was schlecht in Deutschland ist und überhaupt nicht wertschätzen, was wir haben", motzt er.

"Die unteren 40 Prozent haben nichts oder Schulden"

"Jemand, der in Deutschland armutsgefährdet ist, ist im Vergleich zu jemandem in Burkina Faso oder Indien sicher nicht arm." Auch die anderen europäischen Länder würden uns beneiden.

Ganz anderer Ansicht ist Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. 15,7 Prozent würden arm genannt. Das sei Rekordhochstand. Die unteren 40 Prozent der Gesellschaft hätten keinerlei Ersparnisse - sie haben "nichts oder Schulden". Wenn der Kühlschrank kaputtgehe oder das Bett zusammen bräche, hätten sie keinerlei Rücklagen: "Die Leute stehen mit dem Rücken zur Wand."

Schlimm sei vor allem, dass sich nichts bewege - trotz Mindestlohn und Verbesserungen beim Wohngeld. "Wir haben zu viele Armen, zu viele Menschen, die sich abgehängt fühlen und zu viele, die diese Gesellschaft mental verlassen."

Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung führt an, dass das Abstiegsrisiko der Mittelschicht kleiner geworden sei, denn die Wirtschaft brumme und der Arbeitsmarkt entwickele sich prächtig entwickelt.

"Irgendwann werden uns die Flüchtlings-Kosten einholen"

Zu den Kosten der Flüchtlingskrise von etwa 20 Milliarden Euro plus zusätzliche Kosten für die Bundesländer sagt er: "Im Moment können wir uns das leisten." Die Frage sei allerdings, wie die Integration der Flüchtlinge gelinge. "Irgendwann wird uns das einholen."

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, verlangt, dass die Kosten der Flüchtlingskrise nicht auf die Bevölkerung umgelagert werden dürfen. "Wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen, dann darf es nicht sein, dass wir bei Menschen, die Hilfe brauchen, kürzen."

Das würde nur zu mehr Ablehnung gegen Ausländer führen. "Die Globalisierung und die neue digitale Welt verunsichern die Menschen. Die Menschen brauchen wieder ein stärkeres Gefühl der Sicherheit."

"Was haben wir von der Globalisierung gehabt?"

Der Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke ist der Ansicht, dass es durchaus rationale Gründe für die Ängste der Menschen gebe. Schließlich sei das Phänomen nicht nur deutsch - auch in den USA würden Menschen Trump wählen. Seit 20 bis 30 Jahren hätten die Regierungen den Menschen gesagt "Wir machen jetzt eine Globalisierung". Märkte wurden liberalisiert, jeder sollte "mehr Eigenverantwortung" übernehmen.

Jetzt fragten sich die Menschen: "Was haben wir jetzt davon gehabt?" Es gebe größere Unsicherheit. Die Menschen hätten Angst, gegenüber ihren Nachbarn abzusteigen. "Es geht schneller, in Hartz IV zu fallen." Gleichzeitig würden die Menschen sehen, dass große Konzerne keine Steuern zahlen und dass in der Finanzkrise das Geld da war, um die Banken zu retten.

"Die Flüchtlinge sind nur bedingt eine Ursache", schließt er.

"Armut heißt, keine Freunde zu haben"

Franz Meurer, Pfarrer im Problemviertel Köln-Vingst, weiß, was Armut bedeutet. "Armut heißt, keine Freunde zu haben", sagt er. In seinem Viertel geht er die Probleme direkt an.

Er betreibt eine Fahrradwerkstatt, in der früher Drogensüchtige und inzwischen auch syrische Flüchtlinge arbeiten - alle Kölner Radläden bezögen dort ihre Speichen. "Wir sind die Indianer, wir müssen täglich konkret werden."

Gute Stimmung sei die Lösung, dann prügeln sich an den Lebensmittel-Tafeln die Langzeitarmen auch nicht mit den Flüchtlingen. Den Politikern rät der Geistliche: "Die Nichtwähler muss man richtig lieb haben und in sozialversicherungspflichtige Arbeit bringen."

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