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Terrorexperte: "Wenn das IS-Kalifat zusammenbricht, wird es erst recht gefährlich"

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Terrorexperte: "Wenn das IS-Kalifat zusammenbricht, wird es erst recht gefährlich" | Reuters
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  • Internationale Truppen bereiten einen wohl vernichtenden Schlag gegen den IS vor
  • Experten halten es für eine Frage von Monaten, bis die Islamisten militärisch besiegt sind
  • Gebannt wäre die Gefahr damit noch lange nicht - im Gegenteil

Seit Monaten feilen Irak und USA an den Plänen, dem Islamischen Staat (IS) die nordirakische Großstadt Mossul zu entreißen. Nach mehr als zwei Jahren Schreckensherrschaft. Experten vermuten, dass die entscheidende Offensive kurz bevorsteht. Noch vor der Wahl in den USA.

Gelingt die Rückeroberung, hätte die Islamistenmiliz ihre wichtigste Bastion im Irak verloren. Und nicht nur sie.

„Das selbsternannte Kalifat des IS wird sehr wahrscheinlich in wenigen Monaten komplett zusammenbrechen", sagt Florian Wätzel, Terrorismusexperte der Universität Kiel, der Huffington Post.

Firas Abi Ali vom US-Analyseunternehmen IHS ist etwas weniger optimistisch, aber auch er hält einen militärischen Sieg über den IS bis Ende des kommenden Jahres für realistisch, wie er der britischen BBC sagte.

2014 hatte der IS innerhalb kürzester Zeit in Syrien und dem Irak Gebiete von der Größe Großbritanniens unter seine Kontrolle gebracht, ein Jahr später auch einen Küstenstreifen in Libyen. Beobachter nannten seine finanziellen Mittel "schier unerschöpflich". Bis zu 2000 ausländische Kämpfer sollen sich 2014 pro Monat den Milizen angeschlossen haben.

Das ist vorbei.

Riesige Gebietsverluste

Wätzel schätzt, dass der IS seither langsam, aber im Wesentlichen kontinuierlich die Hälfte seiner Gebiete im Irak wieder verloren hat, in Syrien etwas weniger. Im nordafrikanischen Libyen werde er bald gar nichts mehr kontrollieren können.

Die Kämpfer bleiben aus

Die jüngsten Verluste aller Gebiete an der Grenze zur Türkei waren ein besonderer Schlag für den IS. "Ausländische Kämpfer kommen so nur noch unter großen Schwierigkeiten ins IS-Gebiet", sagt Wätzel. Inzwischen dürften es statt der 2000 nur noch 50 pro Monat sein.

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Zu den logistischen Problemen kommt der psychologische Faktor. "Der IS hat an Strahlkraft verloren", sagt der Experte. "Er hat sogar Probleme, die eigenen Reihen zusammenzuhalten." Ausländer versuchten, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Und auch Einheimische wendeten sich ab. Zwangsrekrutierungen führten zwar zu kurzfristig mehr Kämpfern – aber Kämpfern ohne Motivation.

Was natürlich nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die UN immer noch davon ausgehen, dass es immer noch zwischen 20.000 und 30.000 IS-Kämpfern gibt.

Das Geld wird knapp

Wo der IS Gebiete verliert, verliert er Geld. Er kann weniger Material beschlagnahmen, weniger Güter wie Getreide verkaufen, und vor allem inzwischen kaum noch Ölgeschäfte machen. Die Amerikaner haben Ölanlagen bombardiert, und die Schmuggelei des Öl über die Türkei ist wegen der Gebietsverluste kaum noch möglich.

"Als die USA im Januar Gelddepots bombardiert haben, musste der IS die Besoldung seiner Kämpfer auf die Hälfte reduzieren – und sofort häuften sich Meldungen, die Kämpfer seien zu anderen Milizen übergelaufen, die besser zahlten", sagt Wätzel. "Man sieht: Viele der Kämpfer sind Opportunisten."

IHS-Analyst Abi Ali vermutet, dass der IS etwa ein Drittel seines Vermögens eingebüßt hat.

Die Gefahr bleibt

Für den Kampf gegen den Terrorismus hört sich die Aussicht auf einen militärischen Sieg über den IS erst einmal gut an – ist aber tatsächlich kein Grund zum Aufatmen, meinen die Experten.

"Dann wird es erst recht gefährlich", sagt Wätzel.

„Künftig wird der Islamische Staat vermutlich wieder allein auf Terror setzen", sagte Peter Neumann vom Londoner King's College laut "Tagesspiegel".

Die Anpassung in der Taktik hat der IS schon 2015 vorgenommen. Während der IS im Jahr 2014 nach BBC-Angaben noch etwa 150 Anschläge pro Monat verübte, zählte Seth Jones vom US-Thinktank RAND bis zu 400 in einigen Monaten des Jahres. So konnte der IS von seiner Schwäche im Kerngebiet ablenken, sagt Wätzel.

Mehr Terroranschläge in Europa

Europa müsse sich jetzt verstärkt mit drei Typen von Terroristen herumschlagen:

1. Europäische IS-Rückkehrer: Die Anschläge in Belgien und Frankreich hätten gezeigt, wie gefährlich diese Menschen sind, sagt Wätzel.

2. Syrische und irakische IS-Kämpfer, die sich als Flüchtlinge getarnt einschleichen: "Ihre Erfolgsaussichten sind weitaus geringer, weil sie sich hier nicht auskennen und Anschläge nur mit primitiven Methoden verüben können.Komplexe Anschläge können sie kaum vorbereiten."

3. Attentäter, die sich vom IS inspiriert fühlen, aber nicht wirklich der Gruppe angehören: "Auch das sind Einzeltäter mit vergleichsweise beschränkten Möglichkeiten." Gefährlich sind sie trotzdem. "Man denke an den Anschlag auf den Nachtclub in Orlando, an Ansbach und Würzburg."

Neuer Gegner in Syrien

In Syrien und im Irak werden sich die IS-Kämpfer in den Untergrund zurückziehen, vermutet der Experte. Und anderen werden die Macht übernehmen. Wätzel rechnet mit dem Aufstieg einer radikalislamischen Gruppe, die für den Westen viel schwieriger zu bekämpfen wäre als der IS: der ehemalige Al-Kaida-Ableger in Syrien, die Al-Nusra-Front, die sich neuerdings Jabhat Fateh al-Sham nennt.

"Sie verfolgt eine ganz andere Strategie: Anders als der IS verfolgt sie keine Null-Toleranz-Politik, mit der man sich viele Feinde macht. Sie versucht, Herzen und Köpfe der Syrer für sich zu gewinnen." Das dauere länger, sei langfristig aber auch erfolgreicher.
Derzeit verübt sie keine Anschläge im Westen, aber das kann sich ändern.

Weitere Zuspitzung in der Sahel-Zone

Anders als im Nahen Osten hat der IS in Libyen laut Wätzel keine Chance, sich im Untergrund zu verstecken. Dazu seien dort die urbanen Zentren zu übersichtlich und von anderen Milizen kontrolliert. "Die Kämpfer könnten in den Süden ausweichen, in die Sahel-Zone, und sich anderen Milizen anschließen."

Dazu zählt unter anderem Mali – wo etwa Frankreich sich verzweifelt bemüht, den Terror einzudämmen.

Die internationale Gemeinschaft täte also gut daran, schon jetzt einmal Strategien für die Zeit nach dem IS in Syrien zu entwickeln. Um nicht wieder so mörderisch überrascht zu werden wie vor zwei Jahren.

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