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Betreutes Informieren: Warum sich deutsche Medien mit der Wahrheit über MH17 schwer tun

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PUTIN
dpa/Getty/HuffPost
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"Keine Angst vor der Wahrheit" – mit dem Slogan aus der Eigenwerbung nimmt es der "Spiegel" nicht immer so genau – und manche anderen deutschen Medien ebenfalls, wenn es um Wladimir Putin geht.

Journalisten der gleichen Blätter, Seiten und Sender, die bei Donald Trump und Le Pen, bei AfD und Brexit beherzt Position beziehen und hart an die Grenze zwischen Journalismus und Messianismus gehen, fassen den Diktator in Moskau oft mit Samthandschuhen an.

Obwohl er längst all das gemacht hat, was man den westlichen Demokratiefeinden vorwirft oder auch nur von ihnen befürchtet – Abschaffung der Demokratie, Terror gegen Andersdenkende und Minderheiten, Überfall auf ein Nachbarland (Ukraine), Kriegsverbrechen, Massaker an Zivilisten (Syrien): Bei Putin hüten sich manche Journalisten davor, Position zu beziehen, wie Versicherungen vor Deckungszusagen.

Unangenehme Fakten werden verdrängt

Da wird fast schon zwanghaft die Wahrheit in der Mitte gesucht und um Verständnis gerungen – oder unangenehme Fakten werden einfach verdrängt bzw. ins Kleingedruckte verschoben.

Jüngstes Beispiel ist der Abschlussbericht der niederländischen Ermittler zum Abschuss der Boeing MH17 über der Ostukraine, bei dem 2014 fast 300 Menschen ihr Leben verloren, darunter viele Kinder.

Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der neutralen Schweiz fand auf ihrer Homepage klare Worte für ihre Schlagzeile: "Die Verantwortung trägt Putin". Wer hingegen die Startseiten von "Spiegel Online" ("SPON") oder des WDR öffnete, für den bot sich ein komplett anderes Bild.

Bei "SPON" erfuhr man nur unten im Kleingedruckten, wer die Boeing abgeschossen hatte – und auch das nur verklausuliert. Tenor im "Spiegel"-Text: Eine Antwort darauf, wer schuld ist, wird es wohl nicht geben.

Stoßrichtung von Putins Propaganda-Strategie

Dass nun bewiesen ist, dass eine russische Flugabwehrrakete die MH17 abgeschossen hat, dass Wladimir Putin das Abschussgebiet angegriffen und besetzt hat - all das scheinen die "SPON"-Redakteure links liegen zu lassen. Verantwortung? Putin? Offenbar herrscht die Vorstellung, dass die Rakete von selbst über die Grenze aus Russland gefahren ist.

Schon die Überschrift des "SPON"-Aufmachers - "Splitter der Wahrheit" geht ganz in die Stoßrichtung von Putins Propaganda-Strategie. Die besteht nicht mehr darin, die Menschen von Moskaus Versionen des aktuellen Weltgeschehens zu überzeugen wie zu Sowjetzeiten.

Stattdessen versucht der Kreml mit Hilfe seiner Medien und Unterstützer im Westen, den Menschen hierzulande einzureden, es gebe keine Wahrheiten mehr: Nichts Genaues weiß man nicht, nie, alle lügen, und die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen.

Der Kreml ist mit dieser Strategie, das Vertrauen der Menschen in Medien und Politik zu zerstören, und ihren inneren Kompass zu verstellen, erschreckend erfolgreich – vor allem wegen der hausgemachten Probleme bei uns, aber das wäre Thema für eine eigene Analyse.

Verzerrtes Bild der MH17-Katastrophe

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR), wo Putinkritiker ebenso wie bei manchen anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten einen schweren Stand haben, fährt die gleiche Linie. Auf der Startseite des WDR hieß es gestern: "Wer ist schuld am Tod von 298 Menschen an Bord von Flug MH17? Eine internationale Ermittlergruppe legt heute einen Zwischenbericht ihrer Untersuchungen vor. Doch den Schuldigen werden sie wohl noch nicht benennen."

Dass in solchen Berichten irreführend von "prorussischem Rebellengebiet" die Rede ist, obwohl Putin selbst die Präsenz von russischen Militärs in der Ostukraine eingestanden hat, rundet das verzerrte Bild nur ab.

Andere Medien wiederum kochen das Thema auf Sparflamme – im "Tagesspiegel" von heute gibt es zwar einen exzellenten Bericht – aber man muss sich auf Seite vier durchkämpfen, um ihn zu finden, fast schamhaft wird jeder Hinweis auf das Thema in den vorderen Seiten vermieden.

Dort erfährt man dafür, "warum der Feminismus aktuell bleibt", "Elon Musk wird den Mars besiedeln" und "Die neuen Seiten des Ehrenamtes".

Medien hüten sich davor, Putin zu direkt zu kritisieren

Bei anderen Themen ist es zuweilen ähnlich: Bei vielen Berichten in der "Berliner Zeitung" etwa musste man einiges an Hintergrundwissen oder Geduld mitbringen, um nicht zu dem Fehlschluss zu kommen, dass entweder die Amerikaner in Syrien gnadenlos bomben oder die tödliche Luftfracht von allein vom Himmel fliegt.

Man stelle sich nur für eine Sekunde vor, wie wohl die Schlagzeilen und der Tenor in diesen Blättern ausgesehen hätte, wären die USA für den Abschuss eines Zivilflugzeugs verantwortlich oder würde Washington eine Stadt dem Erdboden gleichmachen.

Erstaunlicherweise multipliziert sich die Verzerrung zuweilen bei den Empfängern: Bei Vorträgen höre ich immer wieder, die deutschen Medien seien amerikafreundlich und würden Putin schlechtschreiben.

Und es herrscht ungläubiges Erstaunen, wenn ich dann etwa erzähle, dass keines der deutschen Leitmedien 2014 das einzige Interview eines der wichtigsten russischen Oppositionellen, Garry Kasparow, zu Putins Olympiade in Sotschi drucken wollte – "zu kritisch", so der dezente Tenor – während die erste Schweizer Zeitung, der ich das Interview anbot, es sofort abdruckte.

Woher kommt dieses Wegsehen?

Die Liste solcher Beispiele lässt sich fortsetzen. Wer Putin so deutlich kritisiert, wie das gegenüber Trump und Co. Grundkonsens ist, läuft Gefahr, als "Agitator" denunziert zu werden.

Harte Putin-Kritik ist ein Karrierekiller im deutschen Journalismus. Karrierefördern hingegen kann es sein, die Kritik in Watte zu packen und auch immer wieder mal das Positive im System Putin herauszustreichen.

Gerade erst wechselte der langjährige Chef des Moskauer Büros eines deutschen Leitmediums zum Verband der deutschen Wirtschaft in der russischen Hauptstadt – einem Vorposten der Putin-Claqueure. Zuvor lobt er den Aufschwung in Moskau und interviewte ausführlich Putin-Hofberichterstatter Seipel, der für seine Lobpreisungen bekannt ist.

Woher kommt dieses Wegsehen, ja oft sogar die Sympathie für einen Diktator und das Schönreden seiner Taten durch Teile der deutschen Medien und Politik?

Putins Brutalität wird gerne verdrängt

In Großbritannien und den USA schüttelt man darüber den Kopf. Zum einen hat das "Weichspülen" damit zu tun, dass die Realitäten der Putin'schen Politik jenseits der Denkwelt von vielen harmonieverwöhnten "Wessis" liegen: Dass jemand derart dreist Krieg führt, ohne jede Rücksicht auf zivile Verluste, und dass seine Beteuerung, er wolle doch nur Frieden, dreiste Lüge sind, dass ist viele von uns so schwer zu verstehen wie für Pipi Langstrumpf ein Al Capone.

Dass für Putin, den Mann mit dem Atomkoffer, Gewalt und Terror ganz normales Handwerkszeug im Regierungsgeschäft ist, ist eine derart erschreckende Tatsache, dass es beruhigender ist, sie zu verdrängen – nach dem Motto: "Der will doch nur spielen" bzw. "Frieden". So schläft es sich deutlich ruhiger.

Weitere Grundlage für die Denk-Blockade ist wohl Anti-Amerikanismus, wie etwa bei "Spiegel"-Miteigentümer Jakob Augstein, bei dem man den Eindruck hat, er würde auch einen Bankraub noch schönschreiben, solange der Täter sagt, Amerika sei an allem schuld.

Eine weitere Ursache dafür, dass Putins Verbrechen bei vielen im "toten Winkel" verschwinden, ist die Geschichte: Putin ist es meisterhaft gelungen, Russland als Allein-Opfer von Hitlers Vernichtungsfeldzug darzustellen – als ob nicht Weißrussland und die Ukraine am meisten unter dem Überfall auf die Sowjetunion gelitten hätten.

Zuneigung zum "nationalen Leader"

Und als ob nicht Deutschlands Verantwortung aus dem Nationalsozialismus gerade darin bestehe, es nicht schweigend hinzunehmen, wenn Regierungen kriminelle Methoden anwenden und Nachbarländer überfallen.

Deutsch-russische Kumpanei hat zudem eine lange geschichtliche Tradition – von der Zarenzeit bis nach Rapallo, dem idyllischen Badeort an der italienischen Riviera, wo 1922 die beiden international geächteten Mächte – Berlin und Moskau – nach dem Ersten Weltkrieg eine weitgehende Zusammenarbeit beschlossen.

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Dass die deutsch-russische Allianz gerade auch für reaktionäre Zeiten steht, gibt der heutigen Putin-Sympathie einen verstörenden Beigeschmack: Woher kommt die Zuneigung zum "nationalen Leader", wie sich Putin gerne nennen lässt – paradoxerweise mit einem englischen Lehnwort.

Kommt da gar eine verdrängte Demokratie-Feindlichkeit zum Vorschein, eine Sehnsucht nach einem starken Mann, der Ländereien, die mit dem Blut des eigenen Volkes getränkt sind, zurückholt ins Vaterland?

So erschreckend solche Gedankenspiele sind – so beruhigend ist es, dass unsere Medienlandschaft – im Gegensatz zur russischen – so vielfältig ist. welt.de und die Frankfurter Allgemeine etwa machten nach dem Ermittlerbericht zu MH17 vor, wie man angemessen berichten kann.

Wer kritisch über Putin schreibt, bekommt Morddrohungen

"Faz.net" stieg vorsichtig ein mit dem Satz: "Ermittler: Flug MH17 wurde von Rakete russischer Bauart abgeschossen", und legt dann im Kommentar nach: "Die misslungene Vertuschung eines Verbrechens Der Untersuchungsbericht zum Abschuss von MH17 über der Ukraine demaskiert ein weiteres Mal Putin – aber auch den Westen. "

Sehr deutlich wurde auch "welt.de" auf seiner Startseite: "Und wieder verhöhnt Moskau die Opfer von MH17. Die Reaktion Russlands auf den MH17-Bericht ist zynisch. Was uns vorgeführt wird, ist dasselbe Spiel, das der Kreml in Syrien betreibt. Wie kann man da von einem neuen 'Vertrauensverhältnis' träumen?"

Direkt nach dem Abschuss von MH17 brachte der "Spiegel" 2014 ein Titelbild mit der Schlagzeile "Stoppt Putin jetzt". Für so lautstarke Kreml-Kritik geriert das Magazin damals unter massiven Beschuss – auch von Putins Trollen und Claqueuren. Ob deshalb jetzt das Pendel zurückschwingt?

Wer kritisch über Putin schreibt, muss sich auf massive Attacken und Anfeindungen einstellen, bis hin zur Morddrohungen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Dennoch lassen sich viele Journalisten nicht schrecken.

Lücken in der Wahrnehmung

Auch beim "Spiegel" sind viele putinkritische Stimmen zu hören. Nicht nur dort: So oft das Phänomen Diktatoren-Freundlichkeit auch anzutreffen ist – es entspricht keiner "Generallinie" der Medien: Denn die gibt es in Deutschland im Gegensatz zu Russland nicht.

Alle beschriebenen Phänomene sind das Resultat persönlicher Meinungen bzw. Vorlieben. Wer von "Lügenpresse" spricht – wie paradoxerweise gerade viele Putin-Sympathisanten von rechts – zeigt, dass er unsere Presse nicht verstanden hat. Das Problem liegt nicht bei vermeintlichen Lügen, sondern bei Lücken – auch in der Wahrnehmung.

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(lk)