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Gauck in Babi Jar: Eine Reise an die Abgründe deutscher Schuld

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GAUCK
dpa
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  • Der Bundespräsident bekennt sich zur deutschen Verantwortung für die Ermordung zigtausender Juden durch Waffen-SS und Wehrmacht in Kiew im Jahr 1941
  • Und er geht einen Schritt weiter

Als Joachim Gauck am Abend eine Kerze am siebenarmigen jüdischen Leuchter abstellt, ist die schreckliche deutsche Vergangenheit ganz nah. Im stillen Gedenken neigt er das Haupt - es ist ein Zeichen deutscher Verantwortung für die Schuld, die SS-Leute und Wehrmachtssoldaten in der Schlucht von Babi Jar vor genau 75 Jahren auf sich geladen haben.

Heute ist es ein fast idyllischer Platz: Gedenkorte für die verschiedenen Opfergruppen streuen sich in ein lichtes Wäldchen aus Birken, Linden und Tannen.

Die Reise nach Kiew ist für den Bundespräsidenten auch eine Fahrt zu beinahe vergessenen Abgründen deutscher Schuld. Am 29. und 30. September 1941 löschen die deutschen Besatzer in der Schlucht Babi Jar fast die ganze zurückgebliebene jüdische Bevölkerung von Kiew aus. Mit Hilfe der Wehrmacht ermorden Männer einer SS-Sondereinheit 33.771 Juden. Vor allem Frauen, Kinder und Greise. Mit Genickschuss.

In immer neuen Zehnergruppen werden die Opfer in die Schlucht geführt. Sie müssen sich auf die Leichen der zuvor Erschossenen legen. Dann werden sie selbst massakriert.

In der Gedenkveranstaltung für dieses einzigartige Verbrechen sagt Gauck Sätze, von denen er hofft, dass sie versöhnen können und in die Zukunft weisen. Seine Rede soll auch so etwas wie ein Schlussstein in einer regelrechten Begegnungskette des Präsidenten in Ländern sein, in denen die Deutschen in der Nazizeit gewütet haben.

Monstrosität der deutschen Taten

Denn schon ganz zu Beginn seines Wirkens als Bundespräsident war dem im Krieg geborenen Gauck klar: Die Themen Schuld und Verantwortung der Deutschen würden seine Amtszeit durchziehen, genauso wie jene Ermutigungsreden, die er immer wieder ans eigene Volk gerichtet hat.

Allein zwölf Reden Gaucks zum Gedenken an die Nazi-Opfer und den von den Deutschen angezettelten Zweiten Weltkrieg in Deutschland reihen sich in seiner Amtszeit aneinander. Zwischen 2012 und 2016 hat der Bundespräsident acht Auslandsreisen quasi in den Geist der Versöhnung gestellt. Und dabei gerade auch Orte besucht, die von deutschen Soldaten heimgesucht wurden, deren Opfer aber in Vergessenheit zu geraten drohten.

Und nun Babi Jar. Der Bundespräsident hat in seine Delegation die in Berlin lebende 41 Jahre alte Schriftstellerin Katja Petrowskaja eingeladen. Für einen Auszug aus ihrer Erzählung "Vielleicht Esther" hat sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten.

Darin beschreibt die gebürtige Kiewerin, wie ihre Urgroßmutter einem Aufruf der Besatzungsbehörden folgt, nach dem alle Juden sich mit Dokumenten, Geld- und Wertsachen um 8.00 Uhr an den Friedhöfen am Stadtrand einfinden sollten. Ein deutscher Soldat erschießt Petrowskajas Urgroßmutter am 29. September vor 75 Jahren auf offener Straße.

Gauck dient die Erzählung als Parabel für die Monstrosität der deutschen Taten. "Etwas Besonderes, etwas Kostbares" nennt er Petrowskajas Schilderungen in seiner vorab verbreiteten Rede bei der Gedenkfeier am Abend. Weil sie den Opfern Gesicht, Namen und Gestalt zurückgebe. "Aus einer Ziffer in einer Todesstatistik wird Esther", sagt der Bundespräsident.

Die Literatur habe erreicht, was der Geschichtsschreibung in Deutschland, Russland und der Ukraine bis heute oft nur mühsam gelingen wolle, sagt Gauck: "Raum für ein gemeinsames Erinnern."

Auch das ist etwas Besonderes an dieser Reise in die Ukraine: Zwar lässt der Bundespräsident zwischen den Zeilen Kritik am russischen Präsidenten Wladimir Putin anklingen.

Er hebt die Bedeutung der territorialen Integrität der Ukraine hervor und auf den Einsatz des Landes für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit - was die Ukraine zum "Teil unserer europäischen Wertegemeinschaft" mache. Die Worte sollen ein Akt der Solidarität gegenüber Kiew sein.

Doch der als so scharfer Putin-Kritiker bekannte Gauck prangert diesmal nicht ausdrücklich die Annexion der Krim durch Russland an.

Gauck arbeitet an seinem Vermächtnis

Der Bundespräsident scheint in Kiew auch an seinem Vermächtnis zu arbeiten - als Versöhner. Dazu gehört das uneingeschränkte Bekenntnis zur deutschen Schuld und zu deutscher Verantwortung für die Nazi-Verbrechen. Und als Konsequenz daraus zur Verantwortung für Menschenrechte weltweit.

Babi Jar, so sagt es Gauck, komme dabei als Erinnerungsort für den Massenmord an den Juden ein fester Platz zu. So wie Auschwitz ein Symbol für das Töten in Nazi-Vernichtungslagern sei, stehe die Schlucht in Kiew für das, "was dem industriellen Morden vorausging: das abertausendfache Töten durch Erschießen". Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko stellt Babi Jar in eine Reihe mit der deutschen Judenvernichtung in Auschwitz.

Gauck mahnt eine gemeinsame Erinnerungskultur von Deutschen, Juden, Ukrainer, Russen und Polen an. Eben der Täter und der Opfer. "Wir, die wir verstehen wollen, wie es dazu kommen konnte, dass unsere Väter und Großväter zu Mördern oder zu Opfern wurden, sind heute aufeinander angewiesen", sagt Gauck an diesem tiefschwarzen Ort deutscher Geschichte.

Und ergänzt: "Antworten auf unsere Fragen werden wir nur gemeinsam finden." Dabei dürfte er wissen: Angesichts der Feindschaft der Mächtigen in Kiew und Moskau dürfte das zumindest vorerst ein Traum bleiben.

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(bp)