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69 Prozent der Deutschen wollen den Religionsunterricht abschaffen

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Mehrheit der Deutschen will den Religionsunterricht abschaffen | Camay Sungu / Reuters
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Die Mehrheit der Deutschen würde den Religionsunterricht an Schulen am liebsten abschaffen und durch einen gemeinsamen Werteunterricht für Schüler aller Konfessionen ersetzen.

Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov hervor. 69 Prozent der mehr als 1000 Befragten würden damit dem Modell folgen, das Luxemburg zu diesem Schuljahr eingeführt hat. 20 Prozent lehnen dieses Modell ab.

Erwartungsgemäß fällt die Zustimmung zum Luxemburger Modell in Ostdeutschland mit 81 Prozent höher aus als im Westen mit 66 Prozent.

Das Luxemburger Modell

Luxemburg bemüht sich seit Längerem, Kirche und Staat stärker zu trennen. Das Fach "Leben und Gesellschaft" ist in allen öffentlichen und staatlich anerkannten Privatschulen Pflicht und ersetzt den Religions- und Ethikunterricht. Lediglich in den Grundschulen soll das Fach erst im kommenden Jahr auf dem Lehrplan stehen.

Privatschulen dürfen zwar Religionsunterricht anbieten, aber lediglich als zusätzliches Wahlfach.

Religionsunterricht im Grundgesetz verankert

In Deutschland ist Religionsunterricht – als einziges Unterrichtsfach übrigens – im Grundgesetz erwähnt. In Artikel 7 Absatz 3 heißt es dazu: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt."

Das heißt: Der Staat hat sicherzustellen, dass die Inhalte des Unterrichts verfassungskonform sind, darf den Religionsgemeinschaften aber ansonsten wenig reinreden. In der Regel bezahlt der Staat auch die Lehrer. Details dürfen die Bundesländer separat regeln.

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Lange war das kein größeres Problem. Ab den 70ern etwa meldeten aber immer mehr Eltern ihre Kinder vom evangelischen oder katholischen Religionsunterricht ab. In den neuen Bundesländern sind Konfessionslose in der Mehrheit. Vergangenes Jahr war bekannt geworden, dass es nirgendwo auf der Welt noch weniger Gläubige gibt.

Die Bundesländer entwickelten deshalb verschiedene Modelle. In manchen ist Ethikunterricht - welchen Namen er auch immer konkret trägt - Ersatz für den konfessionellen Unterricht, in manchen ist Ethik Standard, außerdem gibt es verschiedene Regelungen für verschiedene Altersstufen.

Sowohl Befürworter des konfessionellen als auch des nicht-konfessionellen Unterrichts haben die jeweiligen Regelungen immer wieder kritisiert, oft auch auf dem Rechtsweg.

Deutsche wünschen sich überkonfessionelle Bildung

Der Wunsch nach einem möglichst überkonfessionellen Unterricht spiegelt sich auch in weiteren Ergebnissen der Gougov-Umfrage wider. Wenn schon konfessioneller Unterricht auf dem Lehrplan steht, dann möchten 58 Prozent der Befragten, dass die eigene Religion zwar behandelt wird, aber nicht im Zentrum steht. 60 Prozent wünschen sich stattdessen, dass allgemeine Ethik, Werte und Normen den inhaltlichen Schwerpunkt bilden.

Insbesondere in Ostdeutschland gab es immer wieder Initiativen der Kirchen, den konfessionellen Unterricht aufzuwerten – mit überschaubarem Erfolg.

Bayern will alles beim Alten lassen

In Bayern, wo es nach dem Stand von 2011 - nach dem Saarland - bundesweit am wenigsten Menschen gibt, die weder Christen noch Muslime sind, will die Staatsregierung sich von der aktuellen Stimmung nicht beeinflussen lassen.

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte der Huffington Post, konfessioneller Religionsunterricht "ist für uns in Bayern ein Essential eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses. Er ist unverzichtbar."

Er trage zur Persönlichkeitsentwicklung bei, außerdem zur Allgemeinbildung. Schüler lernten, zu kompetenten Dialogpartner anderer Religionen zu werden. Die jetzige Praxis, nach der Schüler, die keinen klassischen Religionsunterricht wollten, Ethik belegten, werde jedem einzelnen gerecht.

Evangelische Kirche sieht sich bestätigt

Die Evangelische Kirche (EKD) sieht die Umfrage nicht als Angriff - sondern vielmehr als Bestätigung ihrer Arbeit. "Die Umfrage zeigt, dass viele Menschen in der gegenwärtigen politischen Situation erkennen, dass gemeinsame Werte wichtig sind", sagte ein Sprecher der Huffington Post.

Die Deutsche Bischofskonferenz wollte die Umfrage derzeit nicht kommentieren.

UPDATE 29.09.2016:
Der Text wurde um Statements der Kirchen ergänzt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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Hier geht es zur Umfrage.


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(lk)