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Trump gegen Clinton: Warum im heutigen TV-Duell der US-Wahlkampf entschieden werden könnte

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TRUMP CLINTON
Trump und Clinton | AFP via Getty Images
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Normalerweise entscheiden TV-Duelle keine Wahlen.

Sich an etablierte Konventionen zu halten, ist jedoch nicht das Ding von Donald Trump. Die Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten in der Hofstra Universität in New York wird da keine Ausnahme sein.

Die Debatte wird von großer Bedeutung sein. Wie Trump wohl sagen würde: Sie wird "huge“ – also "gigantisch“.

Das 90-minütige Event, das am Montagabend um 21 Uhr Ortszeit startet, wird ein ausschlaggebender Moment im Rennen um den Platz im Weißen Haus. Ein Moment mit vermutlich rund 100 Millionen Zuschauern.

"Die letzte große Hoffnung der Welt"

Es wird aber noch viel mehr sein: nämlich ein entscheidender Test, ob Amerika weiterhin, wie Abraham Lincoln sagte, "die letzte große Hoffnung der Welt“ sein kann. Für die ganze Welt ist die TV-Debatte so von großer Bedeutung.

Amerikaner glauben gerne, dass sie eine Kraft für Frieden und Würde sind. Sie glauben, sie haben die modernen Ideen der Menschenrechte, der Selbstbestimmung und der repräsentativen Demokratie erfunden, dass sie den Kampf gegen totalitäre Systeme im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg gewonnen haben und dass sie zusammen mit anderen versucht haben, einen menschenwürdigen, demokratischen Kapitalismus zu verbreiten.

Was macht also die Welt mit ihrer "letzten großen Hoffnung“, die jetzt ernsthaft verleitet ist, ihr Schicksal einem eingebildeten, moralisch debilen Immobilienunternehmer und Fernsehstar zu übergeben?

Hier ist ein Mann, der stolz auf sein Unwissen ist, der nicht an die Wahrheit gebunden ist, keine politische Erfahrung hat, dem Gesetz zynisch gegenüber steht, sich respektlos gegenüber langjährigen Verbündeten in der Nato und im östlichen Asien äußert und Diktatoren bewundert, der zu rassistischen Kommentaren neigt, sich mit ultrakonservativen Bewegungen verbündet und so streitlustig ist wie ein Straßenschläger.

Mehr zum Thema: "Anne Will"-Talk zu Trump: "Was in den USA passiert, wird auch bei uns geschehen"

Wird es einen amerikanischen "Strongman" geben?

Betreiben die Vereinigten Staaten nach dem Sieg über Kommunismus und totalitäre Systeme jetzt einen fremdenfeindlichen, rassistischen Personenkult, der von Ruhm und sozialen Medien angetrieben wird?

Wird es einen amerikanischen "Strongman" (Anm. d. Red: amerikanisch für "starker Mann" oder Diktator) geben?

Letztlich ist es ein globaler Trend, der von Machthabern wie Vladimir Putin in Russland, Xi Jinping in China, Narendra Modi in Indien und einer Menge von weniger mächtigen Personen, wie Kim Jong Un in Nordkorea, Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Nicolás Maduro in Venezuela getragen wird.

In einem knappen Rennen mit der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schadet Donald Trump nun dieselbe Eigenschaft, die ihn zunächst für misstrauische und agitierende Republikaner so interessant gemacht hat: Seine rücksichtslose Bereitschaft, ethnische Ängste zu entfesseln, die wie ein vergifteter Fluss durch die amerikanische Landschaft fließt.

Die TV-Debatte ist Trumps letzte gute Chance, dieses Image für die acht bis zehn Prozent der Wähler zu ändern, die sich bislang noch nicht entschieden haben.

Unmöglich ist das nicht.

Die erste Debatte ist entscheidend

Trump ist gerissen und anpassungsfähig – ein Meister, die Medien zu benutzen, um sich selbst zu verkaufen – und somit fähig, sich „präsidial“ zu geben. Von Trump wird so wenig erwartet, dass er schnell von denen, die die Debatte als bloßes Pferderennen betrachten, als Gewinner gesehen wird, wenn er sich ruhig und vernünftig verhält und zumindest ein Häppchen von Fachwissen zeigt.

Wenn Trump sich hingegen absichtlich störend verhält, seine Lockerheit verliert, Clinton zu oft attackiert, noch auffälliger lügt als bisher oder ein klägliches Unwissen offenbart, dann – so sollte man meinen – werden sich seine Chancen verschlechtern.

Nach der Debatte am Montagabend wird es noch zwei weitere geben, aber das Interesse und das Publikum nehmen für gewöhnlich nach der ersten Debatte ab.

Wie sind wir an diesen Punkt gekommen, dass ein "Strongman“ eine Chance hat, ins Weiße Haus zu kommen?

Bedrückte Stimmung unter den amerikanischen Wählern


Amerikanische Wähler stecken in einer besonders bedrückten Stimmung. Die Mehrheit der Wähler ist überzeugt, dass ihr Land auf dem falschen Weg ist.

Kein Wunder. In den letzten beiden Jahren waren die amerikanischen Medien voll von Geschichten über Anschläge und soziale Spaltung: tödliche Attacken durch IS-inspirierte Terroristen, die tödlichen Schüsse von Polizisten auf unbewaffnete schwarze Bürger und „Black Lives Matter“-Demonstrationen von Küste zu Küste.

Auch die wirtschaftliche Ungleichheit ist schlimmer geworden. Trump hat damit Missgunst geschürt, während er einen Steuerplan vorgelegt hat, der noch weitere Steuersenkungen für die reichsten Amerikaner vorsieht

Keine Frage, die Wähler mögen in diesem Jahr die Auswahl nicht. Trump und Clinton sind zwei der unbeliebtesten Präsidentschaftskandidaten in der modernen Zeit. Die zerstörerische politische Atmosphäre bevorzugt Wut vor Erfahrung – anders ausgedrückt, sie bevorzugt Trump vor Clinton.

Die Parteien sind demographisch gespalten

Trumps „Amerika Zuerst“-Motto ist verlockend in einem Land, wo die Feindseligkeit gegenüber „Anderen“ und die Geringschätzung von Flüchtlingen und ökonomischen Konkurrenten um sich greift.

Die Parteien spalten sich auch in demographischer Hinsicht immer mehr. Trumps Unterstützer sind meist männlich und weiß in einem Land, dessen Wählerschaft zu rund 70 Prozent weiß ist.

Clinton erhält unter Schwarzen eine Zustimmung von über 95 Prozent, unter lateinamerikanischen Bürgern mehr als 80 Prozent, sowie eine starke Zustimmung unter gut ausgebildeten Amerikanern.

Statistiker bezweifeln, dass Trump genügend Menschen aus der weißen Bevölkerung an die Wahlurnen bringen kann, um zu gewinnen. Andererseits bezweifeln sie aber auch, dass Clinton ausreichend Begeisterung unter jungen Wählern erzeugen kann.

Es ist schwer für eine Partei, die das Weiße Haus seit acht Jahren kontrolliert, eine dritte Wahl in Folge zu gewinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das bislang nur einmal passiert, nämlich 1988 als Vize-Präsident George H.W. Bush Ronald Reagan ablöste und den Demokraten Mike Dukakis besiegte.

George H.W. Bush hatte diese Woche bekannt gegeben, dass er für Clinton stimmen wird. Der beste Moment des ehemaligen Präsidenten war es, eine internationale Koalition aufzubauen, um den damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein aus Kuwait zu vertreiben und dann der Versuchung zu widerstehen, in den Irak einzumarschieren und Hussein zu beseitigen.

In anderen Worten: Bush hatte kein Interesse, einen "starken Mann" zu vertreiben, indem er selbst einer wird.

Dieser Artikel erschien in der Huffington Post USA und wurde von Jan Borner übersetzt.

(lp)