Huffpost Germany

Der Moment, als mir klar wurde, dass mein Sohn keine Freunde hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Es war nur ein Wort, aber es traf Bob Cornelius extrem hart: "Niemand". Denn dieses Wort hatte sein Sohn Christopher auf einen Fragebogen in der Schule geschrieben.

Christopher hatte damit die Frage beantwortet, wer seine Freunde in der Klasse seien. Und die Antwort machte den Vater traurig. Auf Facebook fasste Bob seine Enttäuschung in Worte. Mit einem Facebook-Post, der bereits fast 10.000 Mal geteilt wurde und wohl gerade Eltern von autistischen Kindern aus der Seele spricht.

Darin beschreibt er das Leben mit seinem autistischen Sohn und wie sehr er sich Mitgefühl von anderen Kindern - und deren Eltern - für seinen Jungen wünscht.

Er schreibt:

"'Niemand':

Für alle, die es nicht wissen: Mein jüngster Sohn Christopher ist Autist. Als ich zum ersten Elternsprechtag in die Schule kam, machte ich ein Foto seines neuesten Projekts.

Er und seine Schulkollegen hatten kleine Kärtchen ausgefüllt. Es handelte sich dabei um einen Fragebogen, auf dem die Kinder Fragen über sich selbst beantworteten. Zi ihrem Lieblingsessen, ihrer Lieblingssportart oder Lieblingsserie.

Ich schoss das Foto so schnell, dass ich gar nicht all seine Antworten las. Erst zu Hause nahm ich mir die Zeit, mir das Kärtchen genauer anzusehen.

Erinnert ihr euch an das Foto aus Florida, auf dem sich ein Footballspieler zu einem autistischen Jungen während des Essens setzte. Der Junge aß alleine und der Spieler wusste nicht, dass er Autist war. Er sah nur einen Jungen, der alleine aß – deshalb hat er sich dazu gesetzt.

Ein Lehrer machte ein Foto von diesem Moment und es wurde zum Internet-Hit. Was diese Geschichte so besonders machte: Sie war nicht gestellt. Es war pure Menschlichkeit und Güte.

Die Geschichte ging übrigens so weiter, dass der Junge fortan nicht mehr alleine essen musste. Die anderen Kinder setzen sich jetzt zu ihm, streicheln ihm den Rücken. Der Junge hat jetzt "Freunde“ und die Welt ist wieder in Ordnung.

Etwas, das nicht stimmte, ist jetzt wieder repariert.

"Es ist nicht die Schuld der Kinder - das ist das Traurige"

Aber wo waren diese Kinder, bevor der Junge im Rampenlicht stand? Ich weiß es: Sie waren auch im Foto zu sehen, sie saßen auf den anderen Tischen und haben ihn ignoriert.

Wenn sich der Football-Spieler nicht neben ihn hingesetzt hätte, wäre das Kind niemals in den Nachrichten gelandet. Das Kind würde heute noch alleine sitzen.

Und es ist nicht die Schuld der anderen Kinder... das ist das Traurige daran. Ihnen wurde niemals beigebracht, das Anderssein zu akzeptieren und zu schätzen. Nicht von ihren Lehrern, was sehr schön gewesen wäre, und auch nicht von ihren Eltern. Ich will nicht sagen, dass Eltern, die mit ihren Kindern nicht über so etwas sprechen, böse sind. Aber dass ihnen nie in den Sinn kam, zwischen Arbeit, Fußballtraining und Hausaufgaben einmal das Thema anzusprechen.

Ich bin mir sicher, wenn Christopher typisch wäre (das ist das Wort, das wir anstatt "normal“ benutzen), müsste ich nicht ein solches Gespräch mit ihm führen.

"Er hat noch nie einen Freund gehabt. Noch nie"

Christophers Bruder hat öfter bei anderen Kindern übernachtet und umgekehrt. Und das hat Christopher auch bemerkt.

"Darf ich mal bei jemandem schlafen?“, hat mich Christopher gefragt.

"Na klar, bei wem?". Auf diese Frage hat er nie geantwortet. Stattdessen hat er mit den Schultern gezuckt und Laute von sich gegeben.

Er hat darauf nicht antworten können, weil er mir keinen Namen nennen konnte.

Weil er keinen Freund hat.

Weil er noch nie einen Freund gehabt hat.

Noch nie.

Er ist eben elf Jahre alt geworden.

Und weil er keine Freunde hat, kann er bei niemandem schlafen oder niemanden einladen.

Und ich habe keine Lösung. Ich habe keine Antwort. In Wahrheit muss ich mich nur auf die Höflichkeit anderer verlassen. Dass sie es erkennen und sich neben ihn setzen, sich mit ihm befassen, ihn einbeziehen.

Mein Sohn ist sehr intelligent und hat einen tollen Sinn für Humor. Jeder Erwachsene, der ihn kennen lernt, findet ihn toll. Aber er wird plötzlich seine Arme herumschwingen und laute, komische Geräusche machen. Damit zieht er oft die Aufmerksamkeit auf sich.

Wenn man das nicht gewöhnt ist, dann kann einem das schon peinlich sein. Alle werden nur auf dich schauen. Er wird dir dieselbe Frage fünfzig Mal stellen – binnen kürzester Zeit (sehr oft: "Wann gehst zu schlafen?" und "Wie ist deine Adresse?").

Ich sage den Kellnern im Restaurant immer, dass sie ihm einfach die Adresse des Restaurants nennen sollen. Wenn er einmal eine zufriedenstellende Antwort bekommen hat, gibt er eigentlich immer Ruhe.

"Es geht um Empathie, Verständnis und Güte"

Wie gesagt, ich finde keine Lösung für dieses Problem. Am Ende geht es nur um Verständnis, Empathie und Güte.

Aber vor allem Empathie. Nicht von euch, sondern von euren Kindern. So weit ich weiß, waren die Schulkollegen (mit Ausnahme von einem Mal) nie böse zu Christopher. Aber sie haben ihn ausgeschlossen. Und ehrlich gesagt, verstehe ich das.

Seine Klassenkameraden sind auch etwas zurückgeblieben in der Entwicklung, aber nicht so stark wie Christopher. Sie müssen jeden Tag neue Wege finden, zu interagieren. Und weil es mit Christopher besonders schwer ist, weil er eben nicht typisch ist, wird er zurückgelassen... ausgeschlossen.

Bis Donnerstag wusste ich nicht, wie einsam er ist. Er spricht ja nicht oft darüber. Das hätte mich nicht überraschen sollen, da er sehr deutlich sagt, was er will (aber nicht, was seine emotionalen Bedürfnisse sind)... ich war trotzdem überrascht.

Weil ich es bis dahin nicht schwarz auf weiß auf Papier gesehen habe. Und jetzt hatte ich es vor mir.

"Er will ein Teil der Gruppe sein".

Ich teile das mit euch, weil er in der Schule gebeten wurde, seine Freunde aufzuzählen – und er "niemand“ geschrieben hat. Nie taten Buchstaben mir so weh – obwohl sie gar nicht an mich gerichtet waren. Sein Statement war simpel und kurz, aber es sprach Bände.

Weil ich ihn so gut kenne und weil ich nach elf gemeinsamen Jahren ziemlich gut mit ihm umgehen kann, weiß ich auch, dass er darunter leidet, keinen Anschluss zu finden.

Normalerweise muss ich überlegen, was Christopher mir wirklich sagen möchte. Er spricht nicht sehr emotional. Sehr schwarz und weiß.

Aber diesmal musste ich keine Sekunde darüber nachdenken.

Ich bemerkte sofort, wie gerne er ein Teil der Gruppe wäre, aber es fällt ihm unheimlich schwer.

"Sprecht mit euren Kindern darüber"

Die einzige Lösung, die ich dafür finde: Ich teile die Geschichte mit euch und hoffe, dass ihr mit euren Kindern darüber sprecht.

Bitte sagt ihnen, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen viel mehr verstehen, als wir ihnen manchmal zutrauen. Sie bemerken, wenn andere sie ausschließen.

Sie bemerken es, wenn man sich hinter ihrem Rücken über sie lustig macht. Manchmal nicht nur hinter ihrem Rücken, sondern auch genau vor ihnen, weil Kinder denken, dass jemand, der anders ist, es nicht bemerkt.

Aber meistens bekommen sie es sehr wohl mit, wenn sie anders behandelt werden.

Glaubt mir, es tut ihnen weh. Auch wenn es euch und mir nicht auffällt.

Deshalb bitte ich euch alle hier um zwei Gefallen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Erstens: Teilt diese Geschichte mit anderen. Aufmerksamkeit und Empathie sind die einzigen Lösungen, die ich für dieses Problem finde.

Zweitens: Sprecht mit euren Kindern. Zeigt ihnen das Video des Football-Spielers. Das Internet ist voll von schönen Geschichten über Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die integriert werden.

Erinnert ihr euch an den Jungen, der in den letzten Minuten des Basketball-Spiels auch mitmachen durfte? Erst vor kurzem gab der Ballkönig seine Krone einem Klassenkameraden mit einer Behinderung.

"Er möchte erhört werden, auch wenn er es selbst nicht sagen kann."

Diese Geschichten sind in den Nachrichten, weil sie besonders sind. Über Kinder, die sich wie Kinder neben denen benehmen, die besonders und anders sind, wird nicht berichtet.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass dieser Post die Welt verändert. Doch wenn ich euch damit dazu bringe, mit euren Kindern über Mitgefühl zu sprechen, über die Integration jener, die etwas anders sind – vor allem, wenn es gegen die Meinung einer Gruppe geht, wenn es nicht cool ist (ich bin noch nicht zu alt zu wissen, dass das in der Schulzeit nicht so einfach ist) – dann fühle ich mich, als wenn ich den Hilfeschrei meines Sohnes ernst genommen hätte.

Denn auch wenn er es nie sagen würde: Er möchte gerne dazugehören.

Er möchte erhört werden, auch wenn er es selbst nicht sagen kann.

Und jemand muss ihm dabei helfen, es auszusprechen.

Und dieses Kind wird auf ihn zukommen, mit ihm sprechen, ihm helfen, ein Teil der Gruppe zu werden. Es wird das gütigste aller Kinder sein.

Und dieses Kind wird Christophers erster Freund.

Danke fürs Lesen.

Alles Liebe,
Christophers Vater

Auch auf HuffPost:

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(lk)