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Pfefferspray-Eklat bei dm: Das ist der wahre Grund, warum der Drogeriemarkt Reizgas verkauft

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DM DROGERIEMARKT
ASSOCIATED PRESS
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  • Seit einigen Monaten hat dm Pfefferspray im Sortiment - offiziell zur Tierabwehr
  • Nach Recherchen der Huffington Post befürwortete ausgerechnet Unternehmensgründer Götz Werner die Einführung
  • Vieles deutet darauf hin, dass die Aufnahme des Sprays ins Sortiment aufgrund der Silvester-Übergriffe erfolgt ist
  • Intern sorgte die Einführung des Produkts für Riesen-Zoff

Es ist eine Erfolgsgeschichte für Deutschlands größte Drogeriekette, zumindest aus finanzieller Sicht: Seit Juni bietet dm in seinen Geschäften Pfefferspray an. Und bereits Anfang September jubelte dm-Konzernchef Erich Harsch in der "Bild", dass die Nachfrage deutschlandweit so unerwartet hoch sei, "dass nicht wenige Märkte derzeit keinen Bestand mehr haben".

Das Unternehmen spricht von einem "Tierabwehrspray“, nach dem es „vermehrt Anfragen“ gegeben habe. "Wir wollen den Menschen, die sich vor Tierangriffen ängstigen, entgegenkommen“, begründet die Firma auf Facebook die Einführung gegenüber einem verständnislosen Kunden. Und in seinem Online-Shop wirbt das Unternehmen seit Mai, das Produkt sei "gegen alle Arten von Tieren geeignet“.

Gab es eine plötzliche Häufung von Wolfs-Attacken?

Doch muss man sich in Deutschlands Städten tatsächlich vermehrt vor Attacken von Hunden oder gar wilden Wölfen und Bären schützen? Oder hat die Einführung in Wahrheit andere Gründe?

Ein Unternehmens-Insider versichert gegenüber der Huffington Post, die Tierabwehr sei keineswegs der Grund für die Aufnahme von Pfefferspray in das Sortiment gewesen. Und aus Belegschaftskreisen heißt es, dass für die Einführung des Produkts, vor dessen Kauf zuletzt sogar das Landeskriminalamt Hessen warnte, wohl die Silvester-Sexübergriffe ursächlich gewesen seien.

Dm will sich zu der Frage, ob die Silvester-Übergriffe der Grund für die Einführung waren, nicht äußern. Doch das, was der für Produkt-Beschaffung zuständige dm-Geschäftsführer Sebastian Bayer auf Anfrage mitteilt, deutet darauf hin, dass es wohl nicht um Tier-Attacken ging.

"Zu Beginn dieses Jahres haben mehrere Kunden nachgefragt, ob wir Tierabwehrspray anbieten. Wir haben uns daraufhin mit dem Thema beschäftigt und bereits am 18. Februar 2016 den Auftrag an den Lieferanten erteilt“, so Bayer in seiner umfangreichen Stellungnahme.

Der zeitliche Zusammenhang zu den Silvester-Übergriffen ist offensichtlich. Dazu passt auch, dass Bayer bereits im August erklärt hatte, die Nachfrage der Kundinnen spiegele offenbar "ein gewachsenes Sicherheitsbedürfnis“ wider.

Aber wie passt es zusammen, wenn ein von einem Anthroposophen gegründeter Drogeriemarkt, der ansonsten Seife und Windeln vertreibt, plötzlich etwas an Jugendliche verkauft, das nicht wenige als Waffe bezeichnen.

Aus Sicht von Unternehmensgründer Götz Werner anscheinend gut. Denn nach Recherchen der Huffington Post befürwortete ausgerechnet der als Humanist gefeierte Werner, der 35 Jahre lang den Drogeriemarkt leitete, die Einführung von Pfefferspray.

Werner setzte sich sogar massiv für das umstrittene Produkt ein.

Ein Produkt, das gegen Menschen nur mit Sondergenehmigungen, wie sie Militär und Polizei haben, eingesetzt werden darf.

Wenn Pfefferspray nicht als "Tierabwehr-Spray“ gekennzeichnet ist, unterliegt es dem Waffengesetz. Sogar der Kleine Waffenschein wird dann laut Juristen für das Mitführen des Produkts in der Öffentlichkeit benötigt.

"So etwas sollte wegen des hohen Verletzungsrisikos für sich und Unbeteiligte nur mit Beratung im Fachgeschäft gekauft werden“, sagt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Doch zuletzt schwärmten selbst Schulmädchen bei Twitter vom "Pfefferspray in der Drogerie“ als Handtaschen-Must-Have.

Wie passt das zu dem vor allem bei Müttern beliebten Drogeriemarkt dm und seinem langjährigen Chef Götz Werner, der gerade erst vom Deutschlandradio als "Kämpfer für einen humanen Kapitalismus“ tituliert wurde?

Ausgerechnet Werner soll sich bei einer dm-Führungskräftekonferenz im April für das Pfefferspray ausgesprochen haben, wie Teilnehmer gegenüber der Huffington Post berichten.

Die Drogeriemarktkette betont zwar, dass man den Auftrag an den Lieferanten bereits im Februar vergeben habe, also deutlich vor der sogenannten Impulskonferenz.

Doch dm-Geschäftsführer Bayer bestätigt der Huffington Post, dass Drogerie-Legende Werner in Karlsruhe tatsächlich die Aufnahme von Pfefferspray in das Sortiment gegen unternehmensinterne Kritik gerechtfertigt hatte.

dm-Führung: "Götz Werner gehörte zu den Befürwortern des Angebots"

Die Einführung des Produkts hat auch firmenintern für heftige Diskussionen gesorgt. Dm-Mann Bayer sagt der Huffington Post: In der Folge der Auftragsvergabe Mitte Februar hätten „einige Kolleginnen und Kollegen zu verschiedenen Anlässen das Für und Wider diskutiert“. Auch bei der Führungskräftetagung im April, also zwei Monate nach der Auftragserteilung, sei darüber informiert worden.

"An dem anschließenden Meinungsaustausch beteiligt war auch Professor Götz Werner. Er gehörte zu den Befürwortern des Angebots und begründete dies damit, dass seine Tochter sich bei ihrem Aufenthalt im Irak wesentlich sicherer gefühlt habe und er deshalb verstehe, wenn Frauen das Tierabwehrspray mit sich führen wollen, um sich in der Not wehren zu können“, teilt Bayer mit.

Andere Diskussionsteilnehmer hätten berichtet, dass sie sich beim Joggen sicherer fühlten. "Es gab wie bei jeder Diskussion auch kritische Stimmen, in Summe war die Zahl der Befürworter deutlich größer“, erinnert sich Bayer. Doch mancher dm-Mann ist bis heute empört.

Zuletzt häufen sich offenbar grundlose Attacken mit Pfefferspray

Auf die Rede Werners beim Impulsforum kann die Bestellung von Pfefferspray durch dm zwar nicht zurückgehen – dies wäre vom zeitlichen Ablauf schlicht nicht möglich. Doch zu der Frage, ob Götz Werner bei der offenbar in den ersten Jahres-Wochen getroffenen Entscheidung, Pfefferspray zu listen, mit einbezogen war, äußerte sich der Konzern nicht.

Klar ist: Werner ist nach wie vor Mitglied des dm-Aufsichtsrats. "Und natürlich hat sein Wort noch immer Gewicht“, sagt ein Arbeitnehmervertreter.

2008 verlieh der Bundespräsident Werner sogar das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, das extrem selten vergeben wird. Doch sein Konzern hat der Gesellschaft mit der Pfefferspray-Einführung möglicherweise einen Bärendienst erwiesen: Recherchen der Huffington Post zeigen, dass es in den vergangenen Wochen und Monaten eine große Zahl an grundlosen oder überzogenen Einsätzen von Pfefferspray gab.

Mädchen und Rentnerinnen nutzen das Spray

Ende August versprühten vier Mädchen in einem Restaurant in Landshut Pfefferspray. Sechs Menschen wurden verletzt, darunter ein zweijähriges Kind.

Und erst vor zwei Wochen versprühte ein 15-jähriges Mädchen auf einer Kirmes in Wesel grundlos Pfefferspray und verletzte damit mehrere Menschen.

Besonders oft wird das Spray bei Volksfesten eingesetzt. In Waldbronn verletzte Anfang September ein Mann 18 Menschen mit Pfefferspray.

Seitdem ermittelt die Polizei wegen Körperverletzung. Und gerade erst verletzte ein Mädchen auf einem Moerser Jahrmarkt mit dem Reizgas zehn Menschen.

In einem bayerischen Schnellrestaurant versprühten Teenager Pfefferspray, offenbar böswillig.

Doch manchmal ist schlicht Schusseligkeit die Ursache: Mehrere lästige Wespen umkreisten zuletzt in einer Nürnberger Bäckerei immer wieder das Rührei einer Rentnerin. Die 72-Jährige wollte sich dies nicht gefallen lassen und sprühte kurzerhand mit Pfefferspray. Eine Reizgaswolke verteilte sich in der Bäckerei. Ein 47-jähriger Gast erlitt in der Folge einen Asthmaanfall, musste gar ins Krankenhaus gebracht werden.

Obwohl das Spray in dieser Situation anders als in zahlreichen weiteren Missbrauchsfällen der vergangenen Wochen tatsächlich gegen Tiere eingesetzt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung.

In vielen Städten wie Berlin, Mainz, Ludwigsburg, Sehnde nahe Hannover, Gütersloh oder Neu-Ulm beschäftigen die Folgen von Pfefferspray-Einsätzen die Polizei. In der bayerischen Stadt attackierte eine 24-Jährige bei einem verbalen Streit plötzlich eine Hochschwangere mit der extrem scharfen Substanz.

Oft reichen Banalitäten wie etwa bei einem Nachbarschaftsstreit unweit des Tegernsees aus, damit einer der beiden Kontrahenten plötzlich das Spray zückt. Teils griff die Polizei wie zuletzt in Magdeburg sogar Kinder mit dem Reizgas auf.

Nicht wenige Menschen hierzulande decken sich auch im Internet mit Pfefferspray ein, doch die Signalwirkung, wenn das Produkt im selben Geschäft wie Windeln und Babybrei angeboten wird, könnte fatal sein.

Konkurrent Rossmann ist gegen den Spray-Verkauf

Wohl auch deshalb lehnt eine andere für das soziale Engagement des Gründers bekannte Drogeriekette den Verkauf von Pfefferspray ab. Wer Schlagstöcke oder Pfefferspray suche, solle eher in den Waffenhandel gehen, wo er auch beraten werde, heißt es bei dm-Konkurrent Rossmann.

"Bei uns gibt es keine Schlagstöcke, keine Pistolen und auch kein Pfefferspray, solche Produkte überlassen wir lieber dem Fachhandel”, sagte ein Unternehmenssprecher. Er verwies zugleich darauf, dass es sich bei dem offiziell zur Abwehr von aggressiven Tieren gedachten Spray "im Grunde um ein Menschenabwehrspray” handele.

Dm-Mann Bayer hält dagegen: "Kritik erleben wir nicht von denen, die sich schützen wollen, sondern von denen, die eigene Interessen schützen wollen."

Doch auch die Kritik von Sicherheitsexperten war zuletzt massiv. Kein Wunder: Selbst Polizisten müssen den Einsatz an Dummies üben, bevor sie es benutzen dürfen, denn das Selbstverletzungsrisiko ist hoch. Wissen das dm und Götz Werner, der über die dm-Pressestelle zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar war, nicht? "Wer glaubt, er oder sie sei sicher, weil Pfefferspray in der Tasche ist, der irrt", sagt Wolfgang Schönwald von der Gewerkschaft der Polizei.

Ein gefährliches Spray wird zum Trendprodukt

Dennoch scheint es zunehmend bei jungen Frauen zum Trend-Produkt zu werden. Sogar pinkes Pfefferspray mit dem Namen “Lady Pink Schutzengel” bietet ein Hersteller an.

Der Konzern lasse sich auf ein “Geschäft mit der Angst ein”, schrieb die SZ zuletzt.

Offenbar auch der Angst vor Flüchtlingen.

Bezeichnend ist das Lob eines dm-Kunden bei Facebook. “Ich finde eure Reaktion toll dm-drogerie markt Deutschland! Viele andere knicken bei einem Hauch von Gegenreaktion der Linksgrünen sofort ein”, schreibt er.

Den ersten Übergriff mit Pfefferspray auf Flüchtlinge gab es jedenfalls bereits.

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