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Sebastián Marroquín packt aus: Diesen Ratschlag gab mir mein Vater Pablo Escobar

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Sein Vater beherrschte jahrelang das internationale Drogengeschäft, hat Abertausende Menschen auf dem Gewissen und kam 1993 bei einer Verfolgungsjagd uns Leben.

Sein Vater war Pablo Emilio Escobar Gaviria.

Wie geht ein Mensch mit so einer Familiengeschichte um? Die Huffington Post hat mit Sebastián Marroquín gesprochen, dem Sohn des gefürchteten Drogenbosses.

Marroquín lebt heute in Buenos Aires und arbeitet als Architekt. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los. Über seine Erlebnisse, Erinnerungen und Ratschläge seines Vaters hat die Huffington Post exklusiv mit Marroquín gesprochen.


Huffington Post: Die ganze Welt kennt Sie als Sohn von Pablo Escobar, aber wer ist eigentlich Sebastián Marroquín?

Sebastián Marroquín:
Er ist einer der mehr als fünf Millionen Kolumbianer, die das Land aufgrund der herrschenden Gewalt verlassen mussten. Und ihre Identität ändern mussten, um das Recht auf Leben und Bildung zu bewahren. Er ist Architekt, Unternehmer, ein Mann, der für den Frieden steht und Familienvater. Das ist Sebastían Marroquín.

HuffPost: Wie viel von Pablo Escobar steckt in Sebastián?

Sebastián Marroquín:
Hundert Prozent. In Wirklichkeit hat sich nichts geändert außer der Name. Ein Dokument. Eine Formalität. Diese Veränderung in meinem Ausweisdokument bewirkt nicht, dass ich meinen Vater nicht mehr anerkenne oder liebe. Sie war lediglich eine Notwendigkeit, die uns das Leben rettete.

HuffPost: Ihre Mutter und Ihre Schwester erscheinen nicht in den Medien. Sie wurden stattdessen zur öffentlichen Stimme Ihrer Familie, warum?

Sebastián Marroquín: Ich wollte das so. Ich hätte auch einen anderen Weg wählen können, zum Beispiel den der Schweigsamkeit, oder ich hätte mich in Pablo Escobar 2.0 verwandeln können. Ich habe mich aber dazu entschieden, Architekt zu werden. Ich habe den Weg des Friedens gewählt, den Weg der Vergebung, um mich bei all den Personen, mit denen mein Vater in Konflikt stand, zu entschuldigen und mich mit ihnen auszusöhnen. All dem habe ich in den letzten Jahren mein Leben gewidmet.

HuffPost: Was war der beste Ratschlag, den Ihnen Ihr Vater gegeben hat?

Sebastián Marroquín: „Tapfer ist, wer der Versuchung widersteht“, sagte er zu mir über die Drogen. Er war sich des Gifts, das er verkaufte, sehr bewusst, und er wollte nicht, dass sein Sohn es ausprobierte.

HuffPost: Wie hat es Sie beeinflusst, umgeben vom Drogenhandel aufzuwachsen?

Sebastián Marroquín: Ich bin inmitten von Kriminellen groß geworden. Heute bin ich ein friedlicher Mann. Ich glaube, weil ich in dieser Situation aufgewachsen bin, verstehe ich viel besser die Konsequenzen von Kriminalität und den Schmerz, den sie verursacht – egal, ob den Täter selbst trifft, uns oder das Volk. Das wirkte wie ein Spiegel, in dem ich das Gesicht einer Person sehen konnte, in die ich mich nicht verwandeln wollte.



HuffPost: Welches Verhältnis haben Sie zu Drogen?

Sebastián Marroquín: Ein sehr respektvolles. Sie haben in Kolumbien und ganz Lateinamerika viel Schaden angerichtet. Das Verbot von Drogen und nicht die Substanzen selbst haben zu Krieg, Korruption und Verletzung der Menschenrechte geführt. Das Ganze wurde befeuert von der Nachfrage der Konsumenten und Gier nach Macht.

Das hat sich selbst 20 Jahre nach dem Tod meines Vaters nicht geändert. Das ganze System funktioniert noch genauso wie damals, das Geschäft wird ausgetragen auf den Rücken der kleinen Drogenhändler, die getötet oder entführt werden.

Der Drogenhandel ist ein menschliches Drama, dass sich weder mit Waffengewalt noch mächtigen Anti-Drogen-Gesetzen bewältigen lässt. Das einzige, was diese Methoden garantieren, ist eine Verschlimmerung des Problems.


HuffPost: Im Jahr 2000 mussten Sie und Ihre Mutter Argentinien verlassen, weil Sie beschuldigt wurden, Geld zu waschen, das aus Drogengeschäften stammt. Obwohl Sie später freigesprochen wurden, verbrachte Ihre Mutter zwei Jahre im Gefängnis. War das für Sie der schwierigste Moment seit dem Tod Ihres Vaters?

Sebastián Marroquín: Wir haben uns zwar eine ganz schön dicke Haut zugelegt, aber das war ein schwerer Schlag, weil wir zu diesem Zeitpunkt ja schon seit fünf Jahren nicht mehr in Kolumbien gelebt haben.

Ich hatte mein Studium schon beendet, war berufstätig, hatte ein komplett anderes Leben begonnen, fern von allem, was mit Pablo Escobar verbunden war. Dann plötzlich von der Polizei verhaftet zu werden und all die mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, belastet enorm.

In so einem Moment fragt man sich: Lohnt es sich wirklich, alles auf sich zu nehmen, um dieses anständige Leben zu führen, wenn man am Ende trotzdem im Gefängnis landet? Es wirkt, als wäre der Preis für ein gesetzeskonformes Leben das Gefängnis. Man stellt sich plötzlich viele solcher Fragen.

HuffPost: Ihr Vater war sehr vermögend und verfügte über große Besitztümer, die nach seinem Tod an den Staat übergingen. Große Teile seines Privateigentums sind mittlerweile Ruinen. Obwohl einige seiner Anwesen, wie die berühmte Hacienda Nápoles, an Unternehmen verkauft wurden, um Vergnügungsparks aus ihnen zu machen.

Was glauben Sie, was mit dem Erbe Ihres Vaters geschehen sollte?

Sebastián Marroquín: Es sollte an die Opfer vermacht werden und nicht an die Politiker. Man sollte herausfinden, was auf diesen Grundstücken passiert ist, die meinem Vater abgenommen wurden.

Ich garantiere Ihnen, nicht eine einzige Seele der Opfer meines Vaters wurde repariert mit dem Geld, das der kolumbianische Staat konfisziert hat und das nun in den Händen der Politiker liegt.

In diesem Krieg hat die eine Bande das gesamte Geld der anderen gewonnen. Es wurde aber nicht genutzt, um den Opfern zu helfen.

HuffPost: Obwohl Ihre Schwester niemals für die Taten Ihres Vaters verantwortlich gemacht wurde, wirkt es so, als würde Kolumbien Sie da ganz anders beurteilen.

Sebastián Marroquín: Das erscheint mir logisch, denn als mein Vater starb, habe ich den großen Fehler begangen, dem Land zu drohen, seinen Tod zu rächen.

Die Menschen erinnern sich an mich in Verbindung mit diesem Akt der Verzweiflung kurz nach dem Tod meines Vaters. Sie vergessen aber das zweite Versprechen, dass ich direkt danach gab: Dass ich mich weiterbilden, dass ich zur Ausbildung meiner Familie beitragen und mich dem Frieden des Landes widmen wollte.

Das sind die Themen, denen ich mich seit Jahren widme. Aber es gibt immer noch einige, die mich nur von den Drohungen kennen, die ich vor über zwei Jahrzehnten ausgesprochen habe. Die Zeit, in der wir uns anständig und gesetzeskonform verhalten haben, zählt nicht.

HuffPost: Wäre es möglich gewesen, dass Sie die Drohungen umgesetzt hätten?

Sebastián Marroquín: Zweifellos. Ich glaube aber, dass die Menschen mit der Zeit verstanden haben, dass sowohl meine Schwester als auch ich für unsere eigenen Taten einstehen und nicht die unseres Vaters.

Ich habe meine eigene Schuld zugegeben. Als ich aufhörte, mich für die Taten meines Vaters verantwortlich zu fühlen, hat mir das ermöglicht, endlich die Versöhnung zu suchen.

Ich trage die moralische Verantwortung für seine kriminellen Taten, weil es sonst niemand tut und ich glaube, diese Verantwortung gehört zu mir. Ich bin ein friedlicher Mann und das merkt man. Wenn das nicht so wäre, wäre ich heute tot.

HuffPost: Sie behaupten, dass „Versöhnung“ ein Begriff sei, den die Kolumbianer üblicherweise nicht kennen und schreiben in Ihrem Buch, dass Sie und Ihre Mutter mit dem Leben davongekommen seien, weil Sie Frieden mit den anderen Kartellen geschlossen hätten.

Nun steht das Ende eines anderen großen Krieges, den Kolumbien geführt hat, in Sicht: der Friedensvertrag mit der FARC. Wie beurteilen Sie diesen Prozess aus Ihrer Erfahrung?

Sebastián Marroquín: Darüber kann ich nicht allzu viel sagen, weil ich die Umstände nicht so genau kenne. Worüber ich jedoch sprechen kann, ist der Friede, den wir mit allen Drogenkartellen Kolumbiens geschlossen haben.

Nach dieser Erfahrung bin ich mir sicher, dass wir Kolumbianer fähig dazu sind, friedlich miteinander zu leben. Auch die blutrünstigsten Menschen werden der Gewalt und des Krieges irgendwann überdrüssig.

Wir haben den Frieden zu absolut ungleichen Konditionen verhandelt, zu unserem Nachteil, und trotz widriger Umstände schätzen wir ihn. Wir sind zu einem Schluss gekommen, der vielen unsinnig erscheinen mag, es aber nicht ist: Frieden ist günstig, egal welchen Preis er gekostet hat.

Das ist es, was die Kolumbianer noch nicht verstanden haben. Die enorme Bedeutung des Friedens und die Möglichkeiten, die entstehen, wenn ein Land sich friedlich entwickeln und wachsen kann. Seit über 50 Jahren bringt einer den anderen um.

Das Wort „Versöhnung“ kennt der Kolumbianer nicht, es ist nicht Teil unserer Kultur. Viele kritisieren das, aber es ist nicht einfach, Frieden zu schließen. Krieg zu führen ist feige, Frieden zu schließen hingegen mutig.

HuffPost: Es gibt vielen Mythen und Legenden über Ihren Vater: Zum Beispiel, dass er an zahlreichen geheimen Orten Geld versteckt und so ein ganzes Vermögen vergraben hätte. Oder die ungeklärten Umstände seines Todes sowie sein exzentrischer Lebensstil – was davon stimmt?

Sebastián Marroquín: Ich habe schon alles mögliche über ihn gehört. Die unglaubwürdigsten und dramatischsten Anschuldigungen, aber auch die gewissen. Die Legende, die mir am meisten gefällt, ist, dass er lebt. Sicherlich ist er bei Elvis und sagt ab und zu: „Sing mir was vor.“

Dieser Text erschien in Zusammenarbeit mit der Huffington Post Spanien. Das Interview mit Sebastián Marroquín wurde von Agatha Kremplewski aus dem Spanischen übersetzt.

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(lp)