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In dieser Stadt leben Menschen frei von Geld, Religion und Einfluss der Regierung – so funktioniert es

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AUROVILLE
In dieser Stadt leben Menschen frei von Geld und Einfluss der Regierung – so klappt es | Getty
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Eine Jugend, die niemals altert. Eine Stadt, die niemandem gehört. Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. All das, es klingt wie der Plot eines fantastischen Romans.

Doch die utopisch anmutende Vision entstammt einem anderen Schriftstück: der Gründungsurkunde der Stadt Auroville in Indien. In dieser 1968 geplanten Siedlung leben derzeit offiziell etwa 2000 Menschen - ohne Geld oder eine Regierung, die ihnen reinredet. In Gebäuden, die aussehen als seien sie einem Tim-Burton-Film entsprungen.

"Eine neue Stadt für die Zukunft" sollte durch Auroville entstehen. Doch wie funktioniert das Projekt in der Praxis?

Gründung durch spirituelle Führerin

Um das zu verstehen, muss man in der Zeit zurückgehen. Auroville geht auf die Idee der Französin Mirra Alfassa zurück. In den 1930er-Jahren führte sie zusammen mit dem Inder Sri Aurobindo eine spirituelle Bewegung an, die besonders im Süden Indiens viele Anhänger fand.

Die Idee zu Auroville erwuchs so aus dem spirituellen Streben nach menschlicher Einheit. Auch deshalb sollte die Stadt ein Ort der Internationalität sein – keine rein indische Gemeinschaft.

Das Konzept einer "universellen Stadt" fand sogar bei den Vereinten Nationen Zuspruch: 1966 beschloss die Unesco, die Gründung der Stadt zu unterstützen. Menschen aus 45 Nationen leben mittlerweile hier, darunter etwa 200 Deutsche.

Eine Stadt "für die gesamte Menschheit"

1968 wurde Auroville formal gegründet. Der französische Architekt Roger Anker plante die spiralförmig angelegte Siedlung, die einer Galaxie ähneln soll und in ihrem architektonischen Aufbau andere "wunderbare Städte, in denen Leute nach einem harmonischeren Leben streben" inspirieren soll, wie es auf der Webseite der Stadt heißt.

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Die grundlegenden Prinzipien von Auroville sind einfach: Die Stadt soll der "gesamten Menschheit" gehören und es gibt keine Religion, doch die Bewohner berufen sich auf die spirituelle Existenz des Göttlichen.

Bildung ist in Auroville umsonst, die Bürger sollen ihr Leben lang lernen. Architekten, Techniker und Künstler arbeiten an Ideen, um das Zusammenleben der Zukunft – über die Grenzen der Stadt hinaus - zu verbessern. Zudem steht alles im Zeichen der Nachhaltigkeit: Es gibt Solar-Küchen, viele Bürger bauen ihre Nahrung selbst an.

Die Sache mit dem Geld

Bargeld soll es nicht geben. Besucher der Stadt bekommen eine Karte, die sie zum Bezahlen von Waren und Dienstleistungen benutzen können, die Einwohner erhalten - dafür, dass sie sich in verschiedener Weise in die Gemeinschaft einbringen – eine Art Grundeinkommen, mit dem sie ihren Unterhalt bestreiten.

Finanziert wird das Ganze durch Spenden, die die Auroville-Stiftung sammelt, sowie durch Subventionierung durch die indische Regierung, die jährlich umgerechnet etwa 180.000 Euro in das Projekt pumpt.

Doch abseits aller utopischen Vorsätze: Die Idee der geldlosen Gesellschaft funktioniert in der südindischen Siedlung bei weitem nicht problemlos.

Zum einen liegt das an der Intransparenz der Stiftung, die etwa die Hälfte des Landes besitzt, auf der Auroville gebaut wurde. Eine Reporterin des Nachrichtenmagazins "Slate" versuchte, die Geschäfte hinter der Fassade der antikapitalistischen Enklave zu verstehen – und scheiterte.

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Eine Bewohnerin berichtete ihr: "Ich habe meine Wohnung vor fünf Jahren für umgerechnet 48.000 US-Dollar gekauft. Später habe ich ein Bild meines Hauses in einem Architekturmagazin gefunden. Dort stand, es wurde für 20.400 US-Dollar verkauft. Ich weiß nicht, wohin das Geld geflossen ist, ich weiß nicht, wer das Vermögen kontrolliert.“

Zudem funktioniert auch die ambitionierte Idee von Selbstversorgung und Grundeinkommen nur bedingt: Viele der Einwohner sind aus anderen Ländern zugezogen, leben in Auroville von Ersparnissen aus der Vergangenheit. Die meisten von ihnen fliegen in den heißen Sommermonaten in ihre Heimat – um dort Geld zu verdienen, um sich das alternative Leben in Utopia leisten zu können.

"Slate“ kommt zu dem Schluss: Auroville hat sehr viel Geld. Aus Spenden, dem Geld, dass die Einwohner für ihre Häuser zahlen müssen und staatlichen Subventionen. Die Bürger dagegen leben zumindest teilweise in finanzieller Sorge.

Ein Zustand, der dem Konzept der geldlosen Gesellschaft widerspricht. Ohnehin scheint die Idee mit dem Geld in Auroville zu verwässern. Die Reporterin berichtet, bei ihrem Besuch sei sie in einer Großzahl der Läden aufgefordert worden, mit Bargeld zu bezahlen – statt mit der eigentlich gängigen "Aurocard".

Auch die Idee des harmonischen Zusammenlebens hinkt

Das Wahrzeichen von Auroville is der Matrimandir. Ein golfballähnlicher Tempel im Zentrum der Enklave. Hierher kommen die Bewohner, um zu meditieren. Das Gebäude ist ein Symbol des harmonischen Lebens.

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Doch auch dieses droht in der südindischen Stadt zur Illusion zu verkommen, wenn man Berichten aus dem Inneren von Auroville glaubt.

Eine Kanadierin erzählt "Slate": "Wenn man beginnt, an der Oberfläche der Stadt zu kratzen, merket man, dass es deutlich hässlicher ist, als von außen." Die Realität sei eine ganz andere, sobald man ein Teil der Gemeinschaft sei.

Und tatsächlich: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Nachrichten von Mordfällen, Suizid und Gewalt in der vermeintlich friedlichen Siedlung.

Die Zeitung "The New Indian Express" schrieb bereits 2013, "die Sicherheit von Frauen in Puducherry und Auroville ist zu einer großen Frage geworden, nachdem zahlreiche Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigungen in der Region gemeldet wurden."

Eine weitere Frau berichtet gegenüber "Slate" von mangelndem Gemeinschaftsgefühl zwischen den Bewohnern: "Ich habe mir meinen Arm gebrochen und ein Freund musste aus Pune (Stadt im Osten Indiens, Anm. d. Red.) her fliegen, um mir zu helfen."

Testfläche für viele wichtige Ideen

Trotz der Probleme: Es gibt genügend Menschen, die in Auroville noch immer einen wichtigen Gegenentwurf zur durchgetakteten und –kapitalisierten Gesellschaft sehen. Der Deutschlandfunk sprach mit dem Einwohner Gilles Guigan.

Er sagt: "Wenn es Auroville nicht gäbe, man müsste es erfinden." Er sei immer glücklich dort, habe seine Entscheidung in die Enklave zu ziehen nie bereut. Guigan erklärt: "Es ist ein Labor, um eine individuelle und kollektive Transformation zu entwickeln."

Viele Künstler und Freigeister scheinen in de Stadt so ihre Heimat gefunden zu haben.

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So ist die Frage, ob das Konzept von Auroville funktioniert, wohl auch eine Frage des Betrachtungswinkels. Die Ideen von Nachhaltigkeit und Selbstverwaltung, von freier Bildung und Experimentiergeist werden hier noch immer hochgehalten.

In vielerlei Hinsicht ist Auroville so sicherlich eine Testfläche für Konzepte, die auch anderswo in der Welt zu einer ernsthaften Option werden könnten. Probleme inklusive.

Aber auch das gehört zum "lebenslangen Lernen".

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(lk)