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Ex-Familienministerin Schröder kritisiert Flüchtlingsdebatte: "Brauchen in der CDU einen anderen Sound" (EXKLUSIV)

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KRISTINA SCHROEDER
Ex-Familienministerin Schröder fordert anderen Ton in Flüchtlingsdebatte: "Das ist der Sound des linken Lagers, nicht der CDU" (EXKLUSIV) | Michael Gottschalk via Getty Images
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Sie kennt die CDU wie kaum eine andere Politikerin in ihrem Alter: Kristina Schröder war gerade mal 25, als sie als Abgeordnete in den Bundestag einzog, wurde wenige Jahre später Bundesfamilienministerin – und hat sich nun entschlossen, nach 15 Jahren nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren.

Dennoch mischt sie sich in politische Debatte ein, zuletzt in der Flüchtlingskrise, beim Thema Islam und Gewalt gegen Frauen. In einem Buch rechnete sie mit dem Feminismus ab und setzte sich vehement gegen eine Frauenquote ein. Ihre Vorschläge sind mal liberal, mal konservativ – und meist provokant.

Im Interview mit der Huffington Post beobachtet sie nun das Abschneiden ihrer Partei den vergangenen Landtagswahlen mit Sorge – und attestiert der CDU den falschen Ton beim Thema Flüchtlingskrise.

Wir trafen sie in ihrem Büro im Bundestag. "Uns gelingt es oft nicht mehr, die Sprache der Wähler zu sprechen", sagt sie. Gerade AfD-Wähler reagierten allergisch auf die "politisch korrekten Diskurse der etablierten Parteien".

Schröder fordert eine anderen Ansprache der Wähler. "Die Menschen dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass wir sie erziehen oder ihnen moralisch etwas vorschreiben wollen. Das ist der Sound des linken Lagers, aber nicht jener der CDU", sagt die CDU-Politikerin.

Lest hier das ganze Interview.

Frau Schröder, die CDU erlebte in Berlin ihre zweite Niederlage bei einer Landtagswahl innerhalb von zwei Wochen. Was läuft schief?

Ich bin darüber unzufrieden und unglücklich. Die CDU verliert nicht erst seit Sonntag, sondern schon seit Jahren in Länderparlamenten, die wir vor zehn, zwölf Jahren erobert haben. Uns gelingt es oft nicht mehr, die Sprache der Wähler zu sprechen.

Das bedeutet?

Gerade die AfD-Wähler, zu denen auch viele bürgerliche Wähler gehören, reagieren allergisch auf die politisch korrekten Diskurse der etablierten Parteien. Mit ihrem Kreuz versuchen viele Wähler, dagegen ein Zeichen zu setzen.

Muss die CDU mehr wie die AfD klingen?

Nein, das bestimmt nicht. Die Menschen dürfen aber nicht das Gefühl bekommen, dass wir sie erziehen oder ihnen moralisch etwas vorschreiben wollen. Das ist der Sound des linken Lagers, aber nicht jener der CDU.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn wir in der Familienpolitik zwischen "modernen“ und "überkommenen“ Rollenbildern unterscheiden und uns damit anmaßen, zu beurteilen, wie erwachsene Menschen ihr Zusammenleben organisieren.

Oder wenn es nach Terroranschlägen heißt: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Dann fühlen sich viele Wähler schlicht auf den Arm genommen.

War das "Wir schaffen das“ auch so ein Satz?

Nein, dieser einfache Satz wurde völlig überhöht. Und das Gegenteil „Wir schaffen das nicht“ ist sicher auch keine vernünftige Ansage. Viel wichtiger ist doch die Frage "Wie schaffen wir das?“.

Organisatorisch und finanziell trauen die Bürger uns die Bewältigung der Flüchtlingskrise schon zu. Aber bei der kulturellen, gesellschaftlichen Dimension müssen wir besser werden. Da brauchen wir in der CDU einen anderen Sound. Wir müssen unseren Wählern klar machen, dass wir in ihrer Welt leben – und dass ihre Probleme und Sorgen auch uns in unserer Politik umtreiben.

Das bedeutet?

Die Menschen müssen spüren, dass wir ein Gefühl dafür haben, was es bedeutet, wenn sie in einem Stadtteil leben, in dem es vom Arzt bis zum Bäcker alles auch auf Türkisch gibt. Oder was es bedeutet, wenn die Kinder in Schulen gehen, in denen 90 Prozent ihrer Mitschüler einen Migrationshintergrund haben. Dann sind Deutsche in der Minderheit und es gibt Fälle, in denen diese Menschen wegen ihres Deutschseins beschimpft, fertiggemacht und vielleicht sogar angegriffen werden. Das müssen wir als Union ernstnehmen und handeln.

Und wie?

Wir müssen offen klarmachen, dass es im Islam ein bestimmtes Bild von Männlichkeit und männlicher Ehre gibt, das auch mit Gewalt verknüpft ist. Das bekommen auch muslimische Frauen und liberale Muslime zu spüren. Die Burka ist Symbol eines radikalen Islams– auch wenn nicht jeder, der sie trägt, diese Haltung teilt. Alle Menschen, die hier leben, müssen sich mit unseren Werten identifizieren und an die Gesetze halten. Jene, die das nicht wollen, haben keinen Platz in unserem Land.

Kanzlerin Merkel hat einen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik angedeutet. Wie muss dieser Kurswechsel in Ihren Augen aussehen?

Die Politik der letzten Monate braucht keinen Kurswechsel. Gesetzlich haben wir für die Integration und eine verbesserte Abschiebepraxis viele nötige Korrekturen vorgenommen. Wir sollten aber die Probleme, die es mit dem Islam gibt – etwa dort, wo sich Parallelgesellschaften bilden oder wo es zu gewaltsamen Übergriffen kommt – klar benennen und nicht tabuisieren. Dann können wir auch Lösungen finden. Da sehe ich für die Union sogar eine große Chance, weil uns von allen etablierten Parteien am ehesten zugetraut wird, die Werte unseres Grundgesetzes durchzusetzen und eben nicht nur interkulturelle Sitzkreise zu veranstalten. So könnten wir AfD-Wähler zurückgewinnen.

Ist Kanzlerin Merkel mittlerweile ein Problem für die CDU?

Nein. Ganz im Gegenteil. Angela Merkel hat sich in den letzten Jahren großen Respekt verdient, etwa in der Bewältigung der Finanzkrise. Sie ist die Richtige für diesen Job – und ich kenne niemanden in der CDU, der eine erneute Kandidatur nicht unterstützen würde.

Äußerungen von Unionspolitikern ergeben aber ein anderes Bild.

Es stimmt, dass es ein gewisses Ringen darum gibt, auf welchen Feldern wir uns profilieren wollen. In einer schwarz-gelben Koalition leiden die Sozialpolitiker. Und nun in der Großen Koalition leiden vor allem die Wirtschaftspolitiker: Da fragen viele, wo unsere Unionspolitik geblieben ist. Zur Bundestagswahl müssen wir deswegen gerade in unseren Kernfelder Wirtschaft, Sicherheit und Integration wieder ein klares, unverfälschtes Profil zeigen.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(lp)